Debatte um telefonische Krankschreibung: Zwischen Wirtschaft und Arbeitsmoral
Bundeskanzler Friedrich Merz hat erneut die Diskussion um die telefonische Krankschreibung in Deutschland entfacht, während er sich auf die Landtagswahl in Baden-Württemberg vorbereitet. Mit einem bemerkenswerten Anstieg der Krankheitstage auf durchschnittlich 14,8 Tage im Jahr 2024 sieht sich Deutschland mit der Frage konfrontiert, ob diese Form der Krankschreibung noch zeitgemäß ist. Merz deutete an, dass Anreize geschaffen werden müssen, um die Bürger wieder vermehrt an ihren Arbeitsplatz zu bringen, und stellte die Relevanz der seit 2021 geltenden Regelung in Frage. Dass die Union nun vehement auf deren Abschaffung drängt, wird von den Koalitionspartnern kritisch gesehen.
Bundesgesundheitsminister a.D., Karl Lauterbach, brachte einen präventiven Ansatz ins Spiel, der Früherkennung und eine verstärkte Steuerpolitik ins Zentrum rückt, anstatt die Bürger zu bevormunden. Janis Ehling von den Linken ergänzte, dass die wachsende Belastung und mangelhafte Arbeitsbedingungen die eigentlichen Ursachen des hohen Krankenstands seien. Auch die Grünen unter der Führung von Franziska Brantner mahnten zur Vorsicht und warnten, dass wirtschaftliches Wachstum ohne die richtigen Rahmenbedingungen nicht nachhaltig ist.
Der BSW-Vorsitzende Fabio De Masi kritisierte indes die Regierungspolitik scharf und hob hervor, dass die Gründe für wirtschaftliche Schwierigkeiten nicht bei den Arbeitnehmern, sondern bei strukturellen Defiziten wie hohen Energiepreisen und einer maroden Infrastruktur zu finden seien.
Zahlen des Statistischen Bundesamts sowie der aktuellen DAK-Studie lassen auf eine vollständigere Erfassung der Krankmeldungen due durch die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurückführen. Interessanterweise sieht die DAK-Studie keine Anzeichen für einen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung, vielmehr wird ihr Nutzen im Vermeiden von Arztbesuchen und Kontakten zu anderen Patienten unterstrichen.
Die Union und Arbeitgeberverbände halten dennoch an ihrer Forderung zur Abschaffung fest. CSU-Chef Markus Söder sieht hierin einen Schlüssel zur Reduzierung des sogenannten „Blaumachens“. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD sieht bisher lediglich Anpassungen vor, um Missbrauch vorzubeugen, ohne eine vollständige Abschaffung zu thematisieren.
Mit Diskussionen um Karenztage und Einschränkungen der Lohnfortzahlung könnte sich die Debatte in den kommenden Monaten noch weiter zuspitzen.

