Analyse: Harmonischer D-Day nach Protokollgerangel

06. Juni 2009, 21:55 Uhr · Quelle: dpa
Paris (dpa) - Barack Obama und Nicolas Sarkozy standen in dunklen Anzügen nebeneinander. Die beiden «First Ladies» schritten ihnen ganz in Weiß auf dem roten Teppich entgegen. Michelle Obama und Carla Sarkozy trugen knielange Kleider, die Taille betonende Gürtel und Stöckelschuhe.

Und zur Begrüßung in der Präfektur gab es synchrone Wangenküsschen. Alles war bis ins Kleinste harmonisch abgestimmt beim amerikanisch-französischen «Paarlauf» in der Normandie. Für Prinz Charles, Gordon Brown und die anderen blieben da nur Nebenrollen.

Zur Gedenkveranstaltung auf dem US-Heldenfriedhof in Colleville schien dann auch noch die Sonne. Und an allen Gräbern der US-Soldaten flatterten französische Fähnchen im Wind. Obama und Sarkozy konnten zufrieden sein. Denn bis zuletzt drohte ein groteskes Protokollgerangel, dem Gedenken an die Amerikaner, die für die Befreiung Frankreichs vom Nazi-Joch ihr Leben ließen, die Würde zu nehmen. Noch am Donnerstag war das Programm nicht geregelt gewesen. Selbst die Liste der Teilnehmer wurde erst kurz vor Schluss komplett. Als wäre der Termin völlig überraschend gekommen.

Sarkozy hatte für den Vorabend der Europawahl eine Feier nur mit Obama geplant. Beide Präsidenten auf historischem Grund vereint: «Das Symbol war zu schön, um es zu teilen», lästert das Nachrichtenmagazin «L'Express». Doch Sarkozy hatte die Rechnung ohne Gordon Brown gemacht. Der politisch schwer angeschlagene britische Premierminister drängte mit aller Macht mit auf das Foto. Sarkozy hatte ihm das schon im März im Überschwang einmal zugesagt, ohne die Organisatoren zu informieren. Nach dem «OK» für Brown wollten dann aber plötzlich auch noch die Kanadier und sogar die Tschechen und Polen mit ins Bild.

Und die Queen war «shocked». Ausgerechnet das Staatsoberhaupt der Briten und der Kanadier, die am D-Day ebenfalls ihr Blut gelassen hatten, hatte Sarkozy vergessen. Dabei hatte Elizabeth II. die Großen von damals - von Winston Churchill bis Charles de Gaulle - persönlich gekannt und war sogar beim D-Day im Kriegsdienst gewesen: als Lkw- Fahrschülerin.

Auch Obama hatte ursprünglich - wie jeder US-Präsident in seinem ersten Amtsjahr - nur eine amerikanisch-französische Zeremonie auf dem US-Friedhof gewollt. Doch am Ende machte er gute Miene zum burlesken Spiel. Als Gastgeber - der Friedhof ist US-Boden - akzeptierte er, dass Sarkozy weitere Gäste einlud. So konnte Brown den Kronprinzen Charles mitbringen und damit die Ehre der englischen Krone retten. Und der Kanadier durfte auch dabei sein.

Am Ende lief alles perfekt. Nur Brown stand etwas verkrampft zwischen den anderen. Sichtlich angespannt sang der Premier die britische Nationalhymne mit etwas zusammengekniffenen Zähnen - ein scharfer Kontrast zu Obama, der entspannt zu den Tönen der US-Hymne «Star-Spangled Banner» die Hand aufs Herz legte. Carla Sarkozy hatte sich für den Friedhof etwas Schwarzes übergezogen und schaute ernst. Michelle Obama blieb beim Weiß und wirkte gewohnt locker. Neben Michelle hatte Obama zwei Männer mit in die Normandie gebracht, die für das stehen, was Amerika vielleicht am besten kann: Kino. Der Regisseur Steven Spielberg und der Schauspieler Tom Hanks hatten den hochgelobten Kriegsfilm «Der Soldat James Ryan» gedreht, der vor dem Hintergrund des D-Day am 6. Juni 1944 spielt. Und Obama erwähnte die «zahllosen Filme», die diesen Tag verewigten.

Die Landung in der Normandie ist für Obama auch ein Stück Familiengeschichte, wie die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, in der sein Großonkel Charles Payne eine Nebenrolle spielte. Und es betrifft einen Verwandten, der für Obama besonders wichtig war: seinen Großvater Stanlay Dunham, der ihm auf Hawaii lange den Vater ersetzt hatte. Die Erinnerung ist «für mich Stanley Dunham, der auf diesem Strand sechs Wochen nach dem D-Day ankam und mit (General George) Pattons Army durch Europa marschierte», sagte Obama. Und der Krieg damals sei kein Kampf konkurrierender Interessen gewesen, sondern ein Krieg gegen den «Nazi-Totalitarismus», eine andere Weltsicht, eine böse Ideologie des Hasses auf Andersartige.

Als guter Gast hatte Obama für Sarkozy ein kleines Präsent in die Normandie mitgebracht: betont freundliche Worte vor der versammelten US-Presse. Sarkozy hatte viel Häme einstecken müssen, weil der Amerikaner es beharrlich abgelehnt hatte, auch zu ihm in den Élyséepalast zu kommen. Dabei hatte Sarkozy doch schon 2008 geprahlt: «Obama? Das ist mein Kumpel!» Jetzt sagte Obama zu Sarkozy: «Gute Freundschaften entstehen nicht um Symbole und Formalitäten herum.» Man könne sich doch jederzeit mit dem Handy anrufen. «Ich habe dasselbe gestern meinen deutschen Freunden gesagt.» Und Sarkozy fragte mit gespielter Verwunderung: «Glauben sie denn, wir hätten nichts Besseres zu tun als schöne Fotos auf Hochglanzpapier?»

International / Geschichte / Frankreich / USA
06.06.2009 · 21:55 Uhr
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