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Boris Becker: Bin extrem vorsichtig geworden mit Menschen

14. September 2025, 08:00 Uhr · Quelle: dpa
Boris Becker stellte neues Buch „Inside“ vor
Foto: Soeren Stache/dpa
Boris Becker spricht über seine Erfahrung mit Freundschaften.
Boris Becker offenbart in einem exklusiven Gespräch seine Reflexionen über die Haftzeit und die daraus gezogenen Lehren. Er betont seine neue Vorsicht gegenüber Menschen und den Fokus auf Familie und Stärken.

Berlin (dpa) - Boris Becker nimmt sich erst noch einen Moment. Der frühere Tennisprofi kommt mit seiner Frau Lilian zum Interview. Offen spricht er über seine Zeit im Gefängnis. In Großbritannien verbrachte er 231 Tage wegen Insolvenzstraftaten hinter Gittern, davon handelt sein Buch «Inside». Vor dem Gespräch in Berlin hat er eine Bitte: Einen Zigarillo vor der Tür, alleine.

Frage: Der Zigarillo, Herr Becker. Wie sehr haben Sie den vermisst?

Antwort: Nicht nur den Zigarillo. Den habe ich natürlich auch vermisst, aber wenn einem die Freiheit genommen wird, kann man sich vorher nicht vorstellen, wie es ist. Da fehlt einem nicht nur der Zigarillo, sondern auch der enge Kontakt zu seinen Lieben.

Frage: Gibt es etwas, was Sie gelernt haben aus dieser Zeit?

Antwort: Ja, eine ganze Menge. Ich habe sehr viel über die Gründe reflektiert, warum ich im Gefängnis gelandet bin, was waren die Fehler, wann ging es in die falsche Richtung? Mittlerweile sind es zweieinhalb Jahre seit meiner Entlassung und Abschiebung nach Deutschland und meine Frau und ich leben seit April 2023 in Italien. Wir können ein wenig stolz sein, wie wir heute wieder aufgestellt sind.

Frage: Gibt es etwas, von dem Sie sagen: «Das waren jetzt zwei, drei, vier Lektionen, an die ich mich tagtäglich immer wieder erinnere»?

Antwort: Ich bin extrem vorsichtig geworden mit Menschen. Das Vertrauen ist schon angekratzt. Ich war früher ein Menschenfreund und habe erst mal jeden reingelassen. Das ist nicht mehr der Fall. Ich bin sehr vorsichtig und habe auch nur noch einen kleinen Freundeskreis. Und das wird sich auch, glaube ich, so schnell nicht ändern. Da bin ich schon ein gebranntes Kind. Es gibt da dieses Sprichwort: «Zeig mir deine Freunde, deinen Freundeskreis, dann sage ich, wer du bist.» Mein Freundeskreis heute, der kann sich sehen lassen, aber den zeige ich nicht, ich spreche nicht darüber.

Frage: Woran merkt man, welche Menschen einem guttun?

Antwort: Jeder sollte mal auf den eigenen Freundeskreis schauen und herausfinden, wer eigentlich fehl am Platze ist. Wer ist geblieben, wer unterstützt einen und wer eben nicht? Mir haben viele den Rücken gekehrt und hatten dann keine Zeit oder keine Lust mehr oder wollten sich nicht mit mir auseinandersetzen, und das ist okay. Ich merke jetzt, dass die meisten wieder anklopfen und gerne wieder irgendeine Rolle spielen würden. Also ich merke, dass dieses Zerren um mich und dieser Versuch der Vereinnahmung wieder probiert wird.

Frage: Wer ist der Boris Becker nach dem Gefängnis?

Antwort: Ich glaube, dass ich mich zurückbesonnen habe: Was hat mich denn als Tennisspieler ausgezeichnet? Was waren meine Stärken? Was waren meine Qualitäten? Was waren meine Schwächen? Und ich glaube, dass ich geistig wieder zurückgegangen bin zu der Zeit, als ich gut Tennis gespielt habe, als mein Leben in Ordnung war.

Frage: Wie schmal ist der Grat zwischen der Gefahr, dass das Gefängnis einen bricht, und der Chance, dass man sich zurückbesinnt auf alte Stärken?

Antwort: Es gibt so einen Spruch: «Wenn man zehn Jahre und länger im Gefängnis war, dann wird einen das Gefängnis nie wieder loslassen.» Die Gefängnismentalität, das macht schon etwas mit der Psyche. Das Gefängnis ist ja eine Bestrafung für Fehler, die man gemacht hat. Es tut enorm weh und ist manchmal sogar gefährlich. Jeder, der das Gegenteil behauptet, hat keine Ahnung. Englische Gefängnisse sind vielleicht noch schlimmer als deutsche. Obwohl die 231 Tage unglaublich lang waren, war das natürlich nur ein kurzer Aufenthalt im Verhältnis zu den Langzeitgefangenen. Das kriegt man dann wieder hin. Natürlich mit Hilfe von seiner Familie und guten Freunden. Ich glaube nicht, dass ich einen Schaden genommen habe von meinem Gefängnisaufenthalt.

Frage: Sie haben vor dem Haftantritt durch Filme eine Vorstellung gehabt. Wie schauen Sie jetzt auf solche Gefängnisfilme?

Antwort: Mit ganz anderen Augen. Was eigentlich nie in einem Film über ein Gefängnis berichtet wird, weil es eben auch sehr langweilig ist, ist diese lange Zeit alleine in der Zelle. Und das ist das Schlimmste im Gefängnis. Es ist nicht, wenn du bei der Arbeit bist, oder wenn du mit anderen Häftlingen etwas zu tun hast, sondern einfach diese lange Zeit alleine in der Zelle. Das ist das Brutale. Aber das kommt im Film nie vor.

Frage: Im Gefängnis sitzen Menschen, die ganz unterschiedliche Verbrechen begangen haben. Wie geht man damit um?

Antwort: Das Erstaunliche war, dass es keine Unterschiede gab. Ein Wirtschaftsverbrecher war neben einem Mörder, und ein Mörder neben einem Pädophilen, und ein Pädophiler war neben einem Drogenhändler. Da wird nicht unterschieden, welches Verbrechen du begangen hast. Das hat mich schon beängstigt und habe ich so nicht erwartet.

Frage: Ging dieses Gefühl irgendwann weg?

Antwort: Es ist wie bei allem: Wir gewöhnen uns an alles, auch an die schlimmste Zeit. Man muss aufhören, Menschen zu be- oder zu verurteilen. Wir haben alle das gleiche Leid, die Einsamkeit der Zelle. Wir haben alle das gleiche Essen, sehen alle gleich aus. Es gibt keine Unterschiede bei der Behandlung. Ein «Ich bin mehr wert als du», das musst du schnell verlieren im Gefängnis. Du bist im Gefängnis nicht der Richter.

Frage: Sie stehen in der Öffentlichkeit, standen immer in der Öffentlichkeit. Das heißt, Menschen haben Sie bewertet und waren Richter über Sie. Sie schreiben, Deutschland habe sich an Ihren Problemen aufgegeilt. Hatten Sie dieses Gefühl nur im Verlauf der Insolvenz?

Antwort: Ich bin seit dem 7. Juli 1985 (dem ersten Sieg in Wimbledon, d. Red.) eine öffentliche Person, ob ich das will oder nicht! Fremde Menschen bewerten, urteilen über mich, unabhängig davon, ob sie mich wirklich kennen. Ich bin populär bei einigen und unpopulär bei anderen teilweise aus dem gleichen Grund. Ich habe gelernt, dass ich es nicht allen Menschen recht machen kann und lebe mein Leben. Im Ausland werde ich anders wahrgenommen und habe dieses Missverständnis nicht.

Frage: Könnten Sie sich denn vorstellen, wieder in Deutschland zu leben?

Antwort: Kurze Antwort: Nein. Das hat natürlich auch mit dem Wunsch nach einem Privatleben zu tun, auch mit dem Wunsch, nicht jede Woche etwas über mich lesen zu müssen - ob gut oder schlecht, ist egal. Und ich glaube, da haben wir mit Italien eine sehr gute Wahl getroffen.

Frage: Wie ist die rechtliche Lage, könnten Sie nach England und damit auch nach Wimbledon zurückkehren?

Antwort: Ich würde gerne nach Wimbledon zurückkehren. Der Wimbledon-Sieg hat mein Leben dramatisch verändert und es ist einfach Teil meiner DNA. Wir sind mit dem Homeoffice und dem Ministry of Justice (Innen- und Justizministerium, d. Red.) im engen Austausch, und wir suchen wirklich gemeinsam einen Weg, dass ich bald wieder zurückkann. Aber wann das ist, kann ich Ihnen nicht sagen.

Frage: Sie schreiben im Buch von Ihrer auch nach der Haft schwierigen wirtschaftlichen Lage - nach zweieinhalb Jahren, wie würden Sie es im Moment beschreiben? Sind Sie da, wo Sie sein wollen zu diesem Zeitpunkt?

Antwort: Ich bin seit dem 27. April 2024 nicht mehr insolvent. Ich gehöre zur arbeitenden Bevölkerung und muss hart für mein Einkommen arbeiten. Ich habe nichts geerbt oder geschenkt bekommen. Aber ich sollte mich nicht beschweren, mir geht’s heute wirtschaftlich wieder etwas besser und gemeinsam mit meiner Frau bauen wir unser Vermögen auf.

Frage: Auf Sie kommt jetzt noch eine andere Aufgabe zu: Sie werden noch einmal Vater. Haben Sie schon Strampler gekauft?

Antwort: Ich versuche - vielleicht auch im Gegensatz zu früher -, meine privaten Themen privat zu halten, dass ich also nicht alles mit der Öffentlichkeit teile. Aber als vierfacher und bald fünffacher Vater kenne ich mich in Babyfragen exzellent aus.

Frage: Haben Sie heute noch ab und an einen Tennisschläger in der Hand?

Antwort: Habe ich, ja. Meine Frau will gerne spielen - jetzt momentan ist es zwar schwieriger, aber sie spielt ganz gerne und will dann gerne mit ihrem Mann spielen, was ich verstehen kann. Meine Kinder, also meine großen Buben, waren neulich in Mailand und die wollten auch mit Papa Tennis spielen. Dann habe ich das gemacht. Also es gibt Ausnahmen, bei denen ich dann noch mal den Tennisschläger auspacke.

Frage: Und wie gut sind Sie noch?

Antwort: Ich glaube, Sie würde ich noch schlagen. Ich glaube, jeden im Raum würde ich sogar schlagen.

ZUR PERSON: Boris Becker ist einer der bekanntesten Deutschen weltweit. 1985 gewann er im Alter von nur 17 Jahren das Tennis-Turnier in Wimbledon - ein Erfolg, der sein Leben, wie er selbst sagt, geprägt hat. Im Sport folgten etliche weitere Erfolge, insgesamt gewann er unter anderem sechs Grand-Slam-Turniere. Nach seiner Zeit als Profi trat Becker immer wieder öffentlich in Erscheinung. Im April 2022 wurde er in London vor Gericht verurteilt, nachdem er in einem Insolvenzverfahren Vermögenswerte nicht ordnungsgemäß angegeben hatte. Er saß 231 Tage im Gefängnis.

Leute / Tennis / Literatur / Justiz / Berlin / Deutschland / Großbritannien / Interview
14.09.2025 · 08:00 Uhr
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