Bayer-Aktie auf 27-Monats-Hoch – Hoffnung auf juristische Wende im Glyphosat-Streit
Rückenwind aus den USA
Zum Wochenauftakt zählte Bayer zu den stärksten Werten im DAX. Die Aktie legte zeitweise mehr als sieben Prozent zu und erreichte damit den höchsten Stand seit Herbst 2023. Seit Jahresbeginn summiert sich das Plus inzwischen auf rund 20 Prozent.
Auslöser ist eine juristische Entwicklung von erheblicher Tragweite: Der Oberste Gerichtshof der USA will sich grundsätzlich mit der Frage befassen, ob die Zulassung des Unkrautvernichters Glyphosat durch die Umweltbehörde EPA ohne Krebs-Warnhinweis Klagen auf Ebene der Bundesstaaten ausschließt. Für Bayer ist das ein zentraler Punkt – und möglicherweise der Anfang vom Ende einer jahrelangen Rechtsodyssee.
Ein Etappensieg mit Milliardenpotenzial
Seit der Übernahme von Monsanto im Jahr 2018 hängt der Konzern in einem Netz aus zehntausenden Klagen, in denen Kläger dem Wirkstoff Glyphosat eine krebserregende Wirkung zuschreiben. Die Rechtsstreitigkeiten haben Bayer nicht nur Milliarden an Vergleichszahlungen gekostet, sondern auch den Aktienkurs über Jahre massiv belastet.
Die nun angekündigte Prüfung durch den Supreme Court wird von Analysten als entscheidender Wendepunkt interpretiert. JP Morgan verweist darauf, dass rund 80 Prozent der anhängigen Klagen auf dem Vorwurf unzureichender Warnhinweise beruhen. Sollte das Gericht zu dem Schluss kommen, dass die EPA-Zulassung mit Bundesrecht Vorrang vor einzelstaatlichen Klagen hat, könnte ein Großteil dieser Verfahren juristisch ausgehebelt werden.
Bewertungsspielraum nach oben
Auch Kepler Cheuvreux spricht von einem wichtigen Zwischenschritt auf dem Weg zu einer umfassenden rechtlichen Klärung. In den Modellen der Analysten ist derzeit noch ein Risikoabschlag von rund zehn Milliarden Euro für die Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten enthalten. Ein für Bayer günstiges Grundsatzurteil könnte diesen Abschlag deutlich reduzieren – mit unmittelbaren Effekten auf Bewertung und Bilanz.
Entsprechend wird die aktuelle Kursreaktion nicht als kurzfristiger Trading-Effekt gewertet, sondern als Neubewertung eines zentralen Unsicherheitsfaktors. Die Aktie handelt trotz der jüngsten Rally noch immer deutlich unter den Niveaus vor der Monsanto-Übernahme – das juristische Damoklesschwert war bislang der größte Bremsklotz.
Der Markt blickt auf den Sommer
Eine Entscheidung des Supreme Court wird bis zum Sommer 2026 erwartet. Bis dahin dürfte die Bayer-Aktie stark von juristischen Schlagzeilen und Erwartungsverschiebungen getrieben bleiben.
Fest steht: Sollte es dem Konzern gelingen, die Glyphosat-Risiken strukturell einzudämmen, würde sich das Risikoprofil fundamental verändern. Für Investoren wäre das mehr als nur ein Etappensieg – es wäre der potenzielle Befreiungsschlag von einem der größten Altlastenkomplexe der europäischen Unternehmensgeschichte.


