Zuwanderung: Weniger Flüchtlinge, mehr Arbeitsmigranten

08. Januar 2020, 18:27 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Weniger Flüchtlinge, mehr Studenten und Arbeitnehmer: Die Migration nach Deutschland ändert sich.

«Die humanitäre Zuwanderung ist in den letzten drei Jahren zurückgegangen, aber es kommen mehr Menschen nach Deutschland, um zu studieren und zu arbeiten», heißt es im Migrationsbericht für das Jahr 2018, den die Bundesregierung veröffentlichte. Gleichzeitig meldete das Innenministerium für das vergangene Jahr erneut eine sinkende Zahl von 142 509 Asylerstanträgen.

Insgesamt zogen 2018 rund 1,59 Millionen Menschen nach Deutschland, ähnlich viele wie im Vorjahr und weniger als 2016. Der Wanderungssaldo, der Zu- und Wegzüge miteinander verrechnet, liegt bei 400.000 Menschen. Zwei Drittel aller Zuzüge entfallen auf europäische Staaten.

An deutschen Hochschulen waren im Wintersemester 2018/2019 knapp 400.000 ausländische Studierende eingeschrieben. Davon sind etwa drei Viertel so genannte «Bildungsausländer». Gemeint sind Studenten, die sich im Ausland oder an Studienkollegs für deutsche Hochschulen qualifiziert haben. Studienkollegs bereiten ausländische Interessenten für ein Studium an deutschen Universitäten vor. Knapp 110.000 Bildungsausländer begannen 2018 ein Studium in Deutschland, bei steigender Tendenz. Die größte Gruppe ausländischer Studienanfänger bildeten erneut Chinesen, gefolgt von Indern und Syrern.

Jeder Vierte (20,8 Millionen) in deutschen Privathaushalten hatte 2018 einen Migrationshintergrund, hat also entweder nicht von Geburt an die deutsche Staatsbürgerschaft oder mindestens ein Elternteil, bei dem dies der Fall ist. Die größte Gruppe sind hier Menschen mit türkischen Wurzeln. Nicht berücksichtigt sind in dieser Zählung Menschen, die in Sammelunterkünften leben, etwa als Asylbewerber.

Die 142.509 Asyl-Erstanträge im vergangenen Jahr entsprechen einem Rückgang von ungefähr 20.000 Anträgen. Das Ministerium selbst ändert die Methodik und spricht von nur noch 111.094 Erstanträgen. Statt wie bisher alle Asyl-Erstanträge zu zählen, klammern die Statistiker nun in Deutschland geborene Kinder Schutzsuchender aus, für die Asyl beantragt wird. Das waren im vergangenen Jahr 31.415 Asyl-Erstanträge.

Bei Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, die nach Deutschland eingereist sind und Asyl beantragt haben, spricht das Ministerium nun von «förmlichen grenzüberschreitenden Asylerstanträgen». Die Hauptherkunftsländer dieser Menschen waren im vergangenen Jahr Syrien (26.435), der Irak (10.894) und die Türkei (10.275). Sowohl nach alter als auch nach neuer Methodik ist die Zahl der Asyl-Erstanträge gesunken.

Es handle sich um eine «Maßnahme der statistischen Bereinigung, die nicht dazu führt, dass das Bild sich insgesamt verändert», führte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums aus. «Das ist im Grunde genommen eine andere Gewichtung, um sichtbar zu machen, wie viel grenzüberschreitende Erstzuwanderung wir tatsächlich in Deutschland haben.»

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zeigte sich befremdet. «Durch diese neue Zählweise lässt sich die Zahl der Asylbewerber für das Jahr 2019 nicht mehr so einfach mit den Zahlen aus früheren Jahren vergleichen», erklärte die Vorsitzende Petra Bendel. «Fraglich ist, was mit der neuen Zählweise gewonnen ist, und ob sich damit ein adäquates Bild der Wirklichkeit zeichnen lässt. Denn perspektivisch wird die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder, die hierzulande Asyl beantragen, weiter anwachsen.» Zahlen für die vergangenen beiden Jahre legen das nahe: 2018 lag der Anteil der hier geborenen Kinder an den Asylerstanträgen bei 19,9 Prozent, 2019 bei 22 Prozent, wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) auf Anfrage mitteilte.

FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg warnte: «Eine Situation wie 2015 darf sich nicht wiederholen.» Die Bundesregierung sei immer noch zu abhängig etwa vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, dessen Land viele Flüchtlinge beherbergt. «Statistische Neubewertungen sollen dieses Versäumnis offenbar kaschieren.»

Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Ulla Jelpke, begrüßte hingegen die «realistische Darstellung». Die bisherige Zählung habe die Zahl der Asylsuchenden «künstlich aufgebläht». «Denn hier geborene Kinder sind natürlich nicht nach Deutschland eingewandert.» Der im Koalitionsvertrag vereinbarte Korridor für die Zuwanderung nach Deutschland von 180.000 bis 220.000 Menschen pro Jahr werde damit noch deutlicher unterschritten. Die Kapazitäten solle die Regierung nutzen, um Migranten aus den «Horrorlagern» auf den griechischen Inseln aufzunehmen. Das Innenministerium erklärte am Abend allerdings am Abend auf Anfrage, für die Berechnung des Korridors sei weiterhin die bisherige Zählung aller Asyl-Erstanträge inklusive kleiner Kinder relevant.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zeigte sich insgesamt zufrieden mit der Entwicklung: «Die Anzahl der Asylbewerber in Deutschland ist das dritte Jahr in Folge zurückgegangen. Das zeigt, dass die zahlreichen Maßnahmen der letzten Jahre gegen ungesteuerte Zuwanderung wirken. Gleichwohl bleibt der Migrationsdruck an den Außengrenzen und nach Deutschland weiterhin hoch», erklärte er.

Migration / Flüchtlinge / Asylanträge / Deutschland
08.01.2020 · 18:27 Uhr
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