US-Ermittler heben russisches Agentennetz aus

29. Juni 2010, 22:40 Uhr · Quelle: dpa
Washington/Moskau (dpa) - Es klingt wie ein Spionagethriller mitten aus dem Kalten Krieg: Getarnt als Durchschnittsbürger, aber ausgestattet mit Geld aus Moskau, Geheimverstecken und ausgefeilten Verschlüsselungs-Methoden soll ein Agentennetz in den USA jahrelang für Russland spioniert haben.

US-Ermittler, die sich selbst als russische Regierungsbeamte ausgaben, nahmen nach langwierigen Ermittlungen jetzt zehn Verdächtige in mehreren Städten im Nordosten der USA fest, wie das US-Justizministerium mitteilte. Ein elfter Verdächtiger wurde am Dienstag auf Zypern gefasst.

Russland reagierte verärgert. Regierungschef Wladimir Putin kritisierte das Verhalten der US-Behörden scharf und meinte, die US- Bundespolizei FBI habe sich «gehen lassen». Bei einem Treffen mit dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton nahe Moskau klagte er: «Die stecken einfach Leute ins Gefängnis.» Putin schloss einen Rückschlag im zuletzt positiven bilateralen Verhältnis nicht aus.

Das US-Außenministerium sagte seinerseits, die USA wollten weiterhin in Fragen beiderseitigen Interesses eng mit Russland zusammenarbeiten. «Wir würden gern einen Punkt erreichen, an dem es so viel Vertrauen und Zusammenarbeit zwischen den USA und Russland gibt, dass keiner daran denken würde, zu geheimdienstlichen Mitteln zu greifen, um Dinge herauszufinden, die er nicht über andere Kanäle erfahren könnte», sagte Außenamtssprecher Philip Gordon. «Wir sind offensichtlich noch nicht an diesem Punkt angelangt.»

Gegen die mutmaßlichen Spione wurde am Montag Anklage wegen des Verdachts der Agententätigkeit erhoben, neun von ihnen wird außerdem Geldwäsche vorgeworfen. Ihnen drohen in den USA Haftstrafen von insgesamt bis zu 25 Jahren. Die US-Bundespolizei FBI hatte sieben Jahre gegen den mutmaßlichen Schlapphut-Ring ermittelt.

Die Männer und Frauen, von denen manche als Ehepartner mit Kindern zusammenlebten, sollen teils seit den 1990er Jahren Informanten in politischen Kreisen rekrutiert und Daten für Russland gesammelt haben - über Atomwaffen, die amerikanische Iran-Politik, die CIA-Führung, wie die «New York Times» am Dienstag berichtet. Ihnen sei es gelungen, Kontakte zu einem früheren hohen US-Beamten für Nationale Sicherheit und einem Atomwaffen-Forscher zu knüpfen. Ob die Agenten aber an Staatsgeheimnisse oder Verschlusssachen kamen, ist offen.

Das russische Außenministerium erklärte, der von der US-Justiz erhobene Vorwurf sei unbegründet «und verfolgt keine guten Ziele». Außenamtssprecher Andrej Nesterenko sagte nach Angaben der Agentur Interfax, das Szenario ähnel» Spionage-Skandalen aus dem Kalten Krieg». «Es ist bedauerlich, dass all dies vor dem Hintergrund des Neuanfangs mit Russland geschieht, der von der US-Regierung verkündet wurde.» Außenminister Sergej Lawrow forderte von den USA Erklärungen. «Man hat uns nicht gesagt, worum es eigentlich geht. Ich hoffe, man erklärt uns das. Der Augenblick, in dem das gemacht wurde, ist ja raffiniert gewählt.»

Erst am Donnerstag waren Obama und Medwedew im Weißen Haus zusammengetroffen. Dabei vereinbarten sie eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie eine stärkere Kooperation bei den Geheimdiensten und im Kampf gegen den Terror. Obama hatte den Kremlchef dabei als «Freund und Partner» bezeichnet. Laut «New York Times» ist Präsident Obama «nicht glücklich» über den Zeitpunkt der Festnahmen. Die Ermittler seien aber besorgt gewesen, dass einige der Verdächtigen hätten fliehen können.

Der frühere Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB nannte die Spionage-Vorwürfe aus den USA eines politische «Lachnummer». Die Geschichte rufe bei jedem professionellen Geheimdienstler nur Gelächter hervor, sagte Ex-FSB-Chef Nikolai Kowaljow am Dienstag nach Angaben der Agentur Interfax.

Detailreich schildern die US-Ermittler die Arbeitsweisen der mutmaßlichen Spione, die angeblich auch die Identität von Toten annahmen: Im Vorbeigehen sollen dabei identische Taschen mit russischen Verbindungsleuten ausgetauscht worden sein. Botschaften für die Zentrale in Moskau wurden verschlüsselt auf Webseiten versteckt, die dem ungeschulten Auge nicht auffielen. Zur Übertragung von Informationen hätten Agenten Kurzwellentechnik verwendet und drahtlose Internet-Netzwerke an öffentlichen Plätzen aufgebaut, um Daten von einem Laptop zum nächsten zu senden.

Den Ermittlungen zufolge war das Agentennetz in den USA Teil eines Programms des russischen Geheimdienstes, in einer Reihe von Ländern Spione zu installieren. Mit Hilfe gefälschter Dokumente sollen die Agenten dabei «die Identität eines Bürgers oder legalen Bewohners des Landes annehmen, in das sie geschickt werden». Eine Weisung aus Moskau lautete: «Sie wurden auf eine langfristige Dienstreise in die USA geschickt. Ausbildung, Bankkonten, Auto, Haus - alles dient nur einem Zweck: Der Erfüllung der Hauptmission, d.h. Verbindungen zu politischen Kreisen knüpfen und Geheimdienstinformationen an C (die Zentrale) schicken.»

Die FBI-Ermittler griffen derweil selber in die Agenten-Trickkiste und gaben sich bei ihren jahrelangen Ermittlungen auch als russische Regierungsbeamte aus und trafen sich mit den Verdächtigen. Am Sonntag schlugen die Fahnder dann in den Staaten New Jersey, New York, Massachusetts und Virginia zu. Fünf der Festgenommenen wurden am Montag einem New Yorker Haftrichter vorgeführt.

Mitteilung des Justizministerium

Spionage / Justiz / USA / Russland
29.06.2010 · 22:40 Uhr
[8 Kommentare]
Höhlenunglück in Laos
Vientiane (dpa) - Die Freude in Laos kennt keine Grenzen: Die vier verbliebenen Goldsucher, die seit rund zehn Tagen in einer überfluteten Höhle eingeschlossen waren, sind frei. Sie hätten es am Nachmittag (Ortszeit) aus eigener Kraft geschafft, den Ausgang zu erreichen, sagte der an der Rettungsmission beteiligte australische Höhlentaucher Josh […] (03)
vor 25 Minuten
Fast 1 Kilometer lang! Taiwan eröffnet die längste einpylonige Brücke der Welt
914 Meter Brücke und nur eine einzige Stütze: Die Danjiang-Brücke in Taiwan bricht einen Weltrekord. Was bislang als unmöglich galt, ist damit Realität geworden – »schuld« daran trägt das Architektenbüro Zaha Hadid Architects (ZHA). Die Planer haben sich von den Zweifeln nicht behindern lassen und konnten ihr Bauwerk sogar erdbebensicher konstruieren. […] (00)
vor 2 Stunden
Glasfaserausbau
Essen (dpa) - Es ist fast schon ein Paradox: Der Glasfaser-Ausbau kommt so gut voran, wie noch nie in Deutschland, die Kabel für das schnelle und stabile Internet sollen am Jahresende bei 32 Millionen Haushalten und Betrieben liegen, wie aus einer Studie des Branchenverbandes VATM hervorgeht. Binnen eines Jahres wäre das ein Plus von 5,4 Millionen, eine Rekordzahl. Knallen also die Sektkorken in […] (01)
vor 7 Stunden
Vier Jahre Solo-Entwicklung: Arms of God startet am 8. Juni in den Early Access
Dark Jay Studio  katapultiert sein Soloprojekt Arms of God am 8. Juni um 16: 00 Uhr auf Steam – und die Ausgangslage spricht für sich: Dominik Sójka, ein polnischer Solo-Entwickler mit Stationen bei Titeln wie The Beast Inside und Spectre Divide, hat fast vier Jahre an einem Bullet Heaven Autoshooter gearbeitet, der mit Doom-inspirierter Optik, 65 […] (00)
vor 52 Minuten
Das Mark-Ruffalo-Paradox: ARD setzt erneut auf «Vergiftete Wahrheit»
Das Justizdrama mit Mark Ruffalo kehrt ins KinoFestival im Ersten zurück, könnte wegen der Fußball-WM aber kurzfristig aus dem Programm verschwinden. Das Erste zeigt am 5. Juli um 23.50 Uhr erneut den US-Film Vergiftete Wahrheit («Dark Waters») im Rahmen des KinoFestival im Ersten. Das Justizdrama von Regisseur Todd Haynes basiert auf dem realen Fall des Anwalts Robert Bilott, der gegen den […] (00)
vor 1 Stunde
WM-Vorbereitung der Fußball-Nationalmannschaft
Herzogenaurach (dpa) - Bundestrainer Julian Nagelsmann hat vor dem letzten Testspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor der Abreise in die USA keine neuen Ausfälle zu beklagen. Beim Abschlusstraining am Tag vor dem Länderspiel gegen Finnland waren alle 25 Akteure dabei. Der für die Weltmeisterschaft in den Nationalmannschaftskreis […] (00)
vor 1 Stunde
Dow Jones knackt Rekord – Was hinter der Iran-Hoffnung an der Wall Street steckt
Dow Jones durchbricht Rekordmarke – Was Anleger bewegt Die US-Börsen haben am Freitag mit positiven Signalen geschlossen, angeführt vom Dow Jones, der im Handelsverlauf ein neues Rekordhoch markierte. Diese Entwicklung kommt nicht überraschend, nachdem eine wichtige Zeremonie in Washington die Aufmerksamkeit der Finanzwelt auf sich zog. Die […] (00)
vor 52 Minuten
Wenn Minuten über Millionen entscheiden
Hamburg, 30.05.2026 (PresseBox) - Wer zukünftig tausende Fahrzeuge gleichzeitig instand setzen will, braucht mehr als Werkstätten. Er braucht ein System. 470.000 beschädigte Fahrzeuge, rund zwei Milliarden Euro Schaden – allein 2023 in Deutschland. Was für Versicherer, Werkstätten sowie Flotten- und Leasinggesellschaften früher ein kalkulierbares Risiko war, wird zunehmend zur Herausforderung: […] (00)
vor 4 Stunden
 
Karin Prien am 26.05.2026
Berlin - Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) verlangt von den Maßnahmen, die […] (01)
Kinder (Archiv)
Berlin - Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) will Eltern bei der Begrenzung […] (03)
Meron Mendel (Archiv)
Frankfurt am Main - Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt […] (00)
Gefängnis (Archiv)
Berlin - Angesichts der schweren Vorwürfe gegen Bedienstete der Justizvollzugsanstalt […] (00)
Modern Warfare 4 kommt für Switch 2 und wählt explosives Szenario
Call of Duty kehrt mit einem großen Namen zurück. Modern Warfare 4 ist offiziell […] (00)
French Open
Paris (dpa) - Der deutsche Tennisstar Alexander Zverev ist jetzt der große […] (00)
Boy George
(BANG) - Boy George würde gerne den nächsten britischen Beitrag für den Eurovision […] (01)
Sigourney Weaver
(BANG) - Sigourney Weaver hat verraten, dass das Steuern eines X-Wing-Jägers in 'The […] (00)
 
 
Suchbegriff