Analyse: Pussy Riot will anders kämpfen als Chodorkowski

23. Dezember 2013, 21:00 Uhr · Quelle: dpa

Moskau (dpa) - Nach dem Abgang Michail Chodorkowskis von der Bühne der Kremlgegner in Russland treten nun die Frauen der Punkband Pussy Riot ins Scheinwerferlicht. Keine Emigration und erst recht keine Kapitulation vor Kremlchef Wladimir Putin - das sind die Botschaften von Nadeschada Tolokonnikowa und Maria Aljochina.

Als die beiden Frauen am Montag nach mehr als 20 Monaten in Haft im Zuge einer Amnestie ihre Straflager verlassen, sind sie kämpferisch gestimmt.

«Mit meiner Entlassung fängt alles erst an, weil die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit sehr eng ist in Russland, in diesem autoritären Staat», sagt die 24 Jahre alte Tolokonnikowa. Es ist bitterkalt - um die minus 28 Grad, berichteten die Wartenden beim Kurznachrichtendienst Twitter, als die Wortführerin der Band Pussy Riot perfekt gestylt ins abendliche Scheinwerferlicht tritt.

Ihre zuvor schon an der Wolga aus dem Straflager entlassene Bandkollegin Aljochina zeigt sich ebenfalls ungebrochen. Die beiden Frauen telefonieren. Es ist das erste Gespräch, seit sie im August vorigen Jahres zu zwei Jahren Straflager verurteilt wurden. Die Band hatte ein Punkgebet in einer Kirche gegen Putin aufgeführt.

Und zumindest Aljochina sagt, dass sie es wieder tun würde - und überhaupt auf Putins Amnestie pfeife und bis zum regulären Haftende Anfang März auch noch durchgehalten hätte. Die beiden vereinbaren, dass sie sich für andere Gefangene einsetzen und den «blutigen Alltag» sowie die vielfach verbreitete Folter in den noch sowjetisch geprägten Straflagern bekämpfen wollten.

Das ist ein Ziel, das sie mit Chodorkowski - dem bis Freitag berühmtesten politischen Gefangenen des Landes - gemeinsam haben. Auch der 50-Jährige will sich für die Freiheit von «Putins Geiseln», wie er sie nennt, einsetzen. Die für ihn vorgesehene Rolle als führender Kopf der gespaltenen Protestbewegung lehnt er aber ab.

Nicht wenige in Russland hatten darauf gehofft, dass Chodorkowski im kommenden August als Held und unanfechtbare moralische Instanz das Straflager verlassen würde. «Ich gebe Chodorkowski keine Schuld. Aber das ist eine Kapitulation. Mit einer Entscheidung, nach Berlin zu fliegen, hat er seine Autorität, die er zehn Jahre lang aufgebaut hat, zerstört. Das ist eine Flucht», meint der prominente Oppositionspolitiker und Skandalautor Eduard Limonow.

Nach seiner Ankunft in Berlin hatte Chodorkowski erklärt, dass er kein Geld habe, um als Sponsor die Opposition zu unterstützen. Die Finanzen reichten zum Leben, mehr nicht. Das Wichtigste sei jetzt erst einmal seine wiedergewonnene Freiheit - nach zehn Jahren mit der Familie vereint. Verstehen könne das nur, wer dasselbe durchgemacht habe. Der einst reichste Russe und Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos ließ durchblicken, dass eigentlich niemand gegen das Geld und die PR-Maschinerie des Kreml ankommen könne.

Dabei schätzen viele Andersdenkende in Russland Chodorkowskis politische Schriften zur Zukunft des Landes ohne korrupte Machtstrukturen und mit freien Wahlen als wegweisend. Der Kremlgegner und frühere Vizeregierungschef Boris Nemzow hofft, dass Chodorkowski das Internet nutzt, um weiter zumindest mit Worten Akzente zu setzen.

In russischen Kommentaren waren sich viele Experten einig, dass Chodorkowski seine Freiheit von Putin praktisch erkauft habe mit dem Versprechen, Russland zu verlassen, nicht um sein altes Vermögen zu kämpfen und die Finger von politischen Machtspielen zu lassen. Das sei ein Angebot gewesen, dass Putin nicht habe verstreichen lassen können, meint etwa der frühere Finanzminister Alexej Kudrin, dessen Wort im Kreml und bei Regierungsgegnern Gewicht hat.

«Die Machthaber haben hier sehr rechtzeitig und sehr erfolgreich etwas Gutes bekommen», sagt Kudrin. Zugleich hält Kudrin, der ein Komitee für Bürgerinitiativen leitet, eine Zusammenarbeit mit Chodorkowski für möglich. Im Moment sei nur schwer vorstellbar, wie genau diese Rolle in Russland aussehen könne.

Die markantesten Köpfe der zersplitterten Opposition sind nun aber nicht nur die Frauen von Pussy Riot. Auch der charismatische Moskauer Oppositionsführer Alexej Nawalny hat Putin den Kampf angesagt - und will ihn 2018 bei der Wahl bezwingen. Doch gilt auch Nawalny für Putin nicht als Gefahr. Nach einer auf Bewährung ausgesetzten Verurteilung zu fünf Jahren Straflager wegen Veruntreuung darf der Kremlgegner an keiner Wahl teilnehmen.

Justiz / Menschenrechte / KORR-Ausland / Russland
23.12.2013 · 21:00 Uhr
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