Analyse: Die USA und Haiti

19. Januar 2010, 23:38 Uhr · Quelle: dpa
Miami (dpa) - Die massive US-Mobilisierung für die Haiti-Hilfe ist die jüngste Episode einer langen, komplizierten Liaison der Supermacht und der Karibik-Nation.

Sowohl Militär-Interventionen zur Herstellung von Recht und Ordnung wie Unterstützung für Diktatoren in den Zeiten des Kalten Krieges prägten sie. Seitdem Haiti 1804 dem US-Vorbild folgte und sich als zweite Kolonie vom europäischen Kolonial-Joch befreite hat Washington den Karibik-Staat als Teil seiner Einflusssphäre betrachtet. Dennoch dauerte es 58 Jahre, bis es Haitis Regierung nach dessen Unabhängigkeit von Frankreich anerkannte.

Auch heute noch haben die USA Einfluss im haitianischen Alltag, ob sie jährlich millionenschwere Dollarhilfe ins bitterarme Land pumpen, Druck auf internationale Entwicklungsbanken machen, auf Katastrophen reagieren oder in Zeiten schwerer politischer Krisen Truppen entsenden. Die 10 000 US-Soldaten, die schon in Haiti oder noch vor der Küste sind und für die Überlebenden des schweren Erdbebens mit bis zu 200 000 Toten und Zehntausenden Verletzten humanitäre Hilfe leisten bringen sollen, sind in Haiti vertraute Gesichter.

Zuletzt kamen die US-Marines 2004 ins Land, als der damalige Präsident Jean-Bertrand Aristide inmitten gewaltsamer Unruhen und Korruptionsvorwürfe gegen seine Regierung aus dem Amt gedrängt wurde. Die Amerikaner kamen gemeinsam mit UN-Friedenstruppen, um die Lage zu beruhigen und beim politischen Übergang zu helfen. Zurück reicht die US-Präsenz in Haiti in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Obwohl die USA den Staat zunächst diplomatisch nicht anerkannten - sie fürchten damals ein Übergreifen der Sklavenrevolte, die die französische Kolonialherrschaft beendete - patrouillierten US-Kriegsschiffe in der Karibik zum Schutz des freien Handels.

Inmitten des amerikanischen Bürgerkriegs, der den Sklavenhandel auch dort beendete, erkannte Washington 1862 die haitianische Regierung an und markierte damit den echten Beginn einer US-Rolle im haitianischen Alltag, der bis heute andauert. Dieses US-Engagement geschah mitunter aus Selbstinteresse Washingtons. Doch bei anderen Gelegenheiten war es durch Haitis politisches und wirtschaftliches Chaos bedingt. Haiti wurde von der Unabhängigkeit bis zum Jahr 1915 von mehr als 70 Diktatoren regiert - in der Regel überaus brutal. Diese Ära endete, als Präsident Guillaume Sam in den Straßen von Port-au-Prince von einem wütenden Mob ermordet wurde.

Mit der Eröffnung des Panama-Kanals 1914 wurde die Region für die USA noch wichtiger. Als Haiti im Chaos versank, ordnete US-Präsident Woodrow Wilson 1915 die Besetzung des Landes an, die bis 1934 andauerte. Als die USA abzogen, befand sich Haiti in besserer Verfassung als je zuvor - trotz einer großen Abneigung gegen die US- Soldaten in weiten Teilen der Bevölkerung. In den Folgejahren blieb es überwiegend ruhig, doch Korruption und Inkompetenz blühten auf.

1957 begann dann der Aufstieg von Francois Duvalier, der wie ein Diktator regierte. Er erklärte sich selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit und wurde nach seinem Tod 1971 politisch von seinem Sohn Jean-Claude Duvalier beerbt. Die USA unterstützen beide Diktatoren aus Furcht, dass Haiti im Kalten Krieg ohne US-Hilfe unter den Einfluss der Sowjetunion oder des nahe gelegenen kommunistischen Kubas von Fidel Castro geraten würde. Als Jean-Claude Duvalier 1986 von der Macht vertrieben wurde, schrieb sich das Land eine Verfassung und plante Wahlen. Die positive Entwicklung beendet das Chaos aber nicht. Die Wahlen wurden angesichts von Krawallen abgesagt. Erst 1990 ging Jean-Bertrand Aristide aus Haitis ersten freien Wahlen hervor.

Aristide brachte Reformen auf den Weg, die beim Militär unpopulär waren, und wurde innerhalb eines Jahres aus dem Amt gedrängt. Als sich die politische Krise verschärfte, flohen Tausende Haitianer auf Flößen - in der Regel in Richtung USA. Aus Furcht vor einem Massen- Exodus befahl der damalige US-Präsident George Bush eine Blockade - eine Politik, die von seinem Nachfolger Bill Clinton noch bekräftigt wurde. Doch 1994 war die Flüchtlingskrise so schlimm geworden, dass Clinton handeln musste. Er drohte dem Militärregime mit einer groß angelegten US-Invasion. Die Militär-Junta gab auf, Aristide kehrte zurück, US-Truppen kamen ins Land und stellten Ruhe und Ordnung her.

Er gewann 2000 erneut die Wahlen, doch führte weit verbreitete Korruption zu einem gewalttätigen Aufstand, die weiteres Chaos nach sich zu ziehen drohte. 2004 drängte ihn daher die Regierung von George W. Bush zum Verlassen des Landes. Im gleichen Jahr starben später Tausende Haitianer in tropischen Sturmfluten sowie einer Serie von Naturkatastrophen, die im verheerenden Erdbeben der Stärke 7,0 vom vergangenen Dienstag ihren bisherigen Höhepunkt fanden.

Dies ist ein großer Rückschlag für ein Land, das letztlich auf dem Weg in eine bessere Zukunft zu sein schien. Mit UN-Hilfe hatte Haiti 2006 Wahlen abgehalten, die den aktuellen Präsidenten René Préval an die Macht brachten. Er leitete Reformen ein, die die internationale Gemeinschaft lange angemahnt hatte. Auf Drängen der USA hat der Internationale Währungsfonds (IMF) vergangenes Jahr 1,2 Milliarden Dollar Schuldenerleichterung gewährt. Eine internationale Geberkonferenz stellte der Regierung mehr als 300 Millionen Dollar als Hilfe zur Beseitigung der verheerenden Sturmschäden aus dem Jahr 2008 und zur Überwindung der weltweiten Finanzkrise in Aussicht.

Nun kommen die Vereinten Nationen, die USA und Dutzende anderer Staaten Haiti mit einer massiven Finanzspritze in Höhe von Hunderten Millionen Dollar zu Hilfe. Doch wenn die Erdbebenschäden erst einmal beseitigt sind, werden die USA wieder in die schwierige Lage kommen, eine dauerhafte Stabilität zu sichern. «Je mehr Kritik wir hören, desto bestimmter werden wir versuchen, das Los der haitianischen Bevölkerung zu verbessern», betonte bereits Denis McDonough, einer der Sonderberater von US-Präsident Barack Obama.

Erdbeben / Haiti / USA
19.01.2010 · 23:38 Uhr
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