Blutbad in Kiew

20. Februar 2014, 21:55 Uhr · Quelle: dpa

Kiew (dpa) - Bei den Protesten der Opposition gegen die ukrainische Führung hat es am Donnerstag in Kiew ein weiteres Blutbad mit Dutzenden Toten gegeben. Die meisten Opfer starben, als unbekannte Scharfschützen gezielt auf Demonstranten feuerten.

Auch Sicherheitskräfte wurden getötet. Zudem lieferten sich Regimegegner und Polizisten schwere Straßenkämpfe, rund um den Unabhängigkeitsplatz (Maidan) herrschten bürgerkriegsartige Zustände. Nach offiziellen Angaben starben allein am Donnerstag mindestens 45 Menschen, radikale Regierungsgegner sprachen von mindestens 60 Toten.

Opposition und Regierung machten sich gegenseitig für die blutige Eskalation der Lage verantwortlich. Wer genau auf die Demonstranten schoss, war unklar. Auf Fotos und TV-Bildern waren teils vermummte Scharfschützen in Uniformen zu sehen. Gerüchten zufolge könnte es sich entweder um außer Kontrolle geratene Geheimdienstmitarbeiter, bezahlte regierungstreue Provokateure oder auch russische Spezialeinheiten handeln. Das Innenministerium räumte Schüsse auf Demonstranten ein - allerdings sei dies nur aus Notwehr geschehen, um unbewaffnete Kollegen aus der Gefahrenzone zu retten.

Am Abend beschloss das Parlament in einem vor allem symbolisch wichtigen Schritt ein Ende des am Vortag vom Geheimdienst angekündigten «Anti-Terror-Einsatzes» im Land. Die Abgeordneten verlangten, dass sich alle Einheiten in ihre Kasernen zurückziehen, wie Fernsehsender live berichteten. Zudem untersagten die Parlamentarier fast einstimmig den Einsatz von Schusswaffen.

Unter dem Eindruck der dramatischen Ereignisse beschlossen die EU-Außenminister Sanktionen gegen die Verantwortlichen für die Gewalt. Sie sollen vor allem die Regierung des Landes treffen. Die Minister einigten sich in Brüssel vor allem auf Einreiseverbote und Kontensperrungen. Eine Liste der davon möglicherweise Betroffenen werde unverzüglich ausgearbeitet. Ungewiss blieb aber, wann die Sanktionen tatsächlich in Kraft treten. Die USA verhängten bereits Einreiseverbote für 20 Ukrainer, die für die Gewalttaten in der Nacht zum Mittwoch verantwortlich seien.

Ein EU-Vermittler-Trio um Außenminister Frank-Walter Steinmeier schlug Präsident Viktor Janukowitsch bei einem Besuch in Kiew eine politische Lösung vor: Demnach sollen eine Übergangsregierung gebildet, eine Verfassungsreform begonnen und Parlaments- und Präsidentenwahlen abgehalten werden. Eine Antwort des Moskau zugewandten Staatschefs sowie der Opposition stand aus.

«Die Lage ist sehr schwierig», sagte Frankreichs Außenminister Laurent Fabius in Kiew nach einem Treffen mit der Opposition. «Wir machen das Maximale, um eine Lösung zu erreichen. Aber so weit sind wir noch nicht.» Auch der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko sagte, es gebe noch keine Lösung.

Zuvor hatte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk in Warschau erklärt, Janukowitsch habe sich zu vorgezogenen Parlaments- und Präsidentenwahlen noch in diesem Jahr bereiterklärt sowie zur einer «Regierung der nationalen Einheit innerhalb von zehn Tagen und Verfassungsänderungen bis zum Sommer».

Bereits am Dienstag war es auf dem Maidan in Kiew zu schweren Straßenschlachten gekommen. Dabei waren mindestens 28 Menschen getötet und wohl mehr als 1000 verletzt worden. Nach der Eskalation der Lage am Donnerstag erteilte das ukrainische Innenministerium seinen Sicherheitskräften die Genehmigung, landesweit mit scharfer Munition gegen radikale Demonstranten vorzugehen.

Viele Opfer seien am Donnerstag jeweils mit einem Schuss gezielt getötet worden, berichteten radikale Regierungsgegner. «Wir sehen die Situation außer Kontrolle», umriss der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko die Lage. Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko rief ihre Gefolgsleute auf, sich nie wieder mit Janukowitsch an einen Tisch zu setzen.

Währenddessen verhandelten die drei Außenminister stundenlang mit Janukowitsch. Steinmeier wurde von seinen Amtskollegen Fabius aus Frankreich und Radoslaw Sikorski aus Polen begleitet. «Ansätze für Fortschritte sind vorstellbar», hieß es aus Delegationskreisen. Steinmeier kündigte an, ein zweites Mal mit der Opposition und am Abend auch ein zweites Mal mit Janukowitsch reden zu wollen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schaltete sich ein und telefonierte mit Janukowitsch sowie Kremlchef Wladimir Putin und US-Präsident Barack Obama. Merkel habe die Bereitschaft der EU erklärt, Gespräche von Regierung und Opposition zu unterstützen, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin mit. Sie habe Janukowitsch dringend geraten, dieses Angebot anzunehmen. Jedes Spiel auf Zeit werde den Konflikt weiter anheizen und berge unabsehbare Risiken.

Die US-Regierung reagierte «entrüstet» auf das Blutbad in Kiew und forderte den ukrainischen Präsidenten Janukowitsch zum Rückzug seiner Truppen aus der Innenstadt von Kiew auf. Obama hatte bereits am Mittwoch (Ortszeit) die Eskalation der Gewalt in der Ukraine verurteilt. «Es wird Konsequenzen haben, wenn Leute eine Linie überschreiten», drohte Obama.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf dem Westen Erpressung in der Ukraine-Frage vor. Präsident Putin schickte auf Bitte Janukowitschs den scheidenden Menschenrechtsbeauftragten Wladimir Lukin als Vermittler nach Kiew.

Die ukrainische Führung warnte die EU vor Strafmaßnahmen. «Sanktionen würden die Situation verschärfen, sie wären Öl ins Feuer», sagte Präsidialamtschef Andrej Kljujew. «Bei Sanktionen droht die Gefahr, dass das Land in zwei Teile zerbricht.» In mehreren westukrainischen Städten liefen ganze Polizeieinheiten zu den Regierungsgegnern über. Unbestätigten Berichten zufolge setzten sich führende Regierungspolitiker sowie führungsnahe Großindustrielle mit Privatflugezeugen ins Ausland ab.

Wenige Stunden nach dem am Mittwochabend von Regierung und Oppositionsführung vereinbarten Gewaltverzicht waren radikale Demonstranten am Morgen ins Regierungsviertel vorgedrungen. Sie vertrieben vorübergehend die dort stationierten Sicherheitskräfte, wie örtliche Medien berichteten. Regierungssitz und Parlament seien von den Sicherheitskräften überstürzt geräumt worden. Die radikale Oppositionsgruppierung Rechter Sektor hatte mitgeteilt, sich nicht an den Gewaltverzicht halten zu wollen.

Die Proteste hatten im November begonnen, nachdem Janukowitsch ein unterschriftsreifes Abkommen mit der Europäischen Union gestoppt und sich Russland zugewandt hatte. Moskau gewährte dem finanziell klammen Nachbarn daraufhin Milliardenkredite. Die Opposition fordert, dass die Vollmachten des Präsidenten zugunsten von Regierung und Parlament eingeschränkt werden. Außerdem verlangt sie Neuwahlen.

Demonstrationen / Ukraine
20.02.2014 · 21:55 Uhr
[21 Kommentare]
Raketenabwehrsystems Patriot
Washington/Tel Aviv/Teheran (dpa) - Eine Woche Krieg, 3.000 Ziele attackiert - «und wir lassen nicht nach»: Das US-Militär informiert auf der Plattform X mal wieder über den Krieg im Iran. Die Kurzbilanz zu den Angriffen, verknüpft mit der Drohung, ist eine Machtdemonstration. In Kriegszeiten kommt es auch auf Zahlen an. Während einige geradezu in die […] (00)
vor 49 Minuten
Bahar Kizil
(BANG) - Bahar Kizil spricht offen über ihre Zeit nach Monrose. Die 37-jährige Sängerin war neben Mandy Capristo und Senna Gammour Teil der erfolgreichen Girlband, deren Gründung sich dieses Jahr zum 20. Mal jährt. 2011 gaben die drei Frauen die Trennung von Monrose bekannt und obwohl immer wieder über ein Comeback der Truppe spekuliert wird, mussten […] (00)
vor 16 Stunden
Apple HomePad: Release des Smart-Displays wohl erst im Herbst
Wie ein bekannter Leaker berichtet, wird das neue Apple HomePad voraussichtlich erst im kommenden Herbst auf den Markt kommen. Das smarte Display, das eine Mischung aus iPad und HomePod darstellen soll, lässt damit weiter auf sich warten. Apple Store, Quelle: Pixabay Späterer Verkaufsstart für das Apple HomePad Laut dem Leaker Kosutami […] (00)
vor 16 Stunden
Valve verschiebt neue Gaming-Hardware: Steam Machine wohl später als geplant
Valve arbeitet weiterhin an seiner nächsten großen Hardware-Offensive für das Wohnzimmer. Mit der Steam Machine, dem Steam Frame und einem neuen Steam Controller will das Unternehmen den Gaming-PC stärker ins Konsolenrevier bringen. Doch neue Informationen aus einem aktuellen Valve-Blogbeitrag zeigen, dass sich die Pläne offenbar erneut verschieben […] (00)
vor 34 Minuten
«Wir sind dann wohl die Angehörigen» im KinoFestival des Ersten
Das Erste zeigt in der Nacht zum 30. März Hans-Christian Schmids vielfach gelobtes Entführungsdrama über die Familie Reemtsma. Das Erste setzt am Sonntag, um 00: 05 Uhr auf eine Free-TV-Premiere. In der Nacht zum Montag strahlt das Erste im Rahmen des „KinoFestival im Ersten“ den Spielfilm Wir sind dann wohl die Angehörigen aus. Die deutsche Produktion aus dem Jahr 2022 erzählt die Entführung […] (00)
vor 16 Stunden
Oscar Piastri
Melbourne (dpa) - Lokalmatador Oscar Piastri hat noch vor dem Formel-1-Auftakt in seiner Heimatstadt Melbourne ein Debakel erlebt. Der WM-Dritte der vergangenen Saison kam auf dem Weg in die Startaufstellung ausgangs von Kurve vier auf den Randstein, verlor die Kontrolle über seinen McLaren und krachte in die Streckenbegrenzung. Piastri hätte von Rang […] (00)
vor 48 Minuten
kostenloses stock foto zu aktienmarkt, bargeldlos, berlin
Die Möglichkeit eines massiven Anstiegs des XRP-Kurses wurde erneut ins Gespräch gebracht, nachdem der Finanzkommentator Jake Claver in einem Interview im Paul Barron Podcast entsprechende Aussagen machte. Claver deutete an, dass XRP unter den richtigen Bedingungen auf drei- oder vierstellige Werte steigen könnte, möglicherweise sogar bis zu $1.000. […] (00)
vor 4 Stunden
Natürlicher Schutz für starke Zähne: Wie Zwiebeln, Tee & Kräuter antibakteriell wirken
Mörfelden-Walldorf, 07.03.2026 (lifePR) - Nur wenigen Menschen ist bekannt, dass es antibakterielle Nahrungsmittel gibt. Die natürlichen Wirkstoffe helfen gegen Bakterien, die sich gerne im Mund ansammeln und zur Entstehung von Karies beitragen. Erfahren Sie in unserem heutigen Blogbeitrag, wie Pilze und Zwiebeln die Zahngesundheit fördern und […] (00)
vor 21 Stunden
 
Finale "Miss Germany Awards" 2026
München (dpa) - Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, aus der Wahl der «Miss Germany» […] (03)
Saudi-Arabien
Riad (dpa) - Saudi-Arabien und Kuwait sind erneut Ziel von Angriffen geworden. Das […] (00)
Internationaler Frauentag
Berlin (dpa) - Mädchen hassen, sie wie Dreck behandeln: Darum habe sich seine […] (00)
Kommunalwahl in Bayern - Regensburg
München (dpa) - Es ist keine Bundestags- und keine Landtagswahl, es geht «nur» um […] (00)
Schlittenhunderennen Iditarod
Anchorage (dpa) - In Alaska sind 37 Männer und Frauen mit ihren Gespannen bei einem […] (01)
WWE 2K26 King of Kings Edition, Attitude Era Edition & Monday Night War Edition – welche ist eure?
2K gab heute bekannt, dass die  King of Kings Edition, Attitude Era Edition  und  […] (01)
Apple M5 Max Chip bricht Rekorde im ersten Benchmark
In einem ersten aufgetauchten Geekbench 6-Ergebnis hat das neue 16 Zoll […] (00)
ntv zeigt an Karfreitag neue Staffel von «Große Katastrophen»
Die Doku-Reihe startet mit vier Folgen über Naturgewalten und schwere Unglücke. ntv zeigt am […] (00)
 
 
Suchbegriff