Expertenrunde: Wie viel Künstliche Intelligenz verträgt der Transport?
Experten-Panel bespricht Möglichkeiten zur Automatisierung der Logistik / In welchen Funktionen können Robotik und KI Aufgaben übernehmen und wo braucht es weiterhin menschliche Expertise?

29. Juli 2025, 09:49 Uhr · Quelle: Pressebox
Die Integration von Künstlicher Intelligenz in die Logistik eröffnet neue Möglichkeiten, stellt aber auch Herausforderungen an Menschen und Technologie. Wie kann ein verantwortungsvoller Einsatz gelingen?

Hamburg/München, 29.07.2025 (PresseBox) - Im Rahmenprogramm der internationalen Leitmesse transport logistic stand ein zentrales Zukunftsthema auf dem diesjährigen Programm: der vollautomatisierte Transport und der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), Robotik und autonomen Fahrzeugen in der Logistikbranche. Die Podiumsdiskussion der Mediengruppe Telematik-Markt.de beleuchtete die Potenziale, die technologischen wie gesellschaftlichen Grenzen und die Fragen, die viele Fachleute in Speditionen, Transportunternehmen und Behörden umtreiben.

>>> Zum vollständigen Panel auf Youtube: https://youtu.be/F0SxooKMxQY

Im Fokus stand nicht die Frage, ob KI kommen wird, sondern wie sie sinnvoll und verantwortungsvoll eingesetzt werden kann – und welche Rolle Menschen in diesem Prozess auch künftig spielen werden. Unter der Moderation von Peter Klischewsky, Chefredakteur der Mediengruppe Telematik-Markt.de, diskutierten dazu Wolfgang Schmid,Head of Central Region bei Webfleet, Dr. Stefan Anschütz,Gründer & CEO von Opheo Solutions / Solvares Group, und Stephan Grimm,Head of Revenue SCALAR bei der ZF Group.

Zwischen Vision und Realität

KI-basierte Systeme sind in der Transportwelt längst angekommen. Von automatisierter Routenplanung über Fahrzeug-Sensorik in Lkw-Flotten bis hin zu Pilotprojekten für autonome Lieferfahrzeuge – die Technologie entwickelt sich rasant. Die erhofften Effekte sind bekannt: höhere Effizienz, optimierte Prozesse, geringere Emissionen und eine verbesserte Sicherheit im Straßenverkehr. Stephan Grimm ergänzte an dieser Stelle, dass die Automatisierung im Personentransport sogar weiter fortgeschritten sei als beim Gütertransport. ZF arbeitet in diesem Zusammenhang bereits an ganz konkreten Projekten zum autonomen Personentransport – hierfür Genehmigungen zu bekommen, sei inzwischen auch deutlich einfacher als noch vor einigen Jahren, lobte Grimm.

Doch beim Gütertransport ist der Schritt von der assistierten zur vollautomatisierten Logistik komplexer. Eine KI kann Prozesse beschleunigen, Daten analysieren oder Entscheidungen vorbereiten – aber sie ersetzt nicht automatisch menschliche Erfahrung, Intuition oder die Mitarbeit auf der letzten Meile. Besonders in dynamischen, unvorhersehbaren Situationen – etwa bei Unfällen oder kritischen Wetterlagen – ist menschliche Expertise nach wie vor essenziell.

Wer haftet, wenn etwas schiefläuft?

Ein frühes Thema der Diskussion war die juristische und ethische Frage nach der Verantwortung. Wer trägt die Konsequenzen, wenn ein autonomes Fahrzeug in einen Unfall verwickelt wird oder autonome Software einen fehlerhaften Prozess abwickelt? Die Anbieter:innen der Software? Der Logistikbetrieb? Peter Klischewsky brachte es mit einer Frage auf den Punkt: „Wer trägt die Schuld, wenn niemand mehr da ist?“

Wolfgang Schmid beschreibt die aktuelle Situation sehr realistisch: „In den Systemen, die wir derzeit anbieten, ist immer noch ein Mensch eingebunden, der die Verantwortung übernimmt.“ Man stelle dem Logistik-Betrieb derzeit Tools zu Verfügung, die durch Menschen bedient und verantwortet werden. „Nimm einen Hammer und hau dir damit auf den Zeh – dann ist nicht der Hammer schuld“, so Schmid.

Für tiefergehende Automatisierung braucht die Branche jedoch verlässliche Rahmenbedingungen und einheitliche Standards. Zusammen mit Expertinnen und Experten, müssen diese Regeln gefasst werden, damit sich Technologie entlang dieser entwickeln kann und nicht in rechtlicher Unsicherheit entwickelt werden muss.

Mensch und Maschine: Ergänzung statt Verdrängung

Die Automatisierung wirft auch gesellschaftliche Fragen auf – insbesondere mit Blick auf Arbeitsplätze. Viele Beschäftigte in der Logistikbranche sorgen sich, durch KI ersetzt zu werden. Die Diskussion machte jedoch deutlich: Es geht nicht um Verdrängung, sondern um eine Neudefinition von Aufgaben. Dr. Stefan Anschütz nahm dabei insbesondere die Sorge von einigen Disponent:innen vor einer vollautonomen Disposition. Er beschrieb beispielhaft, dass in einigen Betrieben die Disposition teilweise auch deswegen nicht vollautomatisiert würde, weil die Disponent:innen Spaß an der Tourenplanung hätten und man Dispo-Tools eher als etwas sieht, um diese Tätigkeit zu unterstützen und nicht zu ersetzen. Tätigkeiten verändern sich, aber sie verschwinden nicht zwangsläufig.

Technische Realität: KI kennt klare Grenzen

Trotz aller Innovationsfreude wurde auch auf die bestehenden technologischen Hürden hingewiesen. Eine flächendeckende Vernetzung von Infrastruktur, Fahrzeugen und Datenplattformen ist vielerorts noch Zukunftsmusik. Insbesondere im ländlichen Raum fehlt es oft an digitaler Infrastruktur, die bspw. für autonomes Fahren zwingend notwendig wäre.

Auch die Qualität der verfügbaren Daten ist ein limitierender Faktor. Eine KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet – und in einem hochdynamischen Umfeld wie dem Güterverkehr ist es schwierig, vollständige, aktuelle und konsistente Datensätze bereitzustellen. Dr. Stefan Anschütz erklärte in diesem Zusammenhang: „Die Algorithmen haben wir seit 20 Jahren. Die Herausforderung [­…] die immer noch da ist, ist halt das Thema Datenqualität.“ So brauche ein automatisiertes System zu jedem Gut oder Artikel, mit dem es umgehen soll, exakte Informationen – beispielsweise zu Gewicht, Größe, Fragilität, Stapelbarkeit etc.

Chancen erkennen, Risiken benennen

Die Diskussion zeigte einen bemerkenswert reflektierten Umgang mit dem Thema. Die Teilnehmenden betonten mehrfach, dass der Einsatz von KI im Transport keine technologische Blaupause sei, die sich einfach über bestehende Strukturen legen lasse. Vielmehr brauche es eine enge Verzahnung von Technik, Regulierung und menschlicher Expertise. Auch sei ein KI-Modell ohnehin nie „fertig“, erklärte Stephan Grimm: „Wie alles in der Software-Welt: Den Begriff ‚fertig‘ sollte es gar nicht geben […], denn es ist eine permanente Weiterentwicklung.“

Die Automatisierung ist kein Ziel an sich, sondern ein Werkzeug zur Verbesserung von Logistikprozessen. Damit sie ihr Potenzial entfalten kann, braucht es klare Regeln, offene Kommunikation und die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf Veränderungen einzulassen. Nicht zuletzt muss auch die Gesellschaft als Ganzes in die Diskussion einbezogen werden – denn der Transport betrifft uns alle.

Die Zukunft des Transports ist digital – aber nicht zwangsläufig vollständig automatisch. Sie ist menschengestützt, technologiegetragen und vor allem: gestaltbar.

Logistik / Künstliche Intelligenz / Automatisierung / Transport / Technologie
[pressebox.de] · 29.07.2025 · 09:49 Uhr
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