Gerresheimer im Bilanzierungsdilemma: Aktie taumelt unter die 20-Euro-Marke

Der Düsseldorfer Verpackungsspezialist Gerresheimer stürzt in eine Krise: Aufgrund anhaltender Bilanzierungsprobleme vergangener Geschäftsjahre muss das Unternehmen die für Ende Februar 2025 geplante Veröffentlichung seines Jahres- und Konzernabschlusses auf unbestimmte Zeit verschieben. Diese Nachricht sorgte für Entsetzen an den Finanzmärkten: Die Aktie des im SDax notierten Unternehmens brach am Mittwoch dramatisch um mehr als 25 Prozent ein und rutschte auf ein Niveau unter 20 Euro zurück, was zuletzt während der Finanzkrise 2009 der Fall war. Der jüngste Kursrutsch beendet den im November gestarteten Versuch, den Aktienkurs zu stabilisieren.
Im Vorjahr lag der Preis für ein Gerresheimer-Papier im Februar noch bei etwa 80 Euro, angetrieben von Übernahmespekulationen, die jedoch bald zerstreut wurden. Zudem wurden Gespräche mit Finanzinvestoren über ein Übernahmeangebot im Juli 2025 ergebnislos beendet. Hinzu kam eine schleppende Geschäftsentwicklung, die dazu führte, dass der Konzern seine finanziellen Zielvorgaben senken musste.
Der renommierte Analyst David Adlington von JPMorgan betonte in seiner Sofortreaktion die prekäre Lage: Wegen der erheblichen Unsicherheit bei den bisherigen Geschäftszahlen, Prognosen und der Verschuldungsentwicklung stünde die Aktie unter starkem Druck. Gerresheimer gab bekannt, dass auf interne Hinweise hin gemeinsam mit dem Abschlussprüfer zusätzliche Untersuchungen durch eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bezüglich der Erfassung von Umsatzerlösen und der Bilanzierung für die Jahre 2024 und 2025 durchgeführt werden.
Vorläufige Erkenntnisse deuten darauf hin, dass einzelne Mitarbeitende gegen interne Richtlinien verstoßen haben, was zu notwendigen Korrekturen in der Gewinn- und Verlustrechnung führte. Besonders betroffen sind die Erfassung von Umsatzerlösen sowie die Bewertung von Vorräten. Im Geschäftsjahr 2024 wurde der Umsatz um 35 Millionen Euro überhöht ausgewiesen; nun sind 17 Millionen Euro dieser Abweichung bekannt. Das bereinigte Ebitda verringerte sich folglich um 24 Millionen Euro. Ursprünglich hatte der Konzern für 2024 einen Umsatz von über zwei Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis von gut 420 Millionen Euro gemeldet.
Für 2025 seien auch Korrekturen geplant, einschließlich eines möglichen Umsatzeinbruchs von bis zu vier Prozent. Die angepasste Ebitda-Marge wird nun zwischen 16,5 und 17,5 Prozent erwartet, deutlich niedriger als zuvor prognostiziert. Das bereinigte EPS könnte im hohen zweistelligen Prozentbereich zurückgehen, möglicherweise mit einem Verlust.
Zudem sind Abschreibungen zwischen 220 und 240 Millionen Euro geplant, hauptsächlich aufgrund von Entwicklungen bei Sensile Medical in der Schweiz und in den USA bei Gerresheimer Moulded Glass Chicago. Der Konzern plant, seine US-Tochter Centor noch 2025 zu veräußern, während der Verkaufsprozess des Moulded-Glass-Geschäfts auf unbestimmte Zeit verschoben wird. Das Chicagoer Werk soll Ende des Jahres geschlossen werden.
Trotz eines schwachen ersten Halbjahres 2026 erwartet Gerresheimer eine Erholung des Geschäfts und stabilere Margen. Der Umsatz für 2026 wird ohne Akquisitionen oder Veräußerungen auf 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro geschätzt, bei einer Ebitda-Marge von 18 bis 19 Prozent.
Auslöser der Unsicherheit war ein Prüfverfahren der Bafin wegen möglicher Verfehungen bei 'Bill-and-Hold'-Vereinbarungen, die bereits im Vorjahr unangemessene Umsatzerfassungen hätten bewirken können. Gerresheimer hat daraufhin seine Bilanzierungsmethoden reformiert und auf die umstrittene Praxis verzichtet.
Nach einer Reihe von Gewinnwarnungen und der Abwertung des Aktienkurses trat zum Ende des Vorjahres der langjährige CEO Dietmar Siemssen zurück. Wolf Lehmann löste den vorzeitig ausgeschiedenen Finanzchef Bernd Metzner ab, während Uwe Röhrhoff, ehemaliger CEO von 2010 bis 2017, seither interimistisch das Unternehmen leitet.

