Fachkräftemangel: In 96 Berufsgruppen mangelt es an Personal
Insgesamt 96 Berufsgruppen in Deutschland sind bereits von Fachkräftemangel betroffen. Vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich fehlt es an gut ausgebildetem Personal. Doch während der Gesundheitssektor durch den demografischen Wandel auch aufgrund eines höheren Personalbedarfs mit Fachkräftemangel kämpft, werden andere Branchen durch die Rente mit 63 belastet.
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW/Köln) zeigt: Der Fachkräftemangel ist in 96 Berufsgruppen in Deutschland bereits Realität. So fehlt es dort aufgrund von steigender Nachfrage und mangelndem Nachwuchs an genügend Personal um den Bedarf der jeweiligen Branchen zu decken. Gerade im Gesundheitssektor bestätigt sich jetzt ein lange angekündigter Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften. Hier sind insgesamt 20 Berufsgruppen betroffen.
Was sind die Gründe für den Fachkräftemangel?
Der Fachkräftemangel hat branchenabhängig ganz unterschiedliche und auch vielfältige Gründe. Im Gesundheits- und Pflegebereich wächst beispielsweise aufgrund der alternden Bevölkerung der Bedarf an Pflegekräften und medizinischem Personal. Gleichzeitig sind gerade Kranken- und Altenpfleger häufig nicht in der Lage, ihren Beruf bis zum Renteneintrittsalter auszuüben. Durch die starken körperlichen und psychischen Belastungen der Pflegeberufe sind sie überproportional häufig von Berufsunfähigkeit betroffen. Da den Berufsbildern in diesem Bereich aufgrund der anstrengenden Arbeit und der schlechten Bezahlung zudem kein gutes Image anhaftet, fehlt es bundesweit an Fachkräften.
Rente mit 63: Politische Entscheidungen begünstigen Fachkräftemangel
Nicht nur im medizinisch-pflegenden Bereich fehlen laut dem IW/Köln Fachkräfte. Auch in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen sowie in zahlreichen klassischen Handwerksberufen mangelt es an Fachkräften. Gerade diese Berufe dürften seit dem letzten Jahr nicht nur mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben. Denn im Juli 2014 ist die sogenannte Rente mit 63 in Kraft getreten, die einen vorzeitigen Renteneintritt ohne Abschläge ermöglicht.
Auf die abschlagsfreie Rente besteht nur ein Anspruch, wenn mindestens 45 Beitragsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung vorgewiesen werden können. Diese Voraussetzung für die Rente mit 63 erfüllen vor allem Männer, da ihre Erwerbsbiografie selten durch Kindererziehung oder ähnliches unterbrochen ist. Daher wird die Rente mit 63 vor allem von Menschen in typischen "Männerberufen" wie dem Handwerk und dem technischen Bereich genutzt. Auch Markus Kurth, rentenpolitischer Sprecher, schätzt die abschlagsfreie Rente so ein: "Die Rente mit 63 ist eine Männerrente", urteilt er gegenüber dem Spiegel. Sie vergrößere zudem die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen.
Fachkräftemangel deutschlandweit zu spüren
Branchenübergreifend hat seit letztem Jahr etwa jedes neunte Unternehmen in Deutschland bereits mindestens einen Mitarbeiter durch die Rente mit 63 verloren bzw. wird dies in den nächsten Monaten. Eine Studie des Forschungsinstituts Prognos geht sogar davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren 1,8 Millionen Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt fehlen werden. Bis zum Jahr 2040 könnte diese Zahl sogar auf 3,9 Millionen ansteigen.
Abschaffung von Rente mit 63 gefordert
Die Rente mit 63 ist nicht alleiniger Grund für den Fachkräftemangel. Allerdings verstärkt sie das Problem in zahlreichen Branchen. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer fordert daher gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Abschaffung der neuen Regelung. Sonst würden die Bemühungen der Arbeitgeber ältere Beschäftigte im Job zu halten, weiter zunichte gemacht. Vielmehr sei endlich eine Einigung bezüglich der sogenannten Flexi-Rente notwendig.

