Großbritannien

Ist das Gesetz oder kann das weg? - Londons Brexit-Feuerwerk

31. Januar 2023, 14:53 Uhr · Quelle: dpa
Vor drei Jahren hat Großbritannien die EU verlassen. Noch immer sucht die konservative Regierung nach Wegen, diesen Schritt zum Erfolg zu machen. Nun will man sich radikal von alten Fesseln lösen.

London (dpa) - Der Brexit, ein Eigentor? Drei Jahre nach dem EU-Austritt Großbritanniens hält die Mehrheit der krisengeplagten britischen Bevölkerung den Schritt für einen Fehler, wie Umfragen zeigen. Für die regierenden Brexit-Befürworter ist der Druck daher groß wie nie, endlich greifbare Vorteile zu liefern. Mit einem kontroversen Vorhaben will man sich von allen Fesseln lösen, die aus den alten Zeiten übrig sind - Mission «Feuerwerk der EU-Vorschriften».

Vereinfacht besagt das geplante Gesetz: Was seine Wurzeln in der EU hat, muss weg - Inhalt nebensächlich. Eine Klausel, im Original «Sunset Clause» genannt, sorgt dafür, dass mit wenigen Ausnahmen wie etwa für den Finanzsektor alle Gesetze aus EU-Zeiten automatisch zum Ende des Jahres auslaufen sollen.

Auf die Frage, ob das Vorhaben ideologisch getrieben sei, zögert die Rechtsexpertin Joelle Grogan von der Denkfabrik UK in a Changing Europe keine Sekunde: «Fast ausschließlich», lautet ihr Urteil.

Auf den ersten Blick mag der in Großbritannien heimische Otter wenig mit der Regelarbeitszeit von Angestellten und der Qualität von Geflügel gemeinsam haben. Doch London macht es möglich, dass ihr Schutz von dem gleichen Vorhaben bedroht ist - dem sogenannten «Retained EU Law Bill», der seine erste Hürde im Unterhaus bereits genommen hat.

Tausende Gesetze einfach kopiert

Eine Datenbank der Regierung hat 2400 Gesetze identifiziert, die nach dem Brexit einfach aus dem EU-Recht in britisches Recht kopiert wurden. Medienberichte gehen davon aus, dass es noch Tausende mehr sein könnten. «Es ist wirklich erstaunlich, dass Gesetze auslaufen sollen, von denen wir gar nicht wissen, welche es sind», meint Juristin Grogan im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Während auch Nicht-Brexit-Anhänger gezielte Reformen der übernommenen Gesetze durchaus begrüßen, sorgt der eingeschlagene Kurs für Aufsehen. «Die einzige Sicherheit bei diesem Gesetz ist die Unsicherheit», betont Grogan. Die Liste der Akteure, die schriftlich Einwände geäußert haben, ist lang: Sie reicht von Umweltorganisationen über Kreative, Wirtschaftsverbände, Unternehmensberatungen bis hin zum Facebook-Konzern Meta.

Was sie befürchten, hat es in sich: Chemikalien könnten unreguliert in Lebensmitteln oder Landwirtschaft landen, Musiker Probleme mit Urheberrechten bekommen, bedrohte heimische Arten wie Otter oder Delfine aussterben, Beschäftigte ihren Arbeitgebern schutzlos ausgeliefert sein oder die Sicherheit auf dem Bau, im Flugzeug, im Internet oder der Energieversorgung leiden - und das ist nur eine kleine Auswahl der möglichen Folgen.

Nur «Fehlschüsse» aus «Wunderwaffe»

Für die Tories geht es primär darum, die versprochenen «Brexit-Freiheiten» zu nutzen. Premier Rishi Sunak, der in einem Wahlkampf-Video reihenweise EU-Gesetzestexte in den Papierschredder beförderte, steht von Seiten der erzkonservativen Brexiteers seiner Partei enorm unter Druck. «Die Brexiteers sollten sich darum sorgen, dass das Gesetz, nachdem eine Wunderwaffe versprochen wurde, nur Fehlschüsse abfeuert», schreibt Politikexpertin Jill Rutter von der Denkfabrik Institute for Government in einem Gastbeitrag in der «Financial Times». Doch Sunak will an dem von seinen Vorgängern eingebrachten Gesetz festhalten und rief kürzlich zu einer «gemeinsamen Kraftanstrengung» auf. Um Chaos zu verhindern, müssten in allen Ministerien im Akkord EU-Gesetze geprüft und reformiert werden, was mit den verfügbaren Ressourcen als unmöglich gilt.

Selbst die britische Wirtschaft scheint das möglichst schnelle Ende der EU-Regelungen nicht herbeizusehnen: In einer Umfrage des Verbands British Chambers of Commerce gab etwa die Hälfte von rund 940 befragten Unternehmen an, die Deregulierung habe keine oder nur eine geringe Priorität für sie. «Unternehmen haben dieses Gesetz nicht gefordert», sagt dazu William Bain, der sich bei dem Verband um Handelspolitik kümmert. «Sie fordern kein Feuerwerk der Vorschriften nur um des Feuerwerks Willen.» Zu große Abweichungen von EU-Regeln könne den Handel sogar noch weiter erschweren.

Schiefe Ebene für den Wettbewerb

Diese Gefahr sieht auch Grogan: Würden allerlei Gesetze auslaufen, sei es wahrscheinlich, dass Großbritannien damit gegen den Brexit-Handelsvertrag mit der EU verstoße, da die Vorgaben für ebenbürtige Wettbewerbsbedingungen nicht mehr gegeben seien.

Als nächstes muss das Gesetz im Oberhaus die nächste Hürde nehmen, wo deutlicher Widerstand erwartet wird. «Die Lords werden kritisch sein», ist sich Grogan sicher. Sollte das Gesetz am Ende abgeschwächt durchkommen, könnte das für Sunaks Regierung sogar eine gesichtswahrende Lösung bedeuten, meinen manche Experten.

Vorteile können dem «Feuerwerk» außerhalb der Tory-Kreise nur wenige abgewinnen. «Es ist nur geringfügig weniger dumm, als ein Gesetz zu verabschieden, dass vorsieht, dass Großbritannien bis Ende 2023 eine Kolonie auf dem Mars haben sollte», kommentiert die «Financial Times». «Und das hätte immerhin den Vorteil, ambitioniert zu sein und Gelder für die britische Raumfahrtindustrie bereitzustellen.»

EU / Regierung / Parlament / Brexit / Großbritannien / Europa
31.01.2023 · 14:53 Uhr
[11 Kommentare]
Netzwerk-Patchpanel (Archiv)
Paris - Frankreich verlangt von den EU-Partnern mehr Entschlossenheit im Ringen um Social-Media-Verbote für Jugendliche. "Europa sollte in dieser Auseinandersetzung selbstbewusster sein", sagte Clara Chappaz, Digital-Botschafterin von Präsident Emmanuel Macron, dem "Spiegel". Zusammen habe man mehr Macht gegenüber den Techriesen und könne auf […] (00)
vor 14 Minuten
Dame Julie Andrews
(BANG) - Dame Julie Andrews hat in einer Videobotschaft für den Welt-Parkinson-Kongress einen seltenen öffentlichen Auftritt absolviert. Die 90-jährige Legende, die mit Rollen in Filmen wie 'Mary Poppins' und 'The Sound of Music' weltweit berühmt wurde, erschien in einer auf YouTube veröffentlichten Videobotschaft der World Parkinson Coalition. Darin […] (00)
vor 1 Stunde
Ein Mann zeigt mit dem Finger auf einen Namenscluster
Ludwigsfelde (dpa/tmn) - Wer weiß schon, wo außer den direkten Verwandten noch Menschen mit demselben Nachnamen wohnen? Herausfinden lässt sich das auf der Webseite «Geogen» - der Name steht für «geografische Genealogie», was so viel bedeutet wie ortsbezogene Ahnenforschung. So erklärt es Entwickler Christoph Stöpel auf der Seite. Dreh- und Angelpunkt […] (00)
vor 10 Stunden
The Elder Scrolls 6 und Fallout-Remaster: Neue Gerüchte zeichnen düsteres Bild für Bethesda-Fans
The Elder Scrolls 6 lässt noch ewig auf sich warten und selbst die erhofften Fallout Remasters sind noch in weiter Ferne. Jüngste Gerüchte aus einem bekannten Branchen-Podcast schütten einen ordentlichen Eimer kaltes Wasser über die Hoffnungen der Bethesda-Fangemeinde und deuten darauf hin, dass die Geduld der Spieler auf eine sehr, sehr harte Probe […] (00)
vor 19 Minuten
Primetime-Check: Montag, 25. Mai 2026
Der Ranking an Pfingsten offenbart noch mehr Negativrekorde für die RTL-Gruppe: «First Dates Hotel» bei VOX bretterte auf einen historischen Tiefpunkt. Ungewohntes Bild: Sat.1 ausnahmsweise mal ganz vorne, wo ran Fußball: Relegation Bundesliga Wolfsburg-Paderborn übertragen wurde. Letztlich fieberten ab 20.30 Uhr im Schnitt bereits ganz starke 24,7 Prozent bei 0,91 Millionen der […] (00)
vor 1 Stunde
Tennis French Open
Paris (dpa) - Freundinnen im Leben, Rivalinnen auf dem Platz - für Eva Lys schließt das eine das andere nicht aus. «Früher sagte man ja immer, Freundschaften im Sport sind nicht möglich», sagte die deutsche Tennisspielerin bei den French Open in Paris, «aber bei mir war es eigentlich von Tag eins an anders». Die 24-Jährige pflegt auf der Tour auch privat einen engen Kontakt unter anderem zu […] (00)
vor 5 Stunden
Polymarket plant mit japanischem Glücksspiel-Beben die totale Markteroberung
Japan wird zum neuen strategischen Schlachtfeld für das Überleben der Plattform Der Vorstoß nach Japan ist kein Zufall, sondern eine verzweifelte Notwendigkeit in einem sich zuspitzenden globalen Existenzkampf. Während sich die juristische Schlinge in den Vereinigten Staaten immer enger zuzieht und die Konkurrenz durch Herausforderer wie Kalshi Inc. […] (00)
vor 18 Minuten
Thomas Wüst´s Praxistipps für Führungskräfte im Verkauf - Smarketing als Chance
Zwiesel, 26.05.2026 (lifePR) - Kommen Ihnen diese Sätze bekannt vor? Sie beschreiben ein typisches Spannungsfeld, das Unternehmen – gerade im Mittelstand – aktuell teuer zu stehen kommt. In Zeiten, in denen Kaufentscheidungen schneller fallen als je zuvor und Kunden immer anspruchsvoller werden, ist es entscheidend, dass Marketing und Vertrieb Hand in […] (00)
vor 1 Stunde
 
Frankfurter Börse
Frankfurt/Main - Der Dax ist am Dienstag mit leichten Kursverlusten in den Handelstag […] (00)
Raucherin (Archiv)
Wiesbaden - In Deutschland raucht weiterhin knapp ein Fünftel der Bevölkerung. 19,1 […] (00)
Erster Impfstoff für Menschen gegen Borreliose wirkt in Studie zu 73,2 Prozent
Für Hunde gibt es ihn bereits, für Menschen lässt er schon viel zu lange auf sich […] (01)
Jugendlicher Raucher (Archiv)
Berlin - Der Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse fordert […] (01)
Tennis French Open
Paris (dpa) - Tennisspielerin Eva Lys hat zum zweiten Mal in ihrer Karriere die […] (00)
Review: Scapade AirPass – Reisepasshülle mit Apple Find My Tracking
Die Scapade AirPass wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Reise-Accessoire: […] (00)
Positive Marktentwicklung durch Friedenshoffnungen Am Pfingstmontag zeigt sich eine […] (00)
«Donna Leon» gegen WM: Das Erste kontert England-Spiel mit Krimi-Doppel
Während ein weiteres WM-Spiel beim ZDF läuft, setzt Das Erste am Mittwochabend auf bewährte […] (00)
 
 
Suchbegriff