Death Stranding 2 im Test – Ein bizarres Meisterwerk!

05. Juli 2025, 23:13 Uhr · Quelle: PixelCritics
Death Stranding 2: On the Beach ist eine kühne, wunderschöne und emotional tiefgreifende Reise, die die experimentelle Brillanz des Vorgängers mit einem deutlich spaßigeren und zugänglicheren Gameplay zu einem einzigartigen Meisterwerk verschmilzt.

Stell Dir vor, Du wachst aus einem fiebrigen Albtraum auf, in dem Du Fragmente von Schnabeltiersperma, einem gigantischen, ölgetränkten Killer-Totenkopf und einer sprechenden Marionette zusammensetzen musst, die in einer heißen Quelle über den Sinn des Lebens philosophiert. Willkommen in der Welt von Hideo Kojima. Doch es wäre ein fataler Kurzschluss, Death Stranding 2: On the Beach als bloße Ansammlung bizarrer Kuriositäten abzutun. In einer Industrie, die zunehmend von formelhaften Fortsetzungen und risikoaversen Entscheidungen dominiert wird, ist dieses Spiel ein glorreicher, pulsierender Mittelfinger an die Konvention. Es ist ein Plädoyer für unbändige Kreativität, ein digitaler Fiebertraum, der es wagt, Dich mit Bildern zu konfrontieren, von denen Du nicht einmal wusstest, dass Du sie sehen wolltest. Und hinter all dem Wahnsinn verbirgt sich eine der ergreifendsten, intelligentesten und spielerisch befriedigendsten Erfahrungen der letzten Jahre. Es ist nicht nur eine Fortsetzung; es ist die Erfüllung eines Versprechens, das der erste Teil nur andeuten konnte.

Vom Lastenesel zum Action-Hero: Wenn der Postbote zweimal klingelt

Erinnerst Du Dich an das Gefühl, im ersten Death Stranding ein schutzloser, überladener Packesel zu sein, bei dem jeder Sturz eine Katastrophe und jede Konfrontation eine Qual war? Vergiss es. Nun, nicht ganz. Der Kern des Spiels bleibt die Kunst der Lieferung, das sorgfältige Planen von Routen, das Austarieren von Fracht und der ständige Kampf gegen die Topografie einer zerbrochenen Welt. Doch Sam Porter Bridges ist diesmal kein hilfloses Opfer mehr. Er ist ein Veteran, ein Überlebender, und das spürst Du in jeder Faser des Gameplays.

On the Beach hat die Handbremse gelöst und das Gaspedal durchgetreten. Das klobige Kampfsystem des Vorgängers wurde generalüberholt und durch eine flüssige, flexible und verdammt unterhaltsame Stealth-Action ersetzt, die unweigerlich an Kojimas Meisterwerk Metal Gear Solid V erinnert. Du schleichst nicht mehr nur unbeholfen durch hohes Gras; Du markierst Feinde mit Deiner treuen Puppen-Drohne Dollman, schaltest Wachen aus der Ferne mit einem befriedigenden Betäubungs-Scharfschützengewehr aus und experimentierst mit einem Arsenal, das vor kreativen Ideen nur so strotzt. Ein Bumerang, der mit Deinem eigenen Blut betrieben wird, um Geister zu vertreiben? Ein Hoverboard, das aus einem Sarg gefertigt wurde? Ein mechanischer Hund, der zielsuchende Raketen verschießt? Das Spiel wirft Dir in einem perfekten Rhythmus neue Spielzeuge vor die Füße, die Dich dazu anregen, jede Begegnung anders anzugehen.

Dieser Wandel hin zu mehr Action macht das Spiel unendlich zugänglicher und dynamischer. Die Frustration weicht einer spielerischen Machtfantasie. Es macht einen Heidenspaß, wenn ein perfekter Plan aufgeht, aber es ist ein ebenso großer Nervenkitzel, wenn alles in die Binsen geht und Du improvisieren musst, während Dir die Kugeln um die Ohren pfeifen. Das Spiel bestraft Dich nicht mehr für Fehler, es ermutigt Dich zum Experimentieren. Dieser Wandel ist vielleicht die wichtigste Verbesserung und macht aus einer faszinierenden, aber mühsamen Erfahrung ein rundum packendes Abenteuer.

Australiens endloser Horizont und seine Tücken

Nachdem Du im Tutorial kurz durch Mexiko gestreift bist, öffnet sich vor Dir der australische Kontinent – eine gewaltige, abwechslungsreiche und noch feindseligere Landschaft als das postapokalyptische Amerika. Die Welt selbst ist Dein größter Gegner. Mächtige Sandstürme rauben Dir die Sicht und zerren an Deinem Gleichgewicht, unvorhersehbare Erdbeben reißen den Boden unter Deinen Füßen auf, und sintflutartige Regenfälle lassen harmlose Bäche zu reißenden Strömen anschwellen. Die Natur wehrt sich mit aller Macht gegen Deine Mission, die Zivilisation wieder zu vernetzen.

Doch Du bist besser gerüstet als je zuvor. Fahrzeuge stehen Dir diesmal deutlich früher zur Verfügung, und Dein individuell anpassbarer Offroader wird schnell zu Deinem besten Freund, während Du mit ihm durch die Wüste bretterst, fast wie in einem postapokalyptischen Rallye-Spiel. Die größte Hilfe ist jedoch, wie schon im Vorgänger, die unsichtbare Hand der Community. Das asynchrone Multiplayer-System, bei dem Du die Bauten anderer Spieler in Deiner Welt findest – eine Leiter über einer Schlucht, ein Generator zum Aufladen Deiner Geräte, eine Brücke über einen reißenden Fluss –, ist immer noch ein Geniestreich. Es erzeugt ein tiefes Gefühl der kollektiven Anstrengung und Solidarität, obwohl Du deine Reise physisch allein bestreitest. Neu hinzu kommt die Möglichkeit, gewaltige Einschienenbahnen zu errichten, ein monumentales Unterfangen, das die Zusammenarbeit vieler Spieler erfordert und das Transportwesen revolutioniert. Das Gefühl, nach stundenlanger Plackerei eine funktionierende Verkehrsader geschaffen zu haben, die auch unzähligen anderen Spielern hilft, ist unbeschreiblich befriedigend.

Ein Puppenspieler, ein Rockstar und die Geister der Vergangenheit

Wer versucht, die Handlung von Death Stranding 2 in wenigen Sätzen zusammenzufassen, ist entweder ein Genie oder ein Lügner. Die Geschichte ist ein verschlungener, dichter und oft absichtlich verwirrender Knoten aus Sci-Fi-Konzepten, philosophischen Abhandlungen und emotionalen Charakterdramen. Sam, der sich eigentlich mit seinem Ziehkind Lou in ein ruhiges Leben zurückgezogen hatte, wird von Fragile (Léa Seydoux) für eine letzte Mission rekrutiert. Das Ziel: die Vernetzung Australiens. Doch natürlich hat der wiedergekehrte Bösewicht Higgs (ein grandios aufspielender Troy Baker) etwas dagegen. Er inszeniert sich nun als opernhafter Rockstar des Untergangs, komplett mit roter E-Gitarre und einer schaurigen Maske, und stiehlt in jeder Szene die Show.

Die neuen Charaktere sind ebenso denkwürdig wie bizarr. Elle Fanning verkörpert die rätselhafte Tomorrow, während Dein ständiger Begleiter Dollman als eine Art zynischer Kommentator fungiert, der Dir die Welt erklärt und Dich gelegentlich daran erinnert, dass Du mal wieder eine Dusche vertragen könntest. Die schauspielerischen Leistungen, eingefangen durch eine schlichtweg atemberaubende Motion-Capture-Technologie, sind über jeden Zweifel erhaben. Jede kleinste Regung, jeder flüchtige Blick und jede zitternde Lippe transportieren eine emotionale Tiefe, die unter die Haut geht. Selbst wenn die Dialoge manchmal ins Prätentiöse abdriften oder die Namensgebung der Charaktere an Absurdität grenzt, der emotionale Kern der Geschichte ist unerschütterlich. Es ist eine Geschichte über Verlust, über die Bürde der Verantwortung und über die schmerzhafte Notwendigkeit, die Vergangenheit loszulassen, um eine Zukunft zu haben.

Das emotionale Inventar: Mehr als nur Likes und Lieferungen

Unter der Oberfläche des bizarren Spektakels verhandelt Death Stranding 2 tiefgründige und schmerzlich aktuelle Themen. Es ist eine Meditation über die Natur menschlicher Verbindungen in einer zunehmend digitalisierten Welt, eine Frage, die nach der globalen Pandemie eine noch tiefere Resonanz entfaltet. Kojima scheint mit jeder Faser seines Wesens gegen die Vorstellung anzukämpfen, dass künstliche Intelligenz jemals menschliche Kreativität und echten künstlerischen Ausdruck ersetzen könnte. Das Spiel ist eine selbstreflexive Analyse seines eigenen Vorgängers, es hinterfragt die Konsequenzen der totalen Vernetzung und spielt mit der berühmten Metapher vom „Stock und dem Seil“ – dem Werkzeug, das uns verbindet, uns aber auch gegeneinander aufbringen kann.

Gleichzeitig ist es Kojimas vielleicht persönlichstes Werk. Man spürt den Schmerz des Abschieds von seiner Schöpfung Metal Gear Solid, wenn man dem neuen Gegenspieler Neil begegnet, dessen Ähnlichkeit zu Solid Snake kaum ein Zufall sein kann. On the Beach fühlt sich oft an wie ein langer, melancholischer Abschiedsbrief an eine Vergangenheit, die nicht mehr sein kann. Die emotionale Last, die die Charaktere mit sich herumtragen, ist weitaus schwerer als jedes Paket, das Du auf Deinem Rücken transportierst. Und wenn sich diese Last in den letzten, atemberaubenden Stunden entlädt, erlebst Du Momente von einer inszenatorischen Wucht, wie Du sie noch nie zuvor in einem Videospiel gesehen hast.

Glanzpolitur auf der Decima-Engine: Ein Fest für Augen und Ohren

Rein technisch ist Death Stranding 2 eine Demonstration der Stärke. Die Decima Engine, eine Leihgabe von Guerrilla Games, zaubert eine Welt von transzendentaler Schönheit auf den Bildschirm. Die kargen Wüsten, die schroffen Küsten, die surrealen, von GDs heimgesuchten Gebiete – alles ist in ein Licht getaucht, das Dich innehalten und staunen lässt. Es sind diese ruhigen Momente, in denen Du einfach nur mit Deinem Fahrzeug durch die Landschaft fährst, während die Sonne aufgeht und die eindringliche Musik von Künstlern wie Woodkid oder Low Roar einsetzt, die sich ins Gedächtnis brennen.

Auf der PS5 Pro läuft das Spiel im Leistungsmodus absolut flüssig und makellos. Die Detailverliebtheit bei den Charaktermodellen und die Qualität der Animationen sind schlichtweg referenzwürdig. Man kann die Poren auf den Gesichtern der Schauspieler zählen und spürt die physische Anstrengung von Sam bei jedem Schritt. Gepaart mit einem meisterhaften Sounddesign, das jeden Windstoß und jedes Knirschen von Gestein greifbar macht, entsteht eine Immersion, die ihresgleichen sucht.

Gaming / Death Stranding 2
[pixelcritics.com] · 05.07.2025 · 23:13 Uhr
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