Zollmoratorium schafft neue Unsicherheiten – Flexport warnt vor Investitionsstau, Frachtrückgang und illegalen Umgehungsstrategien
Die von US-Präsident Donald Trump verkündete 90-tägige Zollpause sorgt weltweit für Nervosität – nicht nur an den Märkten, sondern auch in den Lieferketten. Laut Sanne Manders, President International Revenue der Online-Spedition Flexport, hat sich das Transportaufkommen chinesischer Exporteure in die USA innerhalb von zwei Wochen um rund 40 Prozent reduziert. Die Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Zollstreits führe bereits jetzt dazu, dass viele Unternehmen geplante Investitionen aussetzen.
Während für Konsumgüter ein zehnprozentiger Zoll lediglich zu moderaten Preissteigerungen führe, etwa drei Prozent am Verkaufspreis, bleibt die Situation für industrielle Exporteure angespannt – insbesondere wenn Produktionsstandorte in China betroffen sind. Besonders kritisch sei der Handelsfluss aus Asien über den Pazifik: China steht für rund 15 Prozent des globalen Warenexports in die USA. Sollte sich das Volumen halbieren, wären Reedereien mit einem signifikanten Einbruch der Transportnachfrage konfrontiert.
Parallel verschieben sich Lieferketten. Staaten wie Vietnam, Thailand und Kambodscha verzeichnen bereits steigende Ausfuhren. Doch die neuen Lieferländer können die entstandene Lücke kaum schließen. Flexport rechnet dennoch mit einem kurzfristigen Anstieg der Seefracht, da viele US-Importeure versuchen, ihre Lager vor Ablauf der Zollpause aufzufüllen.
Illegale Umgehungsstrategien verschärfen das Bild: Manders berichtet von verstärkten Versuchen, Waren fälschlich als Ursprungsware aus Drittstaaten zu deklarieren oder den Warenwert künstlich zu senken. Diese Praktiken seien zwar bekannt, lassen sich aber in der Masse nur schwer kontrollieren – ein strukturelles Risiko für die Handelsintegrität.
Auch in der Luftfracht kündigt sich ein Umbruch an. Am 2. Mai endet die US-amerikanische De-Minimis-Regel, die bislang Artikel unter 800 Dollar vom Zoll befreite. Vor allem chinesische Plattformen wie Temu oder Shein hatten dieses Schlupfloch genutzt, um zollfrei per Flugzeug direkt an US-Konsumenten zu liefern. Künftig dürften diese Anbieter Lager in den USA aufbauen müssen – ein logistischer Kraftakt mit globalen Folgen.
Für Europa erwartet Flexport eine Flut chinesischer Billigwaren, da Hersteller Absatzkanäle suchen. Die EU könnte sich gezwungen sehen, ihre eigene De-Minimis-Regelung zu überdenken – zumal E-Commerce-Plattformen wie Amazon bereits jetzt als logistisches Einfallstor dienen.
Immerhin: Die sinkenden Energiepreise wirken kostendämpfend im globalen Warentransport. Laut Manders dürften sich Treibstoffzuschläge in den nächsten Wochen deutlich verringern – eine der wenigen positiven Nachrichten für Verbraucher weltweit.

