Investmentweek

Italiens 13-Milliarden-Brücke: Bauprojekt oder Buchungstrick?

14. Juli 2025, 17:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Die geplante Brücke über die Straße von Messina wirft Fragen auf. Ist sie ein notwendiges Bauprojekt oder lediglich ein politisches Symbol?

Ein Brückenbau als Verteidigungsausgabe

Wer in Rom derzeit über Infrastruktur spricht, meint meist nicht Straßen oder Schienen, sondern Verteidigung. Genauer gesagt: eine Brücke, die noch nicht existiert – aber bereits seit Jahrzehnten Schlagzeilen macht.

3,3 Kilometer Spannweite, zwei Türme höher als der Eiffelturm und Kosten von über 13 Milliarden Euro: Die Brücke über die Straße von Messina, die das italienische Festland mit Sizilien verbinden soll, ist eines der ambitioniertesten Infrastrukturprojekte Europas. Und eines der umstrittensten.

Jetzt soll der Bau endlich beginnen – mit einem kreativen Kniff, den selbst römische Senatoren als „akrobatisch“ bezeichnen: Die Regierung Giorgia Meloni will das Projekt als militärisch deklarieren, um es als Beitrag zum Nato-Aufrüstungsziel zu verbuchen.

Wie aus einem Infrastrukturtraum ein Verteidigungsprojekt wird

Die NATO fordert, dass ihre Mitglieder bis 2035 fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung investieren – Italien liegt mit 1,49 Prozent bislang weit darunter.

Doch die Regeln lassen Spielraum: Nur 3,5 Prozent müssen tatsächlich in Waffen, Truppen oder Systeme fließen. Der Rest – immerhin 1,5 Prozent – darf für „strategische Resilienz“ genutzt werden. Also für Infrastruktur, die im Ernstfall auch militärisch nutzbar wäre.

Und hier kommt die Brücke ins Spiel.

Verkehrsminister Matteo Salvini und Außenminister Antonio Tajani argumentieren, dass die Verbindung zwischen Kalabrien und Sizilien im Krisenfall für den schnellen Transport von Nato-Truppen, Panzern und Material unverzichtbar sein könnte.

Kalabrien und Sizilien haben laut Istat seit Jahren das niedrigste BIP pro Kopf und leiden unter maroder Infrastruktur und hoher Jugendarbeitslosigkeit.

Ein Regierungsdokument vom April stuft die Brücke sogar offiziell als „Schlüsselinfrastruktur für die nationale und internationale Sicherheit“ ein. In der Theorie könnte sie damit Teil des EU-Finanzrahmens für militärische Mobilität werden.

Militärischer Nutzen – oder politisches Feigenblatt?

Doch die Idee ist nicht unumstritten. Kritiker sprechen von einer politischen Mogelpackung. Giuseppe Antoci, Europaabgeordneter der Fünf-Sterne-Bewegung, nennt das Vorhaben eine „Verhöhnung der Nato und der italienischen Bevölkerung“.

Und tatsächlich: Die offiziell ausgewiesenen Nato-Korridore für militärische Truppenbewegungen führen nicht über die Straße von Messina, sondern verlaufen über Apulien, Albanien und Bulgarien nach Osteuropa.

Selbst innerhalb der Nato wird die Einstufung der Brücke als Verteidigungsausgabe skeptisch betrachtet. Auf Nachfrage beim jüngsten Gipfel in Den Haag sollen US-Vertreter laut Medienberichten lediglich geschmunzelt haben.

Der alte Traum, neu verpackt

Der Plan, Sizilien ans Festland anzubinden, ist älter als die Republik Italien. Bereits unter Mussolini wurde darüber nachgedacht. Berlusconi versprach den Baubeginn mehrfach, legte die Pläne dann wieder auf Eis. Seitdem wird die Brücke regelmäßig zur Projektionsfläche politischer Ambitionen – und finanzieller Unmöglichkeiten.

Denn der Bau ist nicht nur teuer, sondern auch technisch anspruchsvoll. Die Straße von Messina liegt in einem seismisch aktiven Gebiet, ist über 70 Meter tief und stark frequentiert durch Schifffahrt. Zusätzlich müssten zahlreiche Anwohner in Kalabrien und auf Sizilien umgesiedelt werden – mit entsprechenden Klagewellen.

Genau diese juristischen Hürden will die Regierung mit der Einstufung als Sicherheitsprojekt nun umgehen. Der Vorteil: Weniger Umweltauflagen, weniger Mitsprache durch Regionen und Kommunen – mehr Entscheidungsfreiheit für Rom.

Realistische Mobilitätslösung – oder Symbolpolitik?

Doch selbst ohne juristische Klippen bleibt die Frage: Braucht es diese Brücke wirklich?

Sizilien und Kalabrien gehören zu den ärmsten Regionen Italiens. Die lokalen Straßen und Bahnverbindungen gelten als marode, die öffentlichen Dienstleistungen als unterfinanziert. Oppositionsparteien werfen der Regierung vor, auf Prestige statt auf Substanz zu setzen.

„Die Menschen in Messina stehen täglich im Stau, weil die Regionalzüge nicht fahren. Aber wir bauen lieber eine Brücke, über die dann niemand fahren kann“, so ein Regionalpolitiker aus Palermo.

Tatsächlich hat der Brückenbau keinen erkennbaren Vorrang in den nationalen Infrastrukturprogrammen Italiens – bis jetzt. Die Regierung will im Juli die endgültige Genehmigung vorlegen. Auch wenn damit noch lange kein Bagger rollt.

Ein Name, der Fragen aufwirft

Für zusätzliche Irritation sorgte ein PR-Vorschlag von Außenminister Tajani: Die Brücke solle nach Silvio Berlusconi benannt werden – jenem Ex-Premier, der für seine Prozesse und Skandale ebenso bekannt war wie für große Worte und kleine Resultate. Dass ein solch umstrittenes Symbol zum Namensgeber eines Verteidigungsprojekts wird, sorgt selbst in konservativen Kreisen für Kopfschütteln.

Zwischen Beton und Budgetlogik

Der Fall zeigt beispielhaft, wie flexibel europäische Regierungen mittlerweile auf die gestiegenen Rüstungsvorgaben reagieren. Infrastruktur wird umetikettiert, politische Projekte erhalten einen militärischen Anstrich, Verteidigungsausgaben werden kreativ gebucht. Italien ist dabei kein Einzelfall – aber besonders ambitioniert.

Ob die Nato diesen Vorstoß akzeptiert, ist offen. Ob die Brücke je gebaut wird – noch viel mehr. Aber eines ist klar: Die Diskussion ist symptomatisch für die neue Rhetorik in Europa. Wo früher von Verkehr und Wirtschaft die Rede war, geht es heute um Resilienz, Sicherheit, Mobilität – und manchmal auch einfach nur ums Geld.

Finanzen / Travel / Infrastruktur / Verteidigung / NATO
[InvestmentWeek] · 14.07.2025 · 17:00 Uhr
[0 Kommentare]
cryptocurrency, bitcoin, coin, money, digital, finance, crypto, cognac, liquor, clock
American Bitcoin (ABTC), ein von der Trump-Familie unterstütztes Unternehmen, hat seine Finanzergebnisse für das erste Quartal 2026 veröffentlicht und dabei einen Nettoverlust von fast 82 Millionen Dollar ausgewiesen. Dies geschah trotz eines Rekordabbaus von 817 Bitcoin (BTC). Steigende Mining-Leistung, aber fallender BTC-Preis belastet Einnahmen Den […] (00)
vor 1 Stunde
Christian Mathenia (Archiv)
Nürnberg - In der Samstagabendpartie des 33. und damit vorletzten Zweitligaspieltags hat der 1. FC Nürnberg haushoch gegen Schalke 04 mit 3: 0 gewonnen. Für beide Mannschaften ging es ausschließlich um die Ehre: Schalke stand schon vor der Partie als Zweitligameister fest, die Nürnberger hatten sich im Mittelfeld festgesetzt und wissen schon lange, dass […] (00)
vor 1 Stunde
Kneecap
(BANG) - Kneecap werden die Gewinne ihres neuen Albums 'Fenian' an wohltätige Organisationen spenden. Das zweite Studioalbum der Band aus West-Belfast – der Nachfolger von 'Fine Art' – erschien am 1. Mai und schoss in Großbritannien bereits auf Platz zwei der Charts. Damit ist es das irischsprachige Album mit der höchsten Chartplatzierung in der […] (00)
vor 9 Stunden
Review: Dreame Z30 Pro Aqua/Aqua-A im Test
Mit dem Dreame Z30 Pro Aqua hatten wir einen Stielstaubsauger im Einsatz, der auf den ersten Blick wie ein klassischer Akkustaubsauger wirkt, im Alltag aber deutlich mehr kann. Das Gerät kombiniert starke Saugleistung, flexible Bodenreinigung, Nassreinigung, intelligente Schmutzerkennung und eine praktische Station in einem System. Genau diese Mischung […] (00)
vor 5 Stunden
PS6: Warum die ersten großen Spiele längst entstehen dürften
Die PlayStation 6 ist noch nicht offiziell angekündigt. Trotzdem wird immer klarer: Sony bereitet die nächste Konsolen-Generation längst vor. Nicht mit einem großen Trailer, nicht mit einem Preis und auch nicht mit einem Termin. Sondern mit Investitionen, Technik-Partnerschaften und ersten Hinweisen darauf, wie Spiele in Zukunft aussehen könnten. Für […] (00)
vor 1 Stunde
Renée Zellweger
(BANG) - Renée Zellweger wird zusammen mit Sissy Spacek und Mia Threapleton in 'A Woman in the Sun' zu sehen sein. Die Oscar-Preisträgerinnen Zellweger ('Unterwegs nach Cold Mountain', 2004, und 'Judy', 2020) und Spacek ('Nashville Lady', 1980) werden gemeinsam mit Threapleton – der Tochter von Kate Winslet – im kommenden Regiedebüt von Julia Cox […] (02)
vor 9 Stunden
1. FC Nürnberg - FC Schalke 04
Nürnberg (dpa) - Nach dem Feiertrip auf die Party-Insel Ibiza haben die Bundesliga-Aufsteiger des FC Schalke 04 eine nicht mehr schmerzende Niederlage beim 1. FC Nürnberg kassiert. Für das «Club»-Team von Trainer Miroslav Klose war das 3: 0 (2: 0) nach einem Eigentor von Ron Schallenberg (20. Minute) sowie Treffern von Henri Koudossou (45.+2) und […] (00)
vor 1 Stunde
Gemeinsam Chancen schaffen: Town & Country Stiftung würdigt Ehrenamt
Erfurt, 09.05.2026 (lifePR) - Bereits zum 12. Mal wurde in diesem Jahr der Town & Country Stiftungspreis ausgelobt. Bundesweit fördert die Stiftung im Rahmen des Projekts 300 Vereine, Organisationen und Initiativen, die sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche einsetzen mit insgesamt über 300.000 €. Am Samstag, den 9. Mai, wurden in Erfurt zwölf […] (00)
vor 3 Stunden
 
Klingbeil und Merz
Berlin (dpa) - Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die schwarz-rote Koalition […] (00)
kostenloses stock foto zu aktienmarkt, bargeldlos, berlin
Während der Großteil des Kryptomarktes in den letzten Wochen deutliche Gewinne […] (00)
Michael C. Jakob: Warum er der seriöseste Finfluencer Deutschlands ist
Der Begriff „Finfluencer" ist in Deutschland zu einem Reizwort geworden – und das aus […] (00)
Friedrich Merz und Alice Weidel (Archiv)
Berlin - Die AfD liegt im aktuellen "Sonntagstrend" des Instituts Insa erstmals fünf […] (12)
SC Freiburg - SC Braga
Freiburg (dpa) - Gefühlt lag sich ganz Freiburg in den Armen. «Surreal» und «brutal» […] (06)
Hayley Williams
(BANG) - Fans von Hayley Williams können bei ihrer kommenden Tour "spannende […] (00)
Die Notwendigkeit von Innovation In einer Welt, in der wirtschaftliche Volatilität […] (00)
David Attenborough wird 100
London (dpa) - Tiere als royale Briefträger: Der britische König Charles III. (77) […] (01)
 
 
Suchbegriff