Adieu, Eigenheim: Warum Deutschland sein Grün trotzdem nicht aufgibt
Europa verliert seine Häuser und Deutschland schneller als fast jedes andere Land. Trotzdem legen die Deutschen beim Wohnen so viel Wert auf privates Grün wie keine andere Nation. Eine neue Datenanalyse zeigt, wie das zusammenpasst.
In Deutschland galt das Haus mit Garten lange als der Inbegriff des guten Lebens. Doch die Realität hat sich verschoben: Nur noch 38,5 Prozent der Deutschen leben in einem Haus, einer der niedrigsten Werte in ganz Europa. 2010 waren es noch 45 Prozent. Im EU-Vergleich bedeutet das den fünftstärksten Rückgang überhaupt. Nur Malta, Portugal, Norwegen und Luxemburg verlieren ihre Häuser noch schneller.
Das zeigt eine aktuelle Datenanalyse von home24 und dem Berliner Datenstudio DataPulse Research auf Basis von Eurostat- und Destatis-Daten.
Selbst auf dem Land wohnen Deutsche in Wohnungen
Man könnte meinen, der hohe Wohnungsanteil sei ein Großstadt-Phänomen. Doch die Zahlen widerlegen das: Selbst im ländlichen Deutschland leben nur 61 Prozent der Menschen in Häusern. Der EU-Durchschnitt für ländliche Gebiete liegt bei 83 Prozent, ein Unterschied von über 22 Prozentpunkten. Deutschland ist also selbst dort auf Geschossbau ausgelegt, wo in anderen europäischen Ländern Einfamilienhäuser die Norm sind.
Die große Ironie: Niemand will Grün so sehr wie die Deutschen
Ausgerechnet in diesem Land, in dem immer weniger Menschen einen eigenen Garten haben, ist die Sehnsucht danach am größten. 54 Prozent der Deutschen geben an, dass ein Außenbereich bei der Wahl eines neuen Zuhauses oberste Priorität hat. Kein anderes europäisches Land erreicht diesen Wert. Die Schweiz folgt mit 53 Prozent, Italien mit 52 Prozent.
Garten wird zum Einkommens-Privileg
Der sinkende Hausanteil trifft nicht alle gleich. Wer unter 1.500 Euro netto verdient, lebt nur zu 22 Prozent in einem Haus. Erst ab 4.000 Euro netto kippt das Verhältnis, dann wohnt die Mehrheit (56 Prozent) im Eigenheim. Der klassische Garten wird damit zunehmend zum Premium-Gut.
Kleingarten? Kommt drauf an, wo man wohnt
Rund 885.000 Kleingartenparzellen gibt es in Deutschland, doch die Hälfte davon liegt in Ostdeutschland, wo nur 15 Prozent der Bevölkerung leben. In Leipzig kommen auf 10.000 Einwohner 637 Parzellen, in Stuttgart gerade einmal 49. Wer im Westen eine Parzelle sucht, steht oft jahrelang auf der Warteliste. Insgesamt haben nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung Zugang zu einem Kleingarten.
Europaweiter Trend: Die Wohnung überholt das Haus
Übrigens: Der Trend betrifft nicht nur Deutschland. 2010 lag der Vorsprung des Hauses gegenüber der Wohnung in Europa noch bei 8,3 Prozentpunkten, 2024 sind es nur noch 3,5. Bei gleichbleibendem Tempo könnte die Wohnung das Haus als dominierende Wohnform in Europa bereits in den 2030er Jahren ablösen. Während Westeuropa Häuser verliert, erleben Länder wie Polen, die Slowakei und Ungarn gerade eine Suburbanisierung Welle, den Traum vom eigenen Haus, den der Westen zunehmend aufgibt.
Der Balkon als grünes Wohnzimmer
Die Lösung der Deutschen heißt: Balkon. Rund 67 Prozent der Haushalte verfügen über einen Balkon oder eine Terrasse. Auf wenigen Quadratmetern entsteht ein Blumenkasten, Kräuterbeet oder eine kleine Sitzgruppe. Doch auch das hat seinen Preis: In den 14 größten deutschen Städten kostet eine Wohnung mit Balkon bis zu 40 Euro mehr Miete im Monat.





