Buchclub: ‚Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine‘

27. Mai 2025, 12:48 Uhr · Quelle: Quotenmeter
Anne Applebaum beleuchtet in "Roter Hunger" den Holodomor als gezielte politische Gewalt Stalins gegen die Ukraine in den Jahren 1932/33. Ihr Werk verbindet historische Rekonstruktion mit aktuellen geopolitischen Entwicklungen und warnt vor den Gefahren autoritärer Regime sowie dem Verdrängen von Geschichte.
Bild: Quotenmeter

Anne Applebaum verfasste ein Buch über den Krieg zwischen dem russischen Aggressor und der Ukraine, der im 20. Jahrhundert sogar noch vertuscht werden sollte.

Mit „Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine“ legt die Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum ein erschütterndes und hochrelevantes Werk über eines der dunkelsten Kapitel der sowjetischen Geschichte vor. In akribischer Detailarbeit rekonstruiert sie den Holodomor – die Hungersnot, die in den Jahren 1932/33 Millionen von Ukrainern das Leben kostete – und macht deutlich, dass es sich nicht um ein bloßes Versagen der Planwirtschaft handelte, sondern um ein gezielt eingesetztes Mittel der Unterdrückung.

Applebaum, Historikerin und Journalistin mit ausgewiesener Expertise in osteuropäischer Geschichte, zeigt in ihrem Buch, wie eng Stalins Hungerpolitik mit seiner Angst vor einem ukrainischen Nationalbewusstsein und einem möglichen Separatismus verbunden war. Die Ukraine, mit ihrem fruchtbaren Boden und ihrer ausgeprägten bäuerlichen Kultur, wurde unter der Sowjetherrschaft in ein System gewaltsamer Kollektivierung gezwängt. Die bäuerlichen Strukturen wurden zerschlagen, die „Kulaken“ (wohlhabende Bauern) als Klassenfeinde diffamiert und deportiert. Was auf den ersten Blick wie eine rigide Agrarreform erscheint, entpuppt sich in Applebaums Darstellung als ideologisch motivierte Kriegsführung gegen ein eigenes Volk.

Der zentrale Fokus des Buches liegt auf der Hungersnot selbst, die nicht, wie lange in der sowjetischen Propaganda behauptet, Folge von Ernteausfällen oder Misswirtschaft war. Vielmehr schildert Applebaum mit erschreckender Klarheit, wie Getreide gewaltsam konfisziert, Vorräte beschlagnahmt und Dörfer abgeriegelt wurden – alles unter dem Vorwand, „die Revolution zu retten“. Die ukrainische Bevölkerung wurde systematisch ausgehungert, während Moskau weiterhin Getreide exportierte. Internationale Warnungen wurden ignoriert oder als feindliche Propaganda abgetan.

Applebaums These ist klar: Der Holodomor war kein Kollateralschaden, sondern ein bewusst herbeigeführter Akt politischer Gewalt – ein „Krieg gegen die Bauern“ und letztlich ein „Krieg gegen die Ukraine“. Sie stützt sich dabei auf eine Fülle neu zugänglicher sowjetischer Archivquellen, Zeitzeugenberichte, Tagebücher und internationale Korrespondenzen. Besonders eindrücklich sind die Schilderungen aus dem Inneren der betroffenen Regionen: Kinder, die in den Straßen verhungern, Dörfer, die sich in Orte des stillen Leidens verwandeln, und Menschen, die gezwungen sind, nach essbaren Wurzeln oder Rinde zu suchen.

Neben der geschichtlichen Aufarbeitung widmet sich Applebaum auch der Frage, warum der Holodomor international so lange kaum bekannt war. Die politische Verklärung der Sowjetunion, westliche Sympathien für das kommunistische Projekt und eine gezielte Informationspolitik Moskaus trugen dazu bei, dass die Tragödie lange nicht als das wahrgenommen wurde, was sie war: ein staatlich orchestrierter Genozid. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion konnten ukrainische Historiker, Überlebende und politische Aktivisten diesen Teil der Geschichte wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken. Applebaum greift diese Entwicklung auf und bettet sie in den heutigen geopolitischen Kontext ein.

Das macht „Roter Hunger“ nicht nur zu einem historischen Buch, sondern auch zu einem politisch aktuellen Werk. Gerade angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erhält Applebaums Analyse eine neue Dringlichkeit. Sie macht deutlich, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts bis heute fortwirkt – und dass der Versuch, eine Nation durch Hunger und Gewalt zu brechen, Teil eines länger währenden imperialen Denkens ist. In Applebaums Worten klingt dabei stets eine Mahnung mit: Wer autoritären Systemen unkritisch begegnet oder historische Gewalt relativiert, läuft Gefahr, die Vergangenheit zu wiederholen.

Stilistisch gelingt Applebaum der Spagat zwischen akademischer Präzision und erzählerischer Dichte. Ihr Buch ist fundiert und zugleich zugänglich geschrieben. Gerade die Verbindung von Zahlen, Fakten und individuellen Schicksalen verleiht dem Text eine emotionale Wucht, die lange nachwirkt.

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[quotenmeter.de] · 27.05.2025 · 12:48 Uhr
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