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Arbeitswut an der Spitze: Japans neue Premierministerin riskiert mehr als nur ihr Image

22. November 2025, 07:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Die neue japanische Premierministerin beginnt ihre Tage um 3 Uhr morgens und fordert mehr Arbeitsflexibilität. Dies könnte die jahrelangen Bemühungen gegen Karoshi untergraben.

Der Wecker klingelt um 1 Uhr – Regierungsführung im Ausnahmezustand

Japan ist an hohe Arbeitsbelastung gewöhnt. Doch was die neue Premierministerin seit ihrem Amtsantritt vorlebt, sprengt selbst japanische Maßstäbe. Takaichi beginnt ihren Arbeitstag teilweise um 3 Uhr nachts, verzichtet auf Friseurbesuche, kürzt selbst ihre Haare und arbeitet nach eigenen Angaben fast durchgehend. „Maximal vier Stunden Schlaf“, sagt sie – als wäre das ein Gütesiegel.

Diese öffentliche Inszenierung von Askese trifft ein Land, das seit Jahrzehnten gegen Karoshi kämpft – den „Tod durch Überarbeitung“. Nicht als Metapher, sondern als statistisches Phänomen, das jedes Jahr Dutzende Familien trifft. Dass nun ausgerechnet die erste Frau an Japans Regierungsspitze die mühsam errungenen Fortschritte infrage stellt, sorgt für Nervosität.

Überarbeitete Nation: Weniger Urlaub, mehr Druck

Japanische Beschäftigte arbeiten im Schnitt 1600 Stunden im Jahr – weniger als früher, aber immer noch deutlich mehr als in Deutschland. Vor allem, weil Japaner ihren Urlaub kaum nutzen und weiterhin massenhaft unentlohnte Überstunden leisten. In vielen Firmen gelten diese „Service Hours“ als Ausdruck von Loyalität. Kaum ein Arbeitnehmer klagt dagegen, zu groß ist die Angst vor sozialer Ächtung.

Die Regierung hatte 2019 unter Shinzo Abe – Takaichis politischem Mentor – erstmals Obergrenzen für Überstunden eingeführt. Bis zu 45 Stunden pro Monat, in Ausnahmefällen 100. Ein mühsamer Schritt, der vor allem Frauen und Teilzeitkräften bessere Vereinbarkeit ermöglichen sollte.

Takaichi setzt genau hier an – und will zurückdrehen, was viele als überfällige Modernisierung sehen.

Regulierung auf der Kippe: Takaichi will Überstundenlimit lockern

Kaum im Amt, ließ Takaichi prüfen, ob die Überstundenobergrenzen gelockert oder abgeschafft werden könnten – zumindest für Menschen, die „freiwillig“ mehr arbeiten wollen. Die Formulierung klingt harmlos. Kritiker nennen sie realitätsfern.

Denn in Japan ist „freiwillig“ oft nur ein anderes Wort für Gruppendruck.

Anwälte, die Angehörige von Karoshi-Opfern vertreten, reagierten entsprechend empört: Die Premierministerin riskiere, Arbeitgeber zu ermutigen, den Druck auf Angestellte erneut zu erhöhen. Selbst die Eltern eines Beamten, der sich 2014 aus Erschöpfung das Leben nahm, forderten Takaichi öffentlich auf, ihre Worte zurückzunehmen.

Sie tat es nicht.

Symbolpolitik im Morgengrauen – und ihre Wirkung

Der Wendepunkt kam, als Takaichi um 3 Uhr morgens ihre Abgeordnetenwohnung verließ, weil ihr Faxgerät streikte. Eine Szene wie aus einem Bürokratie-Satirefilm – aber mit realen Konsequenzen. Während sie mit ihrem Team im Morgengrauen Antwortkataloge überarbeitete, kritisierten Oppositionspolitiker, sie setze ihr Umfeld unter unverantwortlichen Druck.

Ein Beamter sagte gegenüber der Presse, Takaichi sei „der Typ Mensch, der nicht schlafen kann, bevor sie jedes Detail selbst geprüft hat“. Ein Satz, der über Fleiß hinaus auf ein strukturelles Problem verweist: Der Perfektionismus der Chefin wird zur Belastung für ganze Ministerien.

Die Rückkehr des alten Japans?

Die konservative Premierministerin argumentiert, längere Arbeitszeiten seien notwendig, weil manche Beschäftigte durch strikte Grenzen weniger Zuschläge erhielten und sich Nebenjobs suchten. Für Branchen wie Logistik und Paketdienste, in denen seit 2024 strengere Limits gelten, hätten die Reformen bereits negative Folgen gehabt.

Doch die Opposition bleibt skeptisch. Die offiziellen Karoshi-Zahlen – 79 anerkannte Fälle im Jahr 2024 – bilden nur einen Ausschnitt ab. Viele Familien scheuen den Rechtsweg. Die Umfragen im Karoshi-Weißbuch des Arbeitsministeriums zeichnen ein dunkleres Bild: Jedes fünfte Unternehmen berichtet, dass Beschäftigte bis zu 80 Überstunden pro Monat leisten.

Und genau hier beginnt die Sorge: Die neue Premierministerin sendet ein kulturelles Signal. Nicht über Gesetzesänderungen, sondern über Vorbilder.

Ein Land fragt sich: Muss Leistungsbereitschaft so aussehen?

Während sie im Haushaltsausschuss mit müden Augen den Fragen lauschte, wurde Takaichi mit ihren eigenen Forderungen konfrontiert. „Ist das nicht zu viel harte Arbeit?“, fragte ein Abgeordneter. Sie lächelte – ein Lächeln, das Interpretationsspielraum ließ: Zustimmung oder Kapitulation?

Japans Wirtschaft braucht Produktivität, Innovation, Modernisierung. Aber das Land braucht keine Renaissance eines Systems, in dem Schlaf als Schwäche gilt.

Takaichis Ansatz trifft einen Nerv: Er zwingt Japan, grundlegende Fragen zu stellen. Über Führungsstile. Über die Rolle von Frauen an der Spitze. Über das Verhältnis zwischen Arbeit und Leben – gerade in einer alternden Gesellschaft, die dringend auf jede produktive Stunde angewiesen ist, aber nicht auf jede Stunde, die Menschen in den Abgrund treibt.

Es gibt politische Signale, die man setzen kann, ohne ein Wort zu sagen. In Japan reicht manchmal eine Fahrt um 3 Uhr morgens. Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr: Die Grenzen, die nach Jahrzehnten mühsam aufgebaut wurden, lassen sich schneller einreißen als jede Ministerin ihre Haare selbst schneiden kann.

Finanzen / Global / Japan / Karoshi / Überarbeitung
[InvestmentWeek] · 22.11.2025 · 07:00 Uhr
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