Lohnkosten steigen massiv: Britische Arbeitgeber warnen vor Jobverlusten und Umgehung des Arbeitsrechts
Mit Beginn des neuen Steuerjahres am 1. April stehen britische Unternehmen unter Druck: Die gleichzeitige Erhöhung des Mindestlohns und der Arbeitgeberanteile an den National Insurance Contributions (NICs) treibt die Lohnkosten in arbeitsintensiven Branchen spürbar in die Höhe. Vor allem im Niedriglohnbereich drohen gravierende Folgen – für Beschäftigte wie für die Arbeitsmarktzahlen.
Besonders betroffen sind Teilzeitkräfte und junge Arbeitnehmer. Laut Berechnungen der Resolution Foundation steigen die durchschnittlichen Lohnkosten um 3,4 Prozent, für die einkommensschwächsten zehn Prozent jedoch um 6,6 Prozent. Für einen Teilzeitbeschäftigten mit einem Jahreseinkommen von 10.000 Pfund ergibt sich sogar eine Belastung von 14,2 Prozent – bislang lag dieser Verdienst unterhalb der NICs-Grenze. Der Think-Tank prognostiziert infolgedessen einen beschäftigungsäquivalenten Rückgang von bis zu 85.000 Stellen, vor allem im unteren Einkommensbereich.
Ein anschauliches Beispiel liefert die Glenshire Group, größter Pizza-Hut-Franchisenehmer in Schottland. Über 100 Lieferfahrer erhielten Anfang März eine beunruhigende Nachricht: Um Kosten zu senken, könnten sie entweder Lohnkürzungen akzeptieren, in Inhouse-Rollen wechseln oder als Selbstständige weiterarbeiten. Zwar dementiert Glenshire Änderungen an bestehenden Verträgen, doch Gewerkschafter wie Bryan Simpson von Unite sprechen von einem „gefährlichen Präzedenzfall“ und befürchten eine Welle ähnlicher Maßnahmen in der Gastronomie.
Die Arbeitgeberseite steht mit dieser Problematik nicht allein. Einzelhändler wie Sainsbury’s, Morrisons und Tesco haben bereits mit Stellenabbau oder dem Streichen von Sonderzuschlägen reagiert. Während Tesco den Stundenlohn leicht über dem neuen Mindestlohn hält, entfallen künftig die Sonntagszuschläge. Die Zahl der Jobs im Gastgewerbe sank laut aktueller ONS-Daten im letzten Quartal 2024 um 1 Prozent.
Finanzverantwortliche wie James Hilton von der Personalberatung Hays berichten zudem von einem Anstieg temporärer Einstellungsstopps und verlängerten Entscheidungsprozessen nach dem Budget. Auch wenn die Gesamtbeschäftigung stabil geblieben ist, zeigt sich vielerorts eine Zurückhaltung beim Neueinstellen.
Zunehmend wird Kritik laut, dass die Maßnahmen der Regierung nicht ausreichend abgestimmt seien. Helen Dickinson vom British Retail Consortium warnt davor, dass Unternehmen künftig weniger flexibel auf Teilzeitwünsche reagieren oder bei der Einstellung junger oder gesundheitlich eingeschränkter Menschen zurückhaltender agieren könnten. Dies widerspreche direkt den politischen Zielen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur Integration von Langzeitarbeitslosen.
Die fiskalische Doppelbelastung der Unternehmen – durch Mindestlohnerhöhung und NICs-Anhebung – droht, gut gemeinte arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in ihr Gegenteil zu verkehren.

