15 Jahre Dolmetscherdienst für Herzkinder
Der Verein „Kleine Herzen Hannover“ initiierte Übersetzungsprojekt in der Kinderkardiologie der MHH
Wennigsen-Degersen, 13.04.2026 (lifePR) - 20 Jahre Kleine Herzen Hannover, 15 Jahre Dolmetscherprojekt mit dem Ethno Medizinischen Zentrum e.V. (EMZ). 2025 wurden insgesamt 57 Dolmetscher für 148 Einsätze tätig; gedolmetscht wurde in 18 Sprachen. Insgesamt wurden bisher etwa 40.000 Euro aus Spendenmitteln für das Projekt eingesetzt.
Zwei Vereine starten ein gemeinsames Projekt
Es ist exakt 15 Jahre her, 2011, als das Dolmetscher-Projekt an der Kinderklinik der MHH ins Leben gerufen wurde. Ira Thorsting vom Verein „Kleine Herzen Hannover“ hat damals das Problem erkannt und für Abhilfe gesorgt. Sie sammelte Spendengelder, um die Finanzierung der Dolmetscher-Einsätze sicherzustellen. Und sie nahm Kontakt zum EMZ auf. Sie hatte schon für das Zentrum als freie Journalistin gearbeitet und kannte den Geschäftsführer Ramazan Salman. Beide starteten das Dolmetscher Projekt für die MHH, das EMZ übernahm die Organisation, die „Kleinen Herzen“ die Finanzierung.
„Gerade wenn es um die Gesundheit geht, um Diagnosen, Therapien, Medikamente und Heilungsprognosen, ist es enorm wichtig sich richtig zu verstehen“, so die Vereinsvorsitzende. Und Dr. Michael Sasse, leitender Oberarzt der Pädiatrischen Kardiologie und Intensivmedizin ergänzt: „Der muttersprachliche Austausch ist für uns die einzige Möglichkeit, auf die Familien zuzugehen, den gemeinsamen Weg aufzuzeigen und die Ängste zu nehmen. Die Arbeit der Dolmetscherinnen und Dolmetscher verbessert die Zusammenarbeit zwischen dem Stationsteam, den Kindern und deren Eltern deutlich.“ Das Dolmetscher-Projekt der „Kleinen Herzen“ wirkte als Vorbild für andere Stationen der MHH und weiterer Kliniken bundesweit. “Nach dem Zuzug der vielen Flüchtlinge haben wir unser Angebot noch mal erweitert und haben jetzt bis zu 300 Dolmetscher für 50 Sprachen in Hannover und anderen Teilen von Niedersachsen“, sagt Ramazan Salman.
Ursprung in den 60er Jahren
Ramazan Salman kam mit sechs Jahren Ende der 60er Jahre aus der Türkei nach Deutschland. Sein Vater war in der Türkei Busfahrer, wurde von den deutschen Verkehrsbetrieben angeworben und fuhr in Hannover Straßenbahn. Wie es oft bei kleinen Kindern ist, lernte Ramazan schnell die deutsche Sprache. Das führte dazu, dass er von seinen Eltern, Verwandten und Freunden bei Behördengängen, beim Arzt oder im Krankenhaus als Übersetzer mitgenommen wurde. „Damals habe ich zum ersten Mal erkannt, dass man mit Sprache helfen kann. Aber es war auch für mich als Kind eine Belastung, drei bis viermal die Woche mit Leuten mitzugehen und zu übersetzen. Nur: In unserer Kultur kannst du nicht nein sagen. Und so habe ich helfen gelernt.“ Salman ging später auf das Gymnasium Tellkampfschule in Hannover und studierte Sozialwissenschaften. Anschließend gründete er vor fast 30 Jahren mit Kommilitonen das EMZ, um die gesundheitliche Versorgung von Migranten zu verbessern. Es war damals der erste Dolmetscherdienst dieser Art in Deutschland. „Deutschland war damals was das Bewusstsein für Integrationsprozesse angeht noch Entwicklungsland. Man hatte nach etwa 30 Jahren festgestellt, dass die sogenannten Gastarbeiter ja doch geblieben waren und heute Familien hatten. Damals erfand man den Begriff Integration“, erklärt Ramazan Salman.
Inzwischen gibt es über 20 Standorte bundesweit, unter anderem Büros in München, Hamburg, Berlin und Mannheim. Die Projekte des EMZ finden europaweit Beachtung; im Oktober 2015 bekam das Zentrum den renommierten European Health Award. Auch das Dolmetscher-Projekt der „Kleinen Herzen Hannover“ wurde schon ausgezeichnet: „Gleich nach der Gründung bekam unser Projekt den Integrationspreis des „Deutsch-Türkischen Netzwerkes“, 2016 bekamen wir unter anderem für das Dolmetscher-Projekt den Sonderpreis „Bildung und Soziales“ des Innovationspreises des Landkreises Göttingen und 2022 waren die „Kleinen Herzen“ Platz 1 der Charity-Aktion 2022/23 "Holtzmann & Friends. Gemeinsam stark!" Immerhin wurden damals 82 gemeinnützige Projekte eingereicht“, freut sich Ira Thorsting.
Und auch aus dem kollegialen Umfeld gibt es Anerkennung, so schrieb Sebastian Kahnt, Geschäftsführer des Bundesverbands Herzkranke Kinder e.V. (BVHK): “Es freut mich sehr zu hören, wie erfolgreich und wertvoll das Dolmetscher-Projekt von „Kleine Herzen Hannover“ ist und wie es inzwischen auch überregional als Vorbild wahrgenommen wird. Dass andere Vereine, sogar aus Süddeutschland, sich bereits nach euren Erfahrungen erkundigen und du Kontakte weiter vermittelst, zeigt, wie groß der Bedarf und das Interesse an dieser Idee ist.
Umfangreiche Schulungen sind nötig
Das EMZ tut viel, damit ihre Dolmetscher gut geschult werden. Denn sie müssen nicht nur die jeweilige Sprache gut beherrschen, sondern sich auch mit den oft komplizierten Krankheitsbildern und der Kultur der Patienten auskennen: “Wir üben sogar, wie man sich als Dolmetscher ans Bett stellt oder wie man in bestimmten Kulturen Begrüßungsformeln macht. Dabei ist Neutralität oberstes Gebot. Sie dürfen nichts verschweigen, aber auch nichts hinzufügen. Und wir bringen ihnen bei, dass Ordnung, Qualität und Pünktlichkeit deutsche Tugenden sind, die es ihnen erleichtern, gut mit den Ärzten und dem Pflegepersonal zusammenzuarbeiten“, sagt Ramazan Salman. In den Schulungen bekommen die Dolmetscher verschiedene Dolmetsch- und Recherche-Techniken vermittelt, Fachbegriffe werden immer wieder aufgefrischt und die rechtlichen Grundlagen unterrichtet. Und es gibt regelmäßige Supervision, denn die Dolmetscher führen schwierige Gespräche, oft geht es um Leben und Tod. Mit solchen belastenden Situationen muss man umgehen lernen; dann ist Abgrenzung wichtig.
Das Dolmetscher-Projekt in Zahlen
Der Bedarf an Übersetzungen steigt ständig. Die häufigsten Übersetzungen finden derzeit in arabischer Sprache statt. Für das Projekt "Kleine Herzen" waren im Jahr 2025 insgesamt 57 Dolmetscher für 148 Einsätze tätig. Dabei wurde in insgesamt 18 Sprachen gedolmetscht. Die im Jahr 2025 abgedeckten Sprachen waren: Arabisch, Bulgarisch, Dari, Farsi, Französisch, Italienisch, Kurdisch-Kurmanji, Kurdisch-Sorani, Mazedonisch, Paschtu, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Serbisch, Spanisch, Türkisch und Ukrainisch. „Bisher haben wir etwa 40.000 Euro für unser Dolmetscher-Projekt aus Spendenmitteln eingesetzt. Wir halten vorsichtshalber jährlich immer 10.000 Euro in unserer Budgetplanung dafür vor, falls wir wieder einmal dafür etwas zahlen sollten“, erläutert Thorsting.
Was soll die Zukunft bringen?
Ramazan Salman ist begeistert, dass „Kleine Herzen Hannover“ dieses Projekt unterstützt und wünscht sich, dass die Spendenbereitschaft weiter groß bleibt: “Das ist ein besonderer Verein. Die leisten eine Arbeit, die ihresgleichen bundesweit sucht. Ich habe davor großen Respekt.“ Für die Zukunft wünscht er sich noch engere Zusammenarbeit mit dem Verein um die Arbeit weiter zu verbessern. Zum Beispiel, was ist wenn das Kind nach der OP in die Reha muss? „Das Thema Dolmetscher in der Reha finde ich genauso wichtig, wie in der Klinik. “Und von der Gesellschaft und der Politik wünscht Salman sich, dass das Bewusstsein für dieses Thema zunimmt: “Wenn in Deutschland in einigen Jahren nicht mehr Vereine alleine das Thema stemmen müssen und der Staat es als seine Aufgabe betrachtet, dann ist unsere Mission erfüllt.“

