Der schleichende Kulturwandel: Deutschlands ambivalenter Umgang mit Alkohol
Alkohol, einst Symbol für Geselligkeit und Integration, steht nun zunehmend im Kreuzfeuer wissenschaftlicher Kritik. Eine prominente Studie im 'Journal of Studies on Alcohol and Drugs' legt eindrücklich dar, dass selbst moderater Alkoholkonsum keinen Gesundheitsvorteil bietet. Schon in geringen Mengen wird ein leicht erhöhtes Risiko für Demenzerkrankungen vermutet, wie das 'British Medical Journal' diesen Herbst hervorhob.
Ermutigend sind die Statistiken eines veränderten Konsumverhaltens: Laut einer Erhebung des Robert Koch-Instituts verzichten 21 Prozent der Erwachsenen vollständig auf Alkohol. Ein Indikator dieses Wandels zeigt sich auch bei alkoholfreiem Bier, dessen Produktion sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt hat.
Zwar spielt die Wissenschaft eine Rolle in dieser Entwicklung, doch wie weit sie tatsächlich Einfluss auf das Verhalten nimmt, bleibt fraglich. Die Suchtforscherin Carolin Kilian vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung in Hamburg beobachtet seit einiger Zeit einen Rückgang im Pro-Kopf-Verbrauch.
Dennoch bleibt dieser im europäischen Vergleich auf hohem Niveau. Ein Blick auf die Details offenbart, dass vor allem Männer seltener zur Flasche greifen, während der Konsum bei Frauen vergleichsweise stabil bleibt und sogar das Rauschtrinken zugenommen hat.
Für jüngere Altersgruppen zeigt sich ein positiver Trend: Der wöchentliche Alkoholkonsum unter Jugendlichen hat sich seit 2004 mehr als halbiert. Verantwortlich ist wohl neben einem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein auch die Rolle der sozialen Medien, die keinen Exzess unvergessen machen.
Die Frage eines möglichen Kulturwandels schwebt im Raum. Peter Raiser von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sieht einen Wandel als Voraussetzung für politische Maßnahmen.
Während Länder wie Litauen mit Alkoholsteuern und Werbebeschränkungen Erfolge feiern, bleibt Deutschland zurückhaltend. Trotz eines WHO-Ziels von zehn Prozent Konsumreduktion binnen zehn Jahren verzeichnete Deutschland nur acht Prozent Rückgang. Ein wirksamer Kulturwandel benötigt nicht nur einer gesellschaftlichen, sondern auch einer politischen Offensive.

