Insolvenzwelle rollt weiter – 49.000 Jobs im ersten Quartal betroffen
Die Zahl der Firmeninsolvenzen in Deutschland bleibt auf hohem Niveau – und signalisiert einen Strukturwandel in der Wirtschaft. Im ersten Quartal 2025 zählten die Amtsgerichte 4237 insolvente Unternehmen, ein Prozent mehr als im Vorquartal. Besonders betroffen war die Industrie: Allein in den größten zehn Prozent der zahlungsunfähigen Firmen standen im März über 16.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um 43 Prozent – auch wenn der Monatswert im März gegenüber Februar leicht um 13 Prozent sank. Im gesamten Quartal belief sich die Zahl der betroffenen Beschäftigten auf 49.000. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sieht darin einen belastbaren Frühindikator für die volkswirtschaftliche Tragweite der Entwicklung.
Die Ursachen reichen über die aktuelle Konjunkturschwäche hinaus. „Der Zinsanstieg und der Wegfall staatlicher Stützungsmaßnahmen ab 2022 haben einen Nachholeffekt ausgelöst“, sagt Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung. Auch die Reform des Insolvenzrechts, die den Zugang zur gerichtlichen Sanierung erleichtert, habe die Zahlen steigen lassen. Unternehmen nutzten zunehmend das Insolvenzverfahren als strategisches Werkzeug.
Auffällig ist die regionale Verteilung: Allein Nordrhein-Westfalen verzeichnete im März 339 Insolvenzen, gefolgt von Bayern (204) und Baden-Württemberg (147). Gemessen an der Einwohnerzahl liegt Berlin mit 10,9 Insolvenzen je 100.000 Personen an der Spitze.
Seit Ende 2024 bewegen sich die Insolvenzwerte auf einem Niveau wie zuletzt während der Finanzkrise 2009. Laut IWH ist das teilweise eine überfällige Marktbereinigung. Über Jahre verhinderten Niedrigzinsen und Pandemiehilfen das Ausscheiden schwacher Unternehmen – dieser Effekt werde nun korrigiert.
Die Unsicherheit bleibt hoch: Mit den erwarteten Konjunktureffekten der US-Zölle auf europäische Exporte sehen Ökonomen keine kurzfristige Entlastung. Investitionen etwa in die Infrastruktur dürften frühestens ab 2026 wirksam werden.

