Zollstreit drückt Gaspreise – deutsche Industrie könnte kurzfristig profitieren
Seit der Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump am 2. April ist der Gaspreis an der niederländischen TTF-Börse deutlich gefallen. Am Montagvormittag lag der Preis für eine Megawattstunde rund zwölf Prozent unter dem Niveau vom Monatsanfang – bei etwa 35 Euro. Der Rückgang ist eng mit einer gedämpften globalen Konjunkturerwartung verknüpft, vor allem im Industriesektor.
Analysten wie Aura Sabadus vom Analysehaus ICIS sehen im sich zuspitzenden Zollkonflikt die zentrale Ursache. „Zölle führen zu Inflation und bremsen die Nachfrage nach Industrieprodukten“, so Sabadus. Ihr Kollege Walter Boltz von Baker McKenzie ergänzt: „Ein Rückgang industrieller Aktivität drückt automatisch auch den Energiebedarf – und damit die Gaspreise.“
Besonders China dürfte eine Schlüsselrolle spielen. Das Land reagiert mit Gegenzöllen auf die US-Maßnahmen und könnte seine industrielle Produktion entsprechend zurückfahren. Für Europa eröffnet sich dadurch kurzfristig ein Fenster: Mehr frei verfügbares Gas bei sinkenden Preisen – und damit eine gewisse Entlastung für energieintensive Branchen wie die Chemie- und Düngemittelindustrie, die unter den Preisschocks der letzten Jahre besonders gelitten haben.
Sabadus betont: „Europa könnte jetzt wieder wettbewerbsfähiger werden.“ Auch Boltz hält es für plausibel, dass deutsche Unternehmen kurzfristig von der Entspannung am Gasmarkt profitieren – auch wenn sie die Folgen der globalen Zolldynamik selbst treffen werden.
Die sinkenden Preise seien kein kurzfristiger Ausreißer, sondern Ausdruck einer strukturellen Bewegung, so die Einschätzung beider Experten. Ausschlaggebend dafür sei neben den Zöllen die schwächere Frühjahrsnachfrage. Gleichzeitig steige der LNG-Export aus den USA massiv an: Laut Bloomberg NEF sollen sich die Ausfuhren von aktuell 93 auf rund 200 Millionen Tonnen pro Jahr bis 2030 mehr als verdoppeln.
Schon jetzt gehen neue LNG-Projekte in Corpus Christi und Plaquemines ans Netz – Effekte, die unabhängig von Trumps Zollpolitik geplant waren, aber nun zusätzliche Angebotsimpulse setzen.
Ein Gegentrend bleibt dennoch bestehen: Die Energiewende verläuft in Europa langsamer als politisch gewünscht. Gasheizungen bleiben verbreitet, Unternehmen tun sich schwer mit der Elektrifizierung von Prozessen. Laut McKinsey dürfte der Gasverbrauch in Europa bis 2030 nur um rund zehn Prozent sinken – deutlich weniger als ursprünglich erwartet.
Selbst die EU-Kommission denkt laut über eine Rückkehr zu langfristigen Gasverträgen nach, um Versorgungssicherheit und günstige Konditionen zu sichern. Doch am Montag zeigte sich, wie sensibel die Märkte auf politische Signale reagieren: Ein Angebot der EU zu Freihandelsgesprächen ließ den Gaspreis kurzfristig um ein Prozent steigen.

