Nach der Landtagswahl

Was wird nun aus der SPD, der Koalition und den Reformen?

23. März 2026, 04:30 Uhr · Quelle: dpa
Bundestag
Foto: Christoph Soeder/dpa
Merz und Klingbeil haben einen Draht, doch ob diese Achse in der Koalition bleibt, ist offen. (Archivbild)
Die SPD liegt nach der Wahl in Rheinland-Pfalz am Boden. Geht es Parteichef Klingbeil jetzt an den Kragen? Kann Merz die Koalition zusammenhalten? Und ist eine große Reformagenda jetzt noch drin?

Berlin (dpa) - In Baden-Württemberg fast aus dem Landtag geflogen, in Rheinland-Pfalz den Ministerpräsidentenposten verloren: Die SPD ist mit zwei krachenden Niederlagen ins Superwahljahr 2026 gestartet. Das kann Folgen haben – für die Parteichefs, für die schwarz-rote Koalition und für die geplante Reformagenda. 

Rollen in der SPD jetzt Köpfe?

Das will niemand ausschließen. Am Vormittag tagen die Parteigremien in Berlin. Und selbst Leute, die das Willy-Brandt-Haus seit vielen Jahren kennen, wollen nicht spekulieren, wie das ausgeht. Rücktrittsforderungen gegen Parteichef Lars Klingbeil gibt es zunächst zwar nur aus hinteren Reihen. Doch selbst der Vizekanzler und Co-Parteichefin Bärbel Bas sagen, natürlich müsse man diese Personaldebatten führen. 

Was die Parteispitze aber auch sagt: Gerade ist es ungünstig. In Zeiten mit Krieg in der Ukraine und im Iran, mit Wirtschaftsflaute und dem großen Reformpaket vor der Tür dürfe sich die SPD nicht kopf- und führerlos mit sich selbst beschäftigen. So lautet offenbar das Narrativ, das man im Präsidium gefunden hat, um die Stimmung zu beruhigen. 

Doch in der Fraktion sind viele die Sprechblasen der Parteispitze leid. Noch immer hat man Klingbeil nicht verziehen, dass er sich nach der Bundestagswahl eiskalt übergangsweise den Fraktionsvorsitz gegriffen und damit alle Macht auf sich konzentriert hat. Man wirft ihm vor, sich Kanzler Friedrich Merz anzubiedern, statt SPD-pur zu vertreten. 

Welche Szenarien sind denkbar?

In der SPD wird der Ruf immer lauter, Partei- und Regierungsämter zu trennen. In der Vergangenheit ist man damit gut gefahren, bei Franz Müntefering etwa, der 2005 als SPD-Chef zurücktrat, aber Vizekanzler wurde. Oder mit Vizekanzler Olaf Scholz und den SPD-Chefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Aus dieser Zeit ging die SPD gestärkt hervor. 

Manche meinen deshalb, Klingbeil müsse als Parteichef hinschmeißen. Doch muss das dann nicht auch für Bas gelten, die als Arbeitsministerin und Parteichefin ebenfalls eine Doppelrolle hat? Andere raten Klingbeil, das Parteiamt zu behalten, aber seine Ämter in der Regierung zu räumen. Doch dann würde womöglich Bas zur Vizekanzlerin aufrücken, die zu Kanzler Merz längst keinen so guten Draht hat. Die SPD würde vielleicht die entscheidende Achse der Koalition schwächen. 

Denkbares, aber unwahrscheinliches Szenario ist eine Personalrochade: Klingbeil könnte den Fraktionsvorsitz anstreben und damit eine größere Umbildung auf der SPD-Seite des Kabinetts auslösen. Der bisherige Fraktionschef Matthias Miersch hat sich in der Umweltpolitik einen Namen gemacht, Umweltminister Carsten Schneider war mal Finanzpolitiker. 

Option vier: Alles bleibt, wie es ist. Nicht umsonst machte Klingbeil nach der Wahl direkt klar, Wegducken sei für ihn keine Option.

Positioniert sich die SPD dann inhaltlich neu?

Die Richtungsdebatte hat schon begonnen – angestoßen durch Wahlanalysen, nach denen die Menschen glauben, die SPD kümmere sich mehr um Bürgergeldempfänger als um die arbeitende Mitte. «Die Menschen glauben uns nicht mehr. Das muss doch jetzt endgültig alle wachrütteln», mahnt der Seeheimer Kreis, der konservativere Teil der Fraktion. 

Üblicherweise haben die Sozialdemokraten die Tendenz, nach Rückschlägen weiter nach links zu rücken. Das wollen die Seeheimer nicht zulassen. «In der SPD müssen nun alle verstehen, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden», meinen sie. 

Zugleich droht die SPD einem Reflex zu verfallen, mit dem die FDP schon die Ampel-Regierung geschwächt hat: «Wir müssen klares Profil zeigen, wir müssen in die Offensive kommen und wir müssen diese staatstragende Zurückhaltung ablegen», sagte Generalsekretär Tim Klüssendorf. Doch wenn ein Koalitionspartner mehr und mehr auf Profilierung setzt, werden Regierungskompromisse immer schwieriger. Eine gelähmte Koalition jedoch bringt den Partnern meist auch keine Stimmen. 

Wie wird der Kanzler reagieren?

Am Sonntagabend gratulierte Merz Wahlsieger Gordon Schnieder, der neuer Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz werden dürfte, und schwieg sonst zum Wahlausgang. Am Montag wird er sich um die Verlierer kümmern. «Ich werde am nächsten Tag mit den beiden Parteivorsitzenden der SPD weiter darüber beraten, wie wir dieses Land gemeinsam wieder auf Kurs bekommen. Und wir haben noch verdammt viel zu tun», kündigte Merz schon am Freitag an.

Bereits nach der Wahl in Baden-Württemberg hatte er mit Klingbeil und Bas gesprochen, um sicherzustellen, dass nach dem dortigen Absturz der SPD auf 5,5 Prozent nichts aus dem Ruder läuft. Das ist nun umso nötiger. 

In welcher Zwickmühle steckt Merz? 

Er hat großes Interesse daran, die bevorstehende Reformstrecke zusammen mit Vizekanzler Klingbeil zurückzulegen. Beide sind Pragmatiker, die ganz gut miteinander funktionieren. Der Wunsch der Union, dass der Ruck, der jetzt durch die SPD gehen wird, sie eher in die Mitte als nach links wirft, könnte aber ein frommer bleiben. Und da fängt das Problem des Kanzlers an. Denn zu viel Nachsicht mit den Sozialdemokraten dürfte seine Partei nicht mitmachen. 

Die Junge Union ist schon vergangenen Herbst auf die Barrikaden gegangen, weil sie sich beim Thema Rente verschaukelt fühlte. Ihr Vorsitzender Johannes Winkel bewertete das Wahlergebnis am Sonntagabend zwar nicht selbst, teilte auf X aber einen Kommentar des früheren Kanzleramtschefs Peter Altmaier (CDU). Der forderte, die SPD müsse nun endlich aufwachen. «Die Bürger wollen, dass unser Land wieder stark wird, und das geht nur mit einer Politik, für die einst Franz Müntefering & Peer Steinbrück standen.» Der frühere Arbeits- und der frühere Finanzminister standen beide für die Bereitschaft zu weitreichenden Sozialreformen, die auch Härten beinhalteten.

Welche Reformen stehen jetzt an?

Die Koalition muss ein milliardenschweres Loch in der Finanzplanung schließen – und zugleich die Wirtschaft wieder in Fahrt bringen, deren mühsamer Aufschwung durch den Iran-Krieg wohl im Keim erstickt wird. 

Noch bevor Klingbeil Ende April den nächsten Etat ins Kabinett bringt, müssen wichtige Entscheidungen getroffen sein. Da geht es zuerst um Fragen wie höhere Steuern für Topverdiener, längeres Arbeiten oder Sparrunden bei Förderprogrammen. Später im Jahr soll es um das Gesundheitssystem gehen, möglicherweise mit Einsparungen bei Krankenhäusern und Mehrbelastung für Kassenpatienten. Und dann soll die Rente auf den Tisch kommen – und damit die Debatte, ob Selbstständige, Beamte und Politiker bald auch einzahlen müssen. 

Was kann alles noch viel schlimmer machen?

Eigentlich galten Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz als die für den Koalitionsfrieden eher harmlosen Landtagswahlen dieses Superwahljahres – und doch mischen sie die Koalition bereits auf. Die gefährlicheren Brocken kommen aber erst im September, wenn im Osten gewählt wird. 

In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in den Umfragen um die 40 Prozent und hofft auf die absolute Mehrheit. Die SPD muss dort um den Einzug ins Parlament bangen und hat dann in Mecklenburg-Vorpommern einen weiteren Ministerpräsidentinnenposten zu verteidigen – den von Manuela Schwesig. Das Wahl- und Schicksalsjahr dieser Regierung ist also erst am Anfang.

Wahl / Koalition / Bundesregierung / Partei / SPD / Reformen
23.03.2026 · 04:30 Uhr
[2 Kommentare]
Polizei
Barsinghausen (dpa) - Ein 49 Jahre alter Mann soll eine 38-Jährige in Barsinghausen bei Hannover tödlich und die gemeinsame 13-jährige Tochter lebensgefährlich verletzt haben. Wie ein Polizeisprecher sagte, alarmierte der 15 Jahre alte Sohn der Familie gegen 2.10 Uhr in der Nacht die Polizei und gab an, dass der Vater die Mutter angegriffen habe. Die […] (02)
vor 28 Minuten
Und es geht doch! Dieses Tiny House ist für eine wachsende Familie konzipiert
Es fällt verhältnismäßig leicht, als Single oder Paar in ein Tiny House zu ziehen. Aber was, wenn die Familie wächst – dann platzt doch das winzige Eigenheim aus allen Nähten? Nicht unbedingt. Mit erhöhter Gestaltungsflexibilität ließe sich Platz für Kinder schaffen, ohne dass sämtliche Privatsphäre verloren geht. Grundvoraussetzung ist und bleibt aber, […] (01)
vor 16 Stunden
Screenshot «Pokémon Pokopia»
Hamburg/Berlin (dpa/tmn) - In «Pokémon Pokopia» zeigen die Entwicklerstudios «Game Freak» und «Omega Force», wie sich das Phänomen «Pokémon» auf Nintendos bewährtes Spielprinzip aus der «Animal Crossing»-Reihe anwenden lässt. Herausgekommen ist ein zuckersüßer Leckerbissen für alle, die sich schon lange ein gemütliches Lebenssimulationsspiel im […] (00)
vor 8 Stunden
Enthüllt Capcom bald DLC zu Dragon’s Dogma 2?
Capcom feiert mit einer Grußbotschaft in den sozialen Medien das zweijährige Jubiläum seines Fantasy-Rollenspiels Dragon’s Dogma 2. Zum Launch legte der Titel noch starke Verkaufszahlen hin, fiel in den darauffolgenden Quartalen aber hinter andere Blockbuster des japanischen Publishers wie Monster Hunter zurück (via Capcom ). Danach wurde es relativ […] (00)
vor 12 Stunden
Channel 4 bestellt zweite Staffel von «Game of Wool»
Nach starkem Start geht die ungewöhnliche Wettbewerbsshow mit Tom Daley in die nächste Runde. Channel 4 setzt den kreativen Wettbewerb Game of Wool fort und hat eine zweite Staffel der Strick-Show in Auftrag gegeben. Nach dem erfolgreichen Debüt, das besonders bei jüngeren Zuschauern überzeugte, kehrt das Format im Herbst 2026 mit neuen Kandidaten und erweiterten Herausforderungen zurück. Im […] (00)
vor 1 Stunde
Nils-Ole Book
Dortmund (dpa) - Auf der Suche nach einem Nachfolger für BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl soll Elversbergs Sportvorstand Nils-Ole Book zu den Kandidaten bei Borussia Dortmund gehören. Wie Sky und der «Kicker» berichten, erfüllt der 40-Jährige das Anforderungsprofil des Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga und wurde deshalb ins Visier genommen. Laut […] (00)
vor 2 Stunden
cryptocurrency, business, finance, money, wealth, gold, cash, monetary, investment, ethereum
Der Bitcoin-Kurs fiel am Wochenende unter die Marke von $70.000 und machte damit die Gewinne der Vorwoche zunichte. Diese Entwicklung setzt die Kryptowährung unter Druck, da die Bullen nun gezwungen sind, eine neue Unterstützung zu finden, um einen weiteren Kursrückgang zu verhindern. Ein Analyst betont, dass die Bullen die Marke von $69.000 mit […] (00)
vor 54 Minuten
Die Zucker-Matrix
Höchst im Odenwald, 22.03.2026 (lifePR) - Industriezucker gilt als die wohl am weitesten verbreitete und zugleich tückischste legale Substanz unserer Zeit. Während die Forschung die verheerenden Auswirkungen von Saccharose und Fruktose immer klarer belegt, suchen Millionen Menschen verzweifelt nach Wegen aus der Abhängigkeit. Neben klassischen […] (00)
vor 21 Stunden
 
FDP-Gremiensitzungen
Berlin (dpa) - FDP-Chef Christian Dürr hatte es kommen sehen und schon mal vorgebaut: […] (00)
Roben am Bundesgerichtshof
Karlsruhe (dpa) - Wenn an den obersten Gerichtshöfen in Deutschland ein Urteil fällt, wird es […] (00)
Kommunalwahlen in Frankreich
Paris (dpa) - Nach der Kommunalwahl in Frankreich richten die Parteien ihren Blick […] (00)
Donald Trump
Teheran/Tel Aviv/Washington (dpa) - Angesichts des Ultimatums von US-Präsident Donald […] (00)
Crimson Desert startet mit gemischten Kritiken und fast 240.000 gleichzeitigen Spielern auf Steam
Pearl Abyss hat jahrelang an Crimson Desert gefeilt, die Erwartungen waren enorm – […] (00)
Tim Cook: Neue Macs stellen Startrekord für Apple auf
Vergangene Woche hat Apple drei neue Mac-Modelle auf den Markt […] (00)
Finale für «Turn of the Tide»: Netflix zeigt letzte Staffel ab April
Die portugiesische Erfolgsserie steuert auf ihr großes Ende zu – mit mehr Action, Konflikten […] (00)
Geiselnahme am Golf: Teherans perfider Selektions-Plan für die Weltwirtschaft
Nach 18 Tagen totaler Blockade zeichnet sich ein Strategiewechsel in Teheran ab: Die […] (01)
 
 
Suchbegriff