Aberglaube

Freitag, der 13., verliert kulturell an Bedeutung

12. Januar 2023, 07:36 Uhr · Quelle: dpa
Forschern zufolge hat der Aberglaube vom Unglück am Freitag, dem 13., in Deutschland mächtig an Bedeutung eingebüßt. Was bleibt noch vom vermeintlichen Unglückstag?

Berlin (dpa) - Pech, Kummer, Unglück - mit Freitag, dem 13., sind meist unschöne Assoziationen verknüpft. Sind - oder doch eher waren? Für Kulturwissenschaftler gerät dieser Aberglaube, der heute korrekt Volksglaube heißt, im Bewusstsein der Deutschen zunehmend in Vergessenheit. Grund dafür könnte eine Melange aus Säkularisierung, Digitalisierung und einer Gegenwart sein, die von Pandemie bis Krieg in Europa sehr reale Schrecken bereithält. Eine Phobie, also eine krankhafte Angst nur vor Freitag, dem 13., hat es als eigenständiges Krankheitsbild ohnehin nie gegeben.

Gunther Hirschfelder, Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, forscht schon seit Jahrzehnten über Phänomene wie Freitag, dem 13. Im Jahr 2000 führten seine Studentinnen und Studenten dazu Tiefeninterviews im Rheinland. Immerhin rund ein Drittel der zufällig ausgewählten Befragten gab damals unumwunden zu, dass dieser Tag eine Bedeutung für sie habe.

Bedeutung von Glück und Unglück hat sich verändert

Ein ähnliches Ergebnis hält Hirschfelder heute für unwahrscheinlich. «Wir verhandeln Glück und Unglück nicht mehr so», sagt er. Es glaubten auch nicht mehr so viele Menschen wie früher an übergeordnete Mächte. «Glück und Unglück bedeutet für viele Leute heute irgendwie, gesund zu sein oder bei Dating-Apps wie Parship und Tinder nicht weggewischt zu werden», ergänzt der Wissenschaftler.

«Freitag, der 13., lebte davon, dass wir in der betulichen Zeit der alten Bundesrepublik oder auch in der DDR ins Büro gingen und erzählten, dass wir mit vereister Autoscheibe jemandem auf die Stoßstange gefahren sind», so Hirschfelder. Damit habe Kommunikation angestoßen werden sollen. «Ähnlich wie bei einer Witzkultur.»

In der digitalen Welt aber, in der sich weniger Menschen persönlich in Büros träfen, habe sich solch eine niedrigschwellige Kommunikation fast überlebt. Sie lasse sich auch nicht posten. «Und für einen Facebook-Skandal reicht keine runtergefallene Sprudelflasche», sagt Hirschfelder.

Bis zu fünfmal mehr Krankschreibungen

Gibt es das Phänomen, dass Menschen aus lauter Furcht vor Freitag, dem 13., im Bett bleiben und sich krankmelden? Nachfrage bei der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH). Ergebnis von früher: In den Jahren 2006 bis 2008 gab es drei- bis fünfmal mehr Krankschreibungen als an anderen Freitagen.

Und heute? Die KKH mit rund 1,6 Millionen Versicherten hat mit einer anderen Methode ihre Daten aus den Jahren 2019 bis 2022 gescannt. Das statistische Bild am vermeintlichen Unglückstag ist dabei ambivalent. Im ersten Coronajahr 2020 belegten die beiden Freitage, die auf einen 13. fielen, unter allen Freitagen jenes Jahres einen auffälligen Spitzenplatz bei der Zahl der Krankmeldungen. In den Jahren 2021 und 2022, in denen jeweils ein Freitag auf den 13. eines Monats fiel, lagen sie mit den Plätzen 29 und 27 recht weit hinten. Im Jahr 2019 - mit zwei 13er-Freitagen - ergab sich Platz 9. Phobien als Grund für die Krankschreibung waren allerdings in allen Jahren selten.

Die Angst hat einen Namen: Paraskavedekatriaphobie

Es gibt einen Zungenbrecher, der die Angst vor Freitag, dem 13., ans Griechische angelehnt beschreibt: Paraskavedekatriaphobie. Im internationalen Klassifikationssystem sei das jedoch keine anerkannte psychische Erkrankung, erläutert Christina Jochim, stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung in Berlin. «Das gibt es so nicht.»

Phobien sind für die Wissenschaft Symptombilder, die auf geprüften Daten beruhen. «Phobien können zum Beispiel Panikzustände auslösen, wenn man in die Nähe einer solchen Situation kommt. Also bestimmte Tiere sieht wie Spinnen oder Hunde. Wenn es ums Fliegen geht oder den Zahnarztbesuch», ergänzt Jochim.

Freitag, der 13., falle eher in die Kategorie magisches Denken. «Denn diese Angst bezieht sich ja nicht auf eine spezifische Situation, sondern sie ist vorauseilend», sagt die Psychotherapeutin. «Eine Art Angst vor der Angst.» Das allein sei sehr selten. «Wenn, dann entsteht es meist in einem Kontext mit einer generalisierten Angststörung.» Aus ihrer Sicht ist es allerdings keine gute Idee, am vermeintlichen Pechtag im Bett zu bleiben. «Alle Angststörungen haben gemeinsam, dass Vermeidung zu mehr Angst führt», sagt sie.

Das sind die Hintergründe des Aberglaubens

Heute spielt der Tag nach Ansicht Jochims im allgemeinen Bewusstsein eine kleinere Rolle als früher. «Wenn die Angst vor Freitag, dem 13., seltener thematisiert wird, gibt es auch weniger Grund, Angst zu haben.»

Für Kulturwissenschaftler Hirschfelder ist der Volksglaube rund um Freitag, dem 13., in Deutschland überraschend jung. Zwar haben weder Freitage noch die Zahl 13 im christlichen Kulturkreis einen guten Ruf: Am Karfreitag wurde Jesus gekreuzigt und die 13 ging über das vertraute System aus zwölf Aposteln, zwölf Stunden oder zwölf Monaten hinaus. Doch die Kombination aus beidem als Unglückstag ist für Hirschfelder erst seit den 1950er Jahren belegt - und vermutlich ein Kulturimport aus den USA. Denn dort wollten manche Buchautoren schon früher einen Zusammenhang mit Börsencrashs entdeckt haben.

«Das Risiko ist groß, dass dieser Tag weiter an Bedeutung verliert», mutmaßt Hirschfelder. «Gerade in gefühlten Katastrophenzeiten hat er wenig Wirkmächtigkeit.» Der Bereich Aber- oder Volksglaube sei jedoch vermutlich nicht generell rückläufig. «Er manifestiert sich heute nur nicht mehr in einer bürgerlichen Mitte.» In einzelnen gesellschaftlichen Kontexten spiele er weiter eine Rolle. «Im migrantischen Milieu ist das noch überhaupt nicht untersucht.»

Gesellschaft / Wissenschaft / Brauchtum / Geschichte / Aberglaube / Freitag / Unglückstag? / Deutschland
12.01.2023 · 07:36 Uhr
[1 Kommentar]
Bad Bunny in Mailand
Mailand (dpa) - Wegen eines Unwetters mit riesigen Hagelkörnern hat der puerto-ricanische Popstar Bad Bunny («Dákiti», «La canción») ein Konzert in Mailand abbrechen müssen. Auf die Pferderennbahn im Stadtteil San Siro ging am Samstagabend ein so schweres Unwetter nieder, dass die etwa 80.000 Zuschauer nach Hause geschickt wurden. Mehrere Zuschauer […] (01)
vor 15 Minuten
Kim Kardashian und Lewis Hamilton
(BANG) - Kim Kardashian hat ihrer verstorbenen Großmutter Mary Jo "MJ" Campbell mit einem bewegenden Tribut gedacht. Gleichzeitig veröffentlichte Lewis Hamilton eine herzliche Botschaft, in der er seine Fans dazu aufrief, "haltet eure Liebsten nah bei euch", begleitet von Fotos aus dem jüngsten Familienurlaub des Paares in Idaho. Hamiltons Beitrag in […] (00)
vor 24 Stunden
Smartphone-Nutzung am Steuer
Berlin (dpa) - Die obersten Datenschützer in Deutschland sind Befürchtungen entgegengetreten, dass die neu eingeführte Innenraumüberwachung in modernen Fahrzeugen grundsätzlich gegen den Datenschutz verstößt. Ein Sprecher der Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit zeigte sich auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) […] (00)
vor 7 Stunden
Review – Echtzeitstrategie wie früher – Tempest Rising im Test
Es gibt Spiele, die nicht versuchen, das Rad neu zu erfinden, sondern bewusst an die Stärken eines beliebten Genres anknüpfen. Genau diesen Weg schlägt Tempest Rising ein. Entwickler Slipgate Ironworks und Publisher 3D Realms präsentieren einen Echtzeitstrategie-Titel, der seine Inspiration durch Klassiker wie Command & Conquer zu keinem Zeitpunkt […] (00)
vor 17 Stunden
«Lesch sieht Schwartz»: Neue Folge fragt nach dem verlorenen Staunen
Harald Lesch und Thomas Schwartz widmen sich im ZDF der Frage, warum das Staunen für Wissenschaft, Religion und Gesellschaft unverzichtbar ist. Das ZDF zeigt am Samstag, 15. August, um 16.45 Uhr eine neue Ausgabe der Gesprächsreihe Lesch sieht Schwartz. Unter dem Titel „Haben wir das Staunen verlernt?“ gehen Astrophysiker Harald Lesch und Theologe Thomas Schwartz der Frage nach, ob die […] (00)
vor 1 Stunde
WM 2026 - Frankreich - England
Miami (dpa) - Zwischen Thomas Tuchels Wandlung vom Buhmann zum Helden lagen nicht einmal zwei Stunden. Es waren allerdings spektakuläre, ja historische 100 Minuten Fußball, die Englands Nationaltrainer wieder eine Perspektive und vor allem das Wohlwollen der Öffentlichkeit verschafften. Das Ergebnis des kleinen Finals bei dieser WM gegen Frankreich […] (00)
vor 2 Stunden
Razzia bei der Deutschen Bank: Was Ermittler in der Frankfurter Zentrale suchten
Ermittler setzen Durchsuchungsbeschluss in Kraft Die Staatsanwaltschaft hat am Dienstag einen Durchsuchungsbeschluss aus dem Juni 2026 in einer Filiale der Deutschen Bank an der Frankfurter Taunusanlage vollstreckt. Die Aktion bestätigt wachsendes regulatorisches Interesse an Deutschlands größtem Kreditinstitut. Damit rückt ein Verfahren wieder in den […] (00)
vor 1 Stunde
Haustierversicherung: 3 Leistungen für Hunde und Katzen, die viele Tierhalter nicht kennen
Mörfelden-Walldorf, 19.07.2026 (lifePR) - Bevor du einen Hund oder eine Katze adoptierst, sollten die Kosten, die die Haltung mit sich bringt, bedacht werden. Nicht nur Futter und Pflege verursachen monatliche Kosten, sondern auch mögliche Gesundheitsprobleme können schnell mit horrenden Summen zu Buche schlagen. Wie du dich am besten darauf […] (00)
vor 3 Stunden
 
blatt, teich, tautropfen, see, wasser, natur, gewässer, eleganz, schöne, sommer
Verbreitete Niederschläge und Gewitter am Sonntag Am Sonntag treten in der […] (00)
Ukraine-Krieg - Kiew
Kiew (dpa) - Russland hat in seinem Krieg gegen die Ukraine einen der bisher […] (00)
Nach Streit - Bahn-Sicherheitsmann stürzt aus Zug
Karlsruhe (dpa) - Nach einem gewalttätigen Angriff, bei dem ein Bahnmitarbeiter mit […] (01)
Spahn und Merz
Berlin (dpa) - Nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) will […] (10)
«sportstudio live» bietet Sport-Marathon mit fünf Live-Events
Segeln, Reitsport, Radsport, Biathlon und DFB-Pokal: Das ZDF präsentiert am Sonntag einen der […] (00)
WM 2026 - Frankreich - England
East Rutherford (dpa) - Thomas Tuchel hat mit England durch ein Tor-Festival zumindest […] (01)
Das Weiße Haus hat bestätigt, dass Donald Trump das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft besuchen wird
(BANG) - Donald Trump wird das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft besuchen, […] (02)
Ein besorgniserregender Trend bei Rindfleischexporten Das US- […] (00)
 
 
Suchbegriff