Weg vom Silicon Valley: Was Yann LeCun in Europa aufbauen will
Der Wissenschaftler, der zur Ikone wurde
LeCun versteht sich bis heute in erster Linie als Forscher. Sein Weg zur Künstlichen Intelligenz begann nicht in der Industrie, sondern in der Theorie: Während seines Ingenieurstudiums beschäftigte er sich intensiv mit Philosophie, Fragen des Lernens und der menschlichen Wahrnehmung.
In den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelte er frühe Formen neuronaler Netze, die später als Convolutional Neural Networks (CNN) bekannt wurden. Diese Modelle revolutionierten die maschinelle Bildverarbeitung – von der Erkennung handgeschriebener Zahlen bis hin zur automatisierten Analyse visueller Daten. CNNs wurden zum industriellen Standard.
Für diese Grundlagenarbeit erhielt LeCun gemeinsam mit zwei Kollegen den Turing Award, den wichtigsten Preis der Informatik. Seither wird er oft als „Godfather of AI“ bezeichnet – auch wenn dieser Status nicht unumstritten ist.
Kontroversen und Kritik
Nicht alle teilen die Heldenverehrung. Forscher wie Gary Marcus oder Jürgen Schmidhuber warfen LeCun vor, frühere Pioniere neuronaler Netze zu wenig zu würdigen. LeCun selbst reagiert gelassen auf solche Einwände. Ideen entstünden selten isoliert, argumentiert er, sondern seien das Ergebnis jahrzehntelanger kollektiver Forschung.
Unbestritten ist jedoch sein Einfluss auf die Praxis moderner KI. LeCun entwickelte Methoden zur gezielten Verkleinerung von Modellen – ein Ansatz, der Effizienz und Skalierbarkeit in den Fokus rückt und bis heute relevant ist.
Die Meta-Jahre: Freiheit für Forschung
2013 wechselte LeCun zu Meta, damals noch Facebook. Dort gründete er das AI Research Lab FAIR und leitete über ein Jahrzehnt zentrale Forschungsarbeiten in den Bereichen Deep Learning, Computer Vision und Sprachmodelle. Anwendungen wie Empfehlungsalgorithmen auf Instagram basieren auf diesen Entwicklungen.
Bemerkenswert war sein Gestaltungsspielraum: LeCun konnte internationale Teams rekrutieren und Paris als wichtigen Forschungsstandort etablieren. FAIR Paris entwickelte sich zu einem der bedeutendsten KI-Zentren Europas – lange bevor Europa als KI-Standort politisch ernsthaft in den Fokus rückte.
Der schärfste Kritiker der Sprachmodelle
Während große Teile der Branche auf immer größere Sprachmodelle setzen, nimmt LeCun bewusst eine Gegenposition ein. Large Language Models seien beeindruckend, aber fundamental begrenzt. Intelligenz entstehe nicht aus Text, sondern aus Interaktion mit der realen Welt.
Menschen, so LeCun, lernten durch Wahrnehmung, Bewegung und Erfahrung – nicht durch das bloße Lesen von Text. Deshalb hält er die Vision einer Superintelligenz auf Basis heutiger Sprachmodelle für illusorisch. Sein oft zitierter Vergleich: Selbst Katzen und Hunde verfügten über ein tieferes Weltverständnis als moderne KI-Systeme.
Weltmodelle statt Wortketten
LeCuns Alternative ist ambitioniert: KI-Systeme sollen ein inneres Modell ihrer Umwelt entwickeln – sogenannte Weltmodelle. Bereits 2022 stellte er eine entsprechende Architektur vor. Ein prominentes Beispiel ist das Modell V-JEPA, das abstrakte Repräsentationen seiner Umgebung erzeugt und nur relevante Informationen speichert.
Dieser Ansatz spart Rechenleistung und orientiert sich stärker an menschlichen Denkprozessen. Laut Meta wurden solche Modelle bereits testweise in Robotik-Anwendungen eingesetzt, unter anderem in Zusammenarbeit mit Boston Dynamics. In der Forschung gilt dieser Ansatz als einer der spannendsten Wege jenseits klassischer Sprachmodelle.
Der Schritt in die Unabhängigkeit
Im November kündigte LeCun überraschend an, ein eigenes Unternehmen zu gründen – bewusst außerhalb des Silicon Valley. Sein Ziel: Forschung an fortgeschrittener Maschinenintelligenz ohne kurzfristige Produktzwänge.
Bei einer Veranstaltung in Paris erklärte er, warum Europa der richtige Ort sei. Nicht nur die Distanz zum amerikanischen Tech-Ökosystem spiele eine Rolle, sondern auch das enorme, bislang unterschätzte Talentpotenzial. Mark Zuckerberg ist zwar als Partner involviert, jedoch nicht als Investor.

