Wie Boris Pistorius Rüstungsreform ins Leere läuft
Schon 2023 hatte Pistorius klare Führungsstrukturen versprochen, nachdem er das Verteidigungsministerium als organisatorisches Chaos erlebt hatte. Zwei Reformen später ist die Hierarchie komplizierter denn je: Mehr Posten, weniger militärische Expertise. Selbst Generalinspekteur Carsten Breuer musste Kompetenzen an einen Staatssekretär abgeben. Offiziell soll das alles die Schlagkraft erhöhen – tatsächlich lähmen neue Strukturen die Entscheidungswege.
Besonders deutlich wird das beim zentralen Rüstungsprojekt „Digitalisierung Landbasierter Operationen“ (D-LBO). Es soll die Kommunikation im Gefecht revolutionieren: Soldaten, Fahrzeuge und Kommandostellen sollen digital vernetzt werden. Doch nach einem gescheiterten Feldtest im Mai 2025 zeigt sich: Das System funktioniert nicht. Die Funksoftware ist fehlerhaft, die Bedienung zu komplex, und die Geräte gelten laut interner Berichte als „nicht kriegstauglich“.
Trotz dieser alarmierenden Befunde verkündet das Ministerium nach außen, alles laufe „planmäßig“. Interne Akten, die Welt am Sonntag vorliegen, zeichnen ein anderes Bild: Verzögerungen, Mängel, chaotische Zuständigkeiten – und ein Kommunikationsplan, der darauf abzielt, das Ansehen der Bundeswehr zu schützen, statt Probleme offenzulegen.
Besonders absurd: Um die Lücken zu überbrücken, setzt die Truppe auf VW-Transporter in Tarnfarben, genannt „Widder“, als mobile Technikträger. Ein Provisorium, das selbst das Heer als sicherheitsgefährdend einstuft. Gleichzeitig wird die Umrüstung auf Digitalfunk trotz aller Mängel weitergeführt – um Verträge nicht neu verhandeln zu müssen.
Bis Jahresende sollten 433 Fahrzeuge einsatzbereit sein. Tatsächlich waren Anfang September erst 41 umgebaut – und keines davon einsatzfähig. Auf internen Papieren prangt in roter Schrift: „0 %“. Der neue Plan lautet: Ein „Mischbetrieb“ aus analogem und digitalem Funk, um wenigstens die NATO-Verpflichtungen halbwegs erfüllen zu können.
Während Pistorius betont, „die Einsatzbereitschaft sei Maxime aller Entscheidungen“, wächst in der Truppe der Frust. Der Grünen-Abgeordnete Sebastian Schäfer spricht von „Augen zu und durch“ bei Milliardenprojekten. Und selbst hohe Offiziere werfen Generalinspekteur Breuer Passivität vor.
Die „Zeitenwende“ sollte die Bundeswehr schlagkräftiger machen. Stattdessen produziert sie laut einem Beamten „in Geld gegossenes Scheitern“. Ein Satz, der die Lage auf den Punkt bringt: Milliarden fließen – aber die Bundeswehr bleibt auf Standby.


