Auf Abstand gegen den Trend: Hamburg als Hoffnung der SPD

21. Februar 2020, 15:56 Uhr · Quelle: dpa

Hamburg/Berlin (dpa) - Wer in den vergangenen Wochen Saskia Esken oder Norbert Walter-Borjans als Wahlkampfhelfer in Hamburg erwartet hat, wurde enttäuscht. Die neuen SPD-Bundesvorsitzenden waren zu den Veranstaltungen der Hamburger Genossen auch gar nicht eingeladen.

Bürgermeister Peter Tschentscher hatte in dem zähen Rennen um den Parteivorsitz seinem Amtsvorgänger, Bundesfinanzminister Olaf Scholz, die Daumen gedrückt - und war dann folgerichtig zu dem neuen SPD-Spitzenduo auf Distanz gegangen. Der Plan scheint aufzugehen, vor der Bürgerschaftswahl an diesem Sonntag: Während die SPD in Umfragen bundesweit aktuell bei 14 Prozent dümpelt, könnte sie in Hamburg dicht an die 40 Prozent kommen. Rot-Grün hätte demnach eine deutliche Mehrheit und könnte weiterregieren.

Der «Cum-Ex»-Skandal, der im Wahlkampf-Endspurt für Wirbel sorgte, hat bislang kaum Auswirkungen auf die Umfrageergebnisse. Sowohl die Grünen-Bürgermeisterkandidatin Katharina Fegebank als auch die Spitzenkandidaten der Oppositionsparteien hatten von Tschentscher Aufklärung zum Umgang der Finanzbehörden mit der Warburg Bank verlangt.

Im Raum stehe der Vorwurf der politischen Einflussnahme, sagte die Zweite Bürgermeisterin Fegebank in einem TV-Duell. Es müsse klar gemacht werden, warum eine Steuerrückforderung von 47 Millionen Euro aus dem Jahr 2009 nicht erhoben wurde und verjährte. Tschentscher wies den Vorwurf der politischen Einflussnahme erneut zurück. Zum konkreten Fall wollte sich der Bürgermeister wegen des Steuergeheimnisses aber nicht äußern.

In der Wahlkampf-Schlussphase sagten SPD, Grüne, Linke, CDU und FDP dann mehrere für Donnerstag und Freitag geplante Veranstaltungen ab. Grund war die mutmaßlich rechtsextreme und rassistische Gewalttat von Hanau mit zehn Todesopfern. Auch die AfD Hamburg ließ ihre Wahlabschluss-Veranstaltung ausfallen. Aufgrund der politisch-medialen Stimmungsmache und der zu erwartenden massiven Gegenproteste könne die Sicherheit der Bürger vor Ort nicht garantiert werden, teilte die Partei mit. Außerdem wolle sich die AfD Hamburg nicht vorwerfen lassen, dass man pietätlos gehandelt habe.

Laut eines am Donnerstag veröffentlichten ZDF-Politbarmometers «Extra» kämen die Sozialdemokraten auf 39 Prozent, wenn schon jetzt die Bürgerschaftswahl wäre. Die Grünen würden bei 24 Prozent, die CDU bei 12 Prozent liegen. Der Projektion zufolge würde die Linke 8,5 Prozent erreichen, die AfD 6 Prozent. Die FDP muss demnach um den Einzug ins Parlament bangen (5 Prozent).

Im Vergleich zur Bürgerschaftswahl 2015 wird Peter Tschentscher wohl Verluste hinnehmen müssen. Damals war die SPD noch unter Scholz auf 45,6 Prozent gekommen. Der 54-Jährige gibt sich dennoch gelassen: «Seit der letzten Wahl haben sich die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland grundlegend geändert. Wir sind in unserem Wahlziel ambitioniert, aber realistisch». Und das Ziel ist die Führung des Senats.

Als so deutlich stärkste Kraft in Hamburg die Nase vorn zu behalten, dürfte über die Verluste hinwegtrösten, zumal es zwischenzeitlich in Umfragen auch so aussah, als ob der ehemals viel kleinere Koalitionspartner diesmal das Ruder im Senat übernehmen könnte. Erst im Wahlkampffinale gingen die Zustimmungswerte für die SPD so deutlich hoch.

Geschickt hat Tschentscher den Grünen das Thema Klimaschutz als Alleinstellungsmerkmal abgenommen. «Grüner wird's nicht» als mit seiner SPD, verspricht er den Wählern, gibt sich als Macher und erläutert den Grünen und seiner Herausforderin Fegebank gern den Unterschied zwischen Wollen und Können.

Die SPD stehe für ein «weiter so», sagt die Wissenschaftssenatorin und will «mit Mut, mit Optimismus, mit Regierungserfahrung, mit Durchsetzungsstärke noch mehr aus dieser Stadt machen» und Hamburg vor allem schneller in eine klimafreundliche Zukunft führen. Zwischenzeitlich in Umfragen bei knapp 30 Prozent gehandelt, dürfen die Grünen noch immer von einer Verdoppelung ihres Ergebnisses von 2015 (12,3 Prozent) ausgehen. Und im Gegensatz zu Tschentscher kann Fegebank dabei auch mit ihren beliebten Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck punkten.

Tschentscher legt dagegen großen Wert auf die Eigenständigkeit der Hamburger Sozialdemokratie, die seit 1949 in der Stadt bis auf 13 CDU-regierte Jahre immer den Bürgermeister stellte. «Das ist eine wichtige Botschaft für alle, die in den letzten Jahren auf uns gesetzt haben: Unser Kurs bleibt bestehen, unabhängig davon, wie sich die SPD bundesweit entwickelt.»

Trotz der hanseatischen Distanz hofft man im Berliner Willy-Brandt-Haus inständig, dass es nach einer gefühlten Ewigkeit im Umfragekeller endlich ein bisschen bergauf geht. Der Partei stecken der Rücktritt ihrer Chefin Andrea Nahles vor mehr als einem halben Jahr, eine kräftezehrender Kür der Nachfolger und mehrere herbe Wahlniederlagen in den Knochen. Nach dem Wahl-Eklat in Thüringen sind die Genossen froh, dass sich kritische Blicke ungewohnt wie schlagartig auf die CDU richten - weg von der SPD. Offiziell gibt man sich freilich staatstragend.

«Ich glaube, die Wahl in Hamburg wird eine Bestätigung für eine Sozialdemokratie, die in dem Bundesland seit Jahrzehnten Verantwortung getragen hat», sagt SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich. Dabei gebe es nicht mehr wie früher festgefügte Zugehörigkeiten von Wählerinnen und Wählern zu Parteien - die Menschen würden sich erst sehr spät entscheiden. «Ich wünsche der SPD in Hamburg viel Erfolg, der uns natürlich auch noch mal Rückenwind geben wird für eine starke und selbstbewusste Sozialdemokratie auf Bundesebene.»

Die Distanz der wahlkämpfenden Hamburger Genossen, die die Zweifel in den eigenen Reihen an den neuen SPD-Chefs deutlich macht, nimmt Mützenich gelassen: «Dass die Hamburger SPD auf Wahlkämpfer von der Bundesspitze verzichtet, ist keine neue Erfahrung.» Das habe es auch schon in anderen Bundesländern gegeben - und sei nachvollziehbar. «Es finden ja keine irgendwie vorgezogenen Bundestagswahlen statt - man will sich an dem messen, was man an Leistung für das Land erbracht hat.» Da habe die SPD am meisten zu bieten. Offensichtlich auch ohne Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.

Wahlen / Bürgerschaft / Parteien / SPD / Peter Tschentscher / Bürgerschaftswahl / Hamburg / Deutschland
21.02.2020 · 15:56 Uhr
[0 Kommentare]
Nina Warken (Archiv)
Berlin - Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will im Rahmen der geplanten Finanzreform für die gesetzliche Krankenversicherung auch die Gehälter der Kassen-Vorstände sowie der Führungsebene gesetzlich deckeln. Sie wolle bei ihrem Sparpaket die Krankenkassen nicht ausnehmen, sagte Warken dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (Freitagausgaben). […] (01)
vor 28 Minuten
Adele geht zurück ins Studio, um einen neuen Song aufzunehmen.
(BANG) - Adele geht zurück ins Studio, um einen neuen Song aufzunehmen. Die 37-jährige Singer-Songwriterin wird in Tom Fords kommendem Historiendrama 'Cry to Heaven' an der Seite von Nicholas Hoult, Aaron Taylor-Johnson, Ciarán Hinds, George MacKay, Mark Strong und Colin Firth ihr Schauspieldebüt geben. Allerdings soll sie davor noch einen Song für den […] (00)
vor 5 Stunden
Netflix
Los Gatos (dpa) - Netflix hat die Wall Street mit seiner Gewinnprognose enttäuscht. Die Aktie fiel im nachbörslichen US-Handel zeitweise um mehr als neun Prozent. Der Streaming-Riese sagte für das laufende Quartal einen operativen Gewinn von 78 US-Cent je Aktie voraus, während Analysten im Schnitt mit einer Prognose von 84 Cent gerechnet hatten. Anleger […] (00)
vor 1 Stunde
PS6-Leak sorgt für Aufsehen: Tausende Spiele sollen sofort spielbar sein
Die nächste PlayStation-Generation nimmt langsam Form an, zumindest werden die Gerüchte lauter. Ein neuer Leak sorgt jetzt für besonders viel Aufmerksamkeit, weil er ein Feature bestätigt, das sich Spieler wünschen: vollständige Abwärtskompatibilität bei der PS6. Diese soll nämlich nicht nur PS5-Spiele unterstützen, sondern auch die komplette PS4- […] (00)
vor 2 Stunden
«SkyMed» hebt mit vierter Staffel wieder ab
Die Rettungsdrama-Serie kehrt im Mai mit neuen Folgen bei Paramount+ zurück. Der Streamingdienst Paramount+ setzt SkyMed fort und veröffentlicht die komplette vierte Staffel am 21. Mai weltweit. Die neuen Episoden führen erneut in den abgelegenen Norden Kanadas, wo Luftrettungsteams oft die einzige medizinische Versorgung darstellen. Die achte Staffel umfasst acht Folgen und bleibt dem Konzept […] (00)
vor 1 Stunde
Racing Straßburg - 1. FSV Mainz 05
Straßburg (dpa) - Der FSV Mainz 05 hat sich im Elsass abkochen lassen und den erstmaligen Einzug ins Halbfinale der Conference Legaue verpasst. Die Mannschaft von Trainer Urs Fischer verspielte bei der 0: 4 (0: 2)-Niederlage bei Racing Straßburg ihren 2: 0-Vorsprung von vor einer Woche. Damit platzte auch der Traum von einem Finale mit deutscher […] (01)
vor 58 Minuten
kostenloses stock foto zu 50 €, anlagestrategie, banknoten
XRP befindet sich derzeit in einer Phase der Konsolidierung, die nun schon 68 Tage andauert. Der Kurs bewegt sich weiterhin unterhalb eines wichtigen Widerstandsniveaus. Laut Analyst CasiTrades bleibt das übergeordnete makroökonomische Bild unverändert, auch wenn die täglichen Kursbewegungen volatil erscheinen mögen. Der Vermögenswert befindet sich in […] (00)
vor 38 Minuten
Neue Kampagne für Motorradfahrende gestartet
Essen, 16.04.2026 (lifePR) - Mit einer neuen Aufklärungskampagne machen das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat e.V. (DVR) auf die Wichtigkeit des ausreichenden Sicherheitsabstands im Straßenverkehr aufmerksam. Aktuelle Studienergebnisse des ifz über die Einschätzung von Motorradfahrerinnen und -fahrern […] (00)
vor 7 Stunden
 
Millionen-Coup: Polizei veröffentlicht Fotos aus Tresorraum
Essen (dpa) - Knapp ein halbes Jahr nach dem spektakulären Millionen-Einbruch in eine […] (00)
Unglück in Lederfabrik - mehrere Tote
Runkel (dpa) - Drei Tote, zwei Menschen in Lebensgefahr: In einer Lederfabrik und […] (01)
Bundeskanzleramt (Archiv)
Berlin - Im Kanzleramt berät eine Arbeitsgruppe aus Bund, Ländern und Kommunen über […] (08)
Eisenbahner mit Herz
Potsdam (dpa) - Dreieinhalb Stunden steckt ein voller Regionalzug im Schneechaos […] (02)
Das Inferno wütet über Bayou: Hunt Showdown 1896 lässt die Flammen los
Ein infernalisches Schauspiel bahnt sich an, das die ohnehin schon unerbittliche Welt […] (00)
Dustin Hoffman
(BANG) - Dustin Hoffman wird seine Memoiren veröffentlichen. Der 88-jährige […] (00)
Aixtron auf Expansionskurs Der Chipindustrie-Ausrüster Aixtron hat angekündigt, […] (00)
Bayern München - Real Madrid
München (dpa) - Jubelnd standen die Bayern mit ihren Matchwinnern Luis Díaz und […] (05)
 
 
Suchbegriff