Crew der «Hansa Stavanger» verlässt das Schiff

08. August 2009, 22:21 Uhr · Quelle: dpa
Mombasa (dpa) - Nach viermonatigem Martyrium in der Hand somalischer Piraten sind die Besatzungsmitglieder des deutschen Frachters «Hansa Stavanger» wieder in Freiheit und haben festen Boden unter den Füßen.

Erst mehrere Stunden nach dem Einlaufen ihres Schiffes in den Hafen von Mombasa verließ die 24-köpfige Crew, darunter fünf Deutsche, am späten Samstagnachmittag den Frachter. Sie sollen sich nun in einem Strandhotel abgeschirmt von Reportern von den Strapazen erholen, sagte ein Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Kenia. Bislang seien noch keine Flüge für die Heimreise gebucht worden. Allen Männern gehe es gut, sie erhielten bereits an Bord eine erste ärztliche und zahnärztliche Versorgung.

«Ich bin ein glücklicher Kapitän von einem unglücklichen Schiff», sagte der erschöpfte Kapitän der «Stavanger», Krzysztof Kotiuk, nach dem Eintreffen seines Schiffes. «Nach vier Monaten sind wir sehr müde. Wir möchten allen danken, die bei den Verhandlungen dazu beigetragen haben, diese fürchterliche Situation zu beenden. Ich hoffe, dass Sie alle Verständnis haben, wenn wir heute keine weiteren Informationen geben; vielleicht in ein paar Tagen oder Wochen.»

Zuvor hatte er von Scheinhinrichtungen und anderen Schikanen der Piraten während der Geiselhaft berichtet. Dabei mussten sich die Seeleute niederknien, ihnen wurden die Augen verbunden, und die Piraten feuerten direkt über ihren Kopf hinweg Schüsse ab. Angehörige der Besatzungsmitglieder und Mitarbeiter des Eigners, der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg, warteten in Mombasa auf die Crew.

Das 170 Meter lange Containerschiff traf fünf Tage nach der Freigabe durch die Seeräuber begleitet von der Fregatte «Brandenburg» in Mombasa ein. Die Seeleute sollen in ihrem Hotel auch medizinisch und psychologisch betreut werden. Angeblich handelt es sich um das «Bahari Beach Hotel». Die «Hansa Stavanger» war am 4. April rund 400 Seemeilen vor der Küste Somalias von Seeräubern überfallen und gekapert worden. Am 3. August wurde sie gegen Zahlung eines Lösegelds von angeblich zwei Millionen Euro wieder freigegeben.

Nach Informationen des Hamburger Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» hatte der Berliner Krisenstab eine zweite militärische Aktion gegen die Entführer vorbereitet, die aber abgeblasen wurde. Der Angriff durch Kampfschwimmer sollte sofort nach der Lösegeldübergabe erfolgen. Das Auswärtige Amt in Berlin wollte dazu am Samstag keine Stellungnahme abgeben. «Auch nach der Freilassung der Geiseln äußern wir uns nicht zur operativen Arbeit des Krisenstabs», erklärte ein Sprecher.

Nach «Spiegel»-Angaben hatten mehr als zwei Dutzend Kampfschwimmer auf der Fregatte «Rheinland-Pfalz» auf ihren Einsatz gewartet. Zur Lösegeldübergabe seien die Hubschrauber der Kampfschwimmer startklar gewesen. «Gegen Abend begannen die Seeräuber, mit zwei Booten im Pendelverkehr Männer und Waffen an den Strand zu bringen. Hinter dem Horizont stiegen Marine-Helikopter auf.» Aber für die Bundeswehroffiziere sei alles zu schnell gegangen. Die «Hansa Stavanger» habe zu nahe an Land gelegen. «Die Helikopter hatten keine Chance, die Piraten zu stellen.»

Schon zu Beginn der Geiselnahme war eine geplante Befreiungsaktion durch die Elitetruppe GSG 9 kurzfristig abgebrochen worden. Später sagte der Kapitän der «Hansa Stavanger», eine solche Aktion hätte zu einem Blutbad geführt.

Nach seiner Ankunft im Hafen von Mombasa warf das 170 Meter lange Schiff zunächst etwa 300 Meter vom Liegeplatz entfernt Anker. Mehrere Stunden wurde es offenbar auf Sprengstoff durchsucht. Beim Anlegen am Kai standen dann Crewmitglieder an Deck. Einige trugen blaue Arbeitskleidung, andere T-Shirts. Sie winkten den versammelten Journalisten zu. Allen Besatzungsmitgliedern gehe es gut, sagte der Kapitän der «Brandenburg», die die «Hansa Stavanger» begleitet hatte, bei einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Kai: «Langsam kommt das Lächeln wieder.»    

«Die Reederei will, dass die Mannschaft nach ihren traumatischen Erlebnissen in Ruhe gelassen wird», sagte der Sprecher der EU-Anti- Piraten-Mission, Peter Benn, mit Blick auf die Medien. Am Kai trafen Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) ein. Sie wollten gleich nach Ankunft des Frachters an Bord ihre Ermittlungen aufnehmen. Spezialisten werden das Schiff auf Schäden überprüfen. Am Kai wartete auch eine neue Besatzung mit einem deutschen Kapitän, um die «Hansa Stavanger» zu übernehmen.

Der Bundeswehrverband warf der Regierung in Berlin eine zu zögerliche Haltung während der Entführung vor. Die Bundesregierung habe lange Zeit gehabt, nach Alternativen für Lösegeldzahlungen zu suchen, «aber nichts ist passiert», sagte Verbandschef Ulrich Kirsch der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Er warnte aber vor Geiselbefreiungen, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Todesopfer fordern würden.

Die «Hansa Stavanger» befand sich nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins «Focus» nicht auf dem empfohlenen Sicherheitskurs, als sie gekapert wurde. Der Kapitän sei bereits im Februar zweimal vom Hauptquartier der EU-Mission «Atalanta» gewarnt worden, zu nah an die Küste Somalias zu fahren.    

Der Liegeplatz für die «Stavanger» war erst am Morgen von der «Maersk Alabama» freigemacht worden, die Anfang April mit einer US- Besatzung von Piraten im Indischen Ozean gekapert worden war. Die Piraten hielten den Kapitän Richard Phillips auf einem Rettungsboot fünf Tage als Geisel, bevor US-Scharfschützen ihn gewaltsam befreiten und dabei drei Piraten erschossen.

Schifffahrt / Piraten / Somalia
08.08.2009 · 22:21 Uhr
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