Kein Scherz! Xbox-Produzent empfiehlt Gekündigten KI – und erntet einen Shitstorm
In einer Zeit, in der die Gaming-Industrie von einer Entlassungswelle nach der anderen erschüttert wird, ist jedes Wort der Unterstützung für die Betroffenen Gold wert. Doch manchmal schlägt die gut gemeinte Geste mit dem Feingefühl eines Bulldozers ein und hinterlässt mehr Schaden als Trost. Genau das ist Matt Turnbull, einem Executive Producer bei den Xbox Game Studios, passiert. In einem inzwischen gelöschten LinkedIn-Post schlug er vor, dass jene, die gerade ihren Job verloren haben, doch große Sprachmodelle (LLMs) wie ChatGPT oder Copilot für ihre „Karriereplanung und emotionale Klarheit“ nutzen sollten. Ein Vorschlag, der einen kollektiven Aufschrei der Empörung auslöste.
ChatGPT als Karriere-Coach und Emotions-Puffer
Turnbulls Beitrag war nicht nur ein flüchtiger Gedanke, sondern ein detailliertes Rezeptbuch für den Neuanfang via KI. Er lieferte konkrete Prompts, mit denen die Gekündigten die Sprachmodelle füttern sollten. „Diese Zeiten sind eine echte Herausforderung“, schrieb er, „und ich wäre nachlässig, wenn ich nicht versuchen würde, den besten Rat zu geben, den ich unter den Umständen geben kann.“ Sein Ziel: die „emotionale und kognitive Last, die mit dem Jobverlust einhergeht“, zu reduzieren. Die Vorschläge reichten von praktischer Hilfe – etwa die Bitte an die KI, als Karriere-Coach zu agieren und neue Job-Möglichkeiten aufzuzeigen oder den Lebenslauf für verschiedene Branchen zu formatieren – bis hin zu tiefgreifender emotionaler Stütze. Ein von ihm vorgeschlagener Prompt lautete: „Ich kämpfe nach meiner Entlassung mit dem Hochstapler-Syndrom. Kannst du mir helfen, diese Erfahrung neu zu bewerten und mich daran zu erinnern, was ich gut kann?“
Die zynische Pointe: Trost bei der eigenen Konkurrenz
Was Turnbull in seiner Blase offenbar völlig ausblendete, brachte Brandon Sheffield, Direktor der Necrosoft Games, auf den Punkt: Die Ironie ist an Zynismus kaum zu überbieten. Den Betroffenen zu empfehlen, Trost und Hilfe bei ebenjener Technologie zu suchen, die von den Konzernen als Werkzeug zur Effizienzsteigerung und potenziellen Ersatz für menschliche Arbeitskräfte vorangetrieben wird, ist nicht nur unsensibel – es ist weltfremd. „Nachdem Tausende von Menschen in deinem Unternehmen entlassen wurden“, so Sheffield, „solltest du ihnen vielleicht nicht vorschlagen, sich Trost bei der Sache zu holen, durch die du sie ersetzen willst.“ Diese fundamentale Fehleinschätzung war der Zündstoff für den Shitstorm, der Turnbull schließlich dazu zwang, seinen Beitrag zu löschen.
Ein Symptom der Branche: Massenentlassungen als „strategisches Wachstum“
Der Vorfall ist mehr als nur ein unglücklicher Ausrutscher. Er ist ein Symptom für eine tiefere Kluft zwischen der Management-Ebene und den Kreativen am Boden. Während Entwickler um ihre Existenzen bangen – die jüngste Welle bei Microsoft traf Berichten zufolge Studios wie den „Forza Motorsport“-Entwickler Turn 10 besonders hart, der fast die Hälfte seiner Belegschaft verlor – spricht die Führungsetage von strategischer Neuausrichtung. In einer internen Mail begründete Microsoft-Gaming-CEO Phil Spencer die Entlassungen damit, das Unternehmen für „nachhaltigen Erfolg zu positionieren und uns auf strategische Wachstumsbereiche zu konzentrieren“. Für die, die nun vor dem Nichts stehen, klingen solche Worte wie Hohn. Turnbulls Vorschlag war in diesem Kontext nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ein digitaler Verband auf einer klaffenden Wunde, der mehr Salz streut, als er heilt.

