Gaza-Krieg

Israel will die Stadt Gaza einnehmen: Was sind die Folgen?

08. August 2025, 15:35 Uhr · Quelle: dpa
Israel weitet seinen Militäreinsatz aus: Das Sicherheitskabinett hat zugestimmt, dass die Armee die Stadt Gaza einnehmen soll. Welche Folgen könnte dieser Schritt haben?

Tel Aviv/Gaza (dpa) - Israel will seinen Militäreinsatz im Gazastreifen ausweiten. Nach stundenlangen Beratungen beschloss das israelische Sicherheitskabinett die Einnahme der Stadt Gaza - womöglich mit dem Ziel, die Kontrolle über das gesamte Küstengebiet zu übernehmen. Die größte Stadt des Gazastreifens war seit dem Beginn des Kriegs vor rund 22 Monaten bereits mehrfach Ziel israelischer Angriffe. Fragen und Antworten zu den möglichen Auswirkungen:

Welche Ziele verfolgt Israel?

In einer Erklärung des Büros von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach dem Beschluss des Sicherheitskabinetts hieß es, fünf Prinzipien zur Beendigung des Kriegs seien verabschiedet worden: die Entwaffnung der Hamas, die Rückkehr aller Geiseln - lebend oder tot -, die Entmilitarisierung des Gazastreifens, die militärische Kontrolle des Küstengebiets durch Israel sowie die Einrichtung einer Zivilverwaltung, die weder der Hamas noch der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) unterstehen soll.

In einem Interview mit dem US-Sender Fox News vor der Sitzung des Sicherheitskabinetts sagte Netanjahu noch, Israel wolle die Kontrolle über den gesamten Gazastreifen übernehmen, das Gebiet aber nicht dauerhaft besetzen. Es solle von der Hamas befreit werden, um es schließlich an andere Kräfte zu übergeben. Dies müssten Kräfte sein, die nicht wie die islamistische Terrororganisation Hamas zur Vernichtung Israels aufriefen. 

Medien spekulieren, dass die nun konkrete Ankündigung einer Ausweitung der Kämpfe auch Teil einer Verhandlungstaktik sein könnte, um die Hamas in den festgefahrenen Verhandlungen um eine Waffenruhe massiv unter Druck zu setzen. Israelische Politiker deuteten eine solche Strategie an. Der N12-Sender berichtete, Katar und Ägypten sowie die Türkei würden bereits Druck auf die Hamas ausüben, rasch an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Was bedeutet das für die Bevölkerung im Gazastreifen?

Zerstörung, Trümmer und Elend prägen rund 22 Monate nach Beginn des verheerenden Gaza-Kriegs das Bild in dem Küstenstreifen. Die humanitäre Lage vor Ort wird bereits jetzt als katastrophal beschrieben. Nach Angaben der Vereinten Nationen droht zudem eine Hungersnot in dem Gebiet.

Israels Militär kontrolliert derzeit rund 75 Prozent der Fläche des Gazastreifens. Die Stadt Gaza gehört zu jenen Teilen des Küstengebiets, die noch nicht unter israelischer Kontrolle sind. Vor dem Krieg lebten dort etwa 700.000 Menschen. Viele Menschen haben das Gebiet bereits verlassen, dennoch wird erwartet, dass die Eroberung zur Flucht zahlreicher weiterer Menschen führen wird. Kriegshandlungen im urbanen Raum gelten als besonders tödlich für Zivilisten.

Der TV-Sender N12 berichtete, die Bewohner sollen in Flüchtlingslager im Zentrum des Gazastreifens evakuiert werden - dies solle bis Anfang Oktober geschehen. Bereits jetzt sind diese Lager überfüllt, die hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen dort gelten als gesundheitsgefährdend, wiederholt warnten Hilfsorganisationen vor Krankheitsausbrüchen.

Bereits frühere Andeutungen über die Einnahme weiterer Gebiete sorgten unter der palästinensischen Bevölkerung für Befürchtungen über eine neue Welle der Flucht und Vertreibung - ähnlich wie während des Kriegs im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948 und während des Sechstagekriegs 1967. 

Was bedeutet das für die Geiseln?

Die Armeeführung sieht in einer Ausweitung der Kämpfe das Risiko, dass die Geiseln in Gefahr geraten und von ihren Entführern getötet werden könnten, sollten sich Israels Truppen den Orten nähern, wo sie festgehalten werden. Militärs warnten einem Bericht der Zeitung «Jediot Achronot» zufolge davor, tief in die anvisierten Gebiete vorzudringen - eine Ausweitung der Kämpfe könnte zum «vollständigen Verlust aller Geiseln» führen.

Auch Angehörige der Entführten sprechen sich immer wieder gegen militärische Befreiungsversuche aus und drängen stattdessen auf eine Einigung zur Beendigung des Kriegs. Nach israelischer Einschätzung befinden sich noch 50 Geiseln in Gaza, davon sollen 20 noch am Leben sein.

Israelische Medien zitierten allerdings einen Offiziellen mit den Worten: «Wenn wir jetzt nicht handeln, werden die Geiseln verhungern und Gaza wird unter der Herrschaft der Hamas bleiben.» Zuletzt veröffentlichten die Hamas und der Palästinensische Islamische Dschihad (PIJ) abscheuliche Propaganda-Videos von zwei Geiseln. Dort sind der Deutsch-Israeli Rom Braslavski (21) und Evjatar David (24) abgemagert und ausgezehrt zu sehen.

Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?

Großbritanniens Premierminister Keir Starmer forderte Israels Regierung am Freitag auf, ihre Entscheidung zur Ausweitung sofort zu überdenken. «Diese Maßnahme wird weder zur Beendigung des Konflikts noch zur Freilassung der Geiseln beitragen. Sie wird nur zu weiterem Blutvergießen führen», sagte er. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fordert Israel auf, eine weitere militärische Eskalation im Gazastreifen zu hinterfragen.

Die Bundesregierung ergriff nach zuletzt immer schärferer Kritik am militärischen Vorgehen Israels nur wenige Stunden nach dem Beschluss des Sicherheitskabinetts erstmals konkrete Maßnahmen gegen den Freund und Partner Israel. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte am Mittag an, dass vorerst keine Ausfuhren von Rüstungsgütern genehmigt würden, die im Gaza-Krieg verwendet werden könnten.

Zuletzt hatte die internationale Kritik an Israels Vorgehen im Gazastreifen bereits massiv zugenommen. In Israel ist oft die Rede von einem «diplomatischen Tsunami» - auch enge Verbündete des jüdischen Staates kritisieren die Regierung in Jerusalem inzwischen scharf. Einige Länder haben zuletzt bereits Sanktionen gegen Israel erwägt.

Welche anderen Folgen könnte die Entscheidung für Israel haben?

Eine weitere umfangreiche Bodenoffensive in urbanem Gebiet – auch wenn bislang unklar ist, wann diese beginnen könnte – birgt erhöhte Risiken auch für die israelischen Soldaten. Bereits jetzt drücken viele Israelis den Wunsch nach einem Kriegsende aus. Die Bestürzung in der Gesellschaft über gefallene Soldaten in diesem Jahr war bereits groß – zusätzliche Verluste auf israelischer Seite könnten die Unterstützung für den Krieg weiter untergraben.

Innenpolitisch befindet sich Regierungschef Netanjahu bei der Frage, wie es mit dem Gazastreifen weitergeht, in einer Zwickmühle. Seine rechtsextremen Koalitionspartner fordern offen die Einnahme des gesamten Gebiets sowie die Vertreibung der Palästinenser. Gemäßigte Mitglieder der Regierung halten sich diesbezüglich zurück. Die meisten Oppositionsparteien lehnen dies vehement ab. Eine weitere Spaltung innerhalb der politischen Lager könnte die Folge sein.

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08.08.2025 · 15:35 Uhr
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