Exportboom trifft Konsumflaute – Chinas Wachstum ruht auf einem gefährlich schmalen Fundament
Fünf Prozent – Ziel erreicht, Strukturproblem verschärft
Formal kann Peking einen Erfolg vermelden: Die chinesische Wirtschaft ist 2025 um 5,0 Prozent gewachsen und hat damit exakt das von der Regierung ausgegebene Ziel erreicht. Im vierten Quartal verlangsamte sich das Wachstum allerdings bereits auf 4,5 Prozent – der niedrigste Wert seit drei Jahren.
Getragen wurde das Ergebnis fast ausschließlich vom Exportsektor. Chinesische Unternehmen eroberten neue Märkte in Europa, Lateinamerika und Asien und kompensierten so den massiven Rückgang der Ausfuhren in die USA, die unter Trumps neuer Zollpolitik um rund 20 Prozent einbrachen. Der Lohn: ein Rekord-Handelsüberschuss von 1,2 Billionen Dollar – größer als die Wirtschaftsleistung mancher G20-Staaten.
Überkapazitäten als Wachstumsmotor
Seit dem Immobiliencrash 2021 lenkt Peking Kapital und Subventionen konsequent in die Industrie. Statt Konsum zu stärken, wurde die Produktionsseite ausgebaut – mit dem Ergebnis struktureller Überkapazitäten. Fabriken produzieren mehr, als der heimische Markt aufnehmen kann, und drängen deshalb mit aggressiven Preisen in den Weltmarkt.
Kurzfristig wirkt diese Strategie stabilisierend. Langfristig birgt sie geopolitische und ökonomische Risiken. Würde der chinesische Handelsüberschuss in ähnlichem Tempo weiterwachsen, hätte er in wenigen Jahren die Größenordnung der Volkswirtschaften Frankreichs oder Deutschlands erreicht – ein Szenario, das international kaum akzeptiert würde und protektionistische Gegenreaktionen provozieren dürfte.
Inlandswirtschaft im „kalten Winter“
Der Kontrast könnte schärfer kaum sein: Während die Industrieproduktion 2025 um 5,9 Prozent zulegte, wuchsen die Einzelhandelsumsätze lediglich um 3,7 Prozent. Die Immobilieninvestitionen brachen um 17,2 Prozent ein, die gesamten Anlageinvestitionen sanken erstmals seit Beginn der Datenerhebung 1996. Auch private Investitionen gingen deutlich zurück.
Unternehmer spüren die Abkühlung unmittelbar. Viele berichten von ausbleibenden Aufträgen, sinkenden Margen und fehlendem Kapital für Modernisierung. Die Sparneigung der Haushalte bleibt hoch, der Konsum gedämpft – eine Folge von Unsicherheit, demografischem Wandel und dem Vertrauensverlust nach Jahren der Immobilienkrise.
Geldpolitik ohne Nachfrage
Die Notenbank reagierte zuletzt mit gezielten Lockerungsmaßnahmen, darunter ein Kreditprogramm über eine Billion Yuan für private Unternehmen. Doch das Grundproblem liegt nicht auf der Angebotsseite. Liquidität ist vorhanden – es fehlt an Investitions- und Konsumbereitschaft.
Sozialpolitische Maßnahmen wie höhere Mindestpensionen oder Konsumsubventionen wirken bislang nur punktuell. Analysten sehen die Gefahr, dass China in eine Wachstumsphase von nur noch vier Prozent oder weniger rutscht, wenn keine konsequente Wende hin zu einer konsumgetriebenen Wirtschaft gelingt.
Ein Modell am Wendepunkt
Für Investoren ist die Botschaft ambivalent. Chinas Industrie zeigt enorme Wettbewerbsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit im globalen Handel. Gleichzeitig wird das Wachstum immer einseitiger und politisch angreifbarer. Exportabhängigkeit, Überkapazitäten und schwacher Binnenkonsum bilden eine fragile Kombination.
Das Erreichen des Fünf-Prozent-Ziels 2025 ist daher weniger ein Beweis struktureller Stärke als ein Signal strategischer Zuspitzung: Chinas Wirtschaft wächst – aber zunehmend gegen den Wind der eigenen Binnenkonjunktur und gegen den Widerstand der Weltmärkte.


