Konflikt in Osteuropa

Warum Ostdeutsche anders auf Russland blicken

25. Februar 2022, 18:37 Uhr · Quelle: dpa
Enge wirtschaftliche Bande, traditionelle Freundschaft: Viele Menschen in Ostdeutschland fühlen sich Russland stärker verbunden als Westdeutsche. Der Schock über den Angriff auf die Ukraine aber eint im Entsetzen.

Berlin (dpa) - Noch vor drei Wochen klang Dietmar Bartsch anders. Ein Krieg dürfe nicht herbeigeredet werden, sagte der Chef der Linksfraktion damals an die Adresse der USA. «Frieden ist nur mit, nicht gegen Russland durchsetzbar.»

Nach dem Angriffsbefehl des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen die Ukraine aber zeigt sich der Rostocker Bundestagsabgeordnete erschüttert. «Das ist eine Zäsur», sagt Bartsch der Deutschen Presse-Agentur.

Wie Bartsch haben viele Ostdeutsche traditionell einen anderen Blick auf Russland und die Nato als viele Westdeutsche - mehr Verständnis für russische Sicherheitsinteressen, mehr Distanz zu den USA und der Westallianz. Der frühere brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) mahnte die Nato immer wieder ab und bot sein Deutsch-Russisches Forum als Brückenbauer an. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) suchte bisweilen den direkten Draht zu Putin und sprach gegen EU-Wirtschaftssanktionen. Nun sind alle im Entsetzen über den Angriff auf die Ukraine geeint. «Das ändert die Situation in Europa fundamental», sagt Bartsch.

Traditionell engere Wirtschaftsbande

Ostdeutschland wird die Auswüchse dieses geopolitischen Konflikts zu spüren bekommen, denn auch die wirtschaftlichen Verbindungen sind traditionell enger. Mehrere ostdeutsche Handelskammern schlugen diese Woche Alarm, weil sie negative Folgen von EU-Sanktionen gegen Russland fürchten. Allein Brandenburg hatte zuletzt ein Ausfuhrvolumen Richtung Russland, Ukraine und Belarus von 307 Millionen Euro.

Die Saatgutfirma Satimex in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt erzielt in Russland etwa 70 Prozent des Jahresumsatzes, wie Geschäftsführer Eike Kampe sagt. Auch er hält Wirtschaftssanktionen für falsch, denn sie hätten «in erster Linie wirtschaftliche Nachteile für Deutschland und einige weitere EU-Staaten». Im Osten Deutschlands gebe es grundsätzlich eine große Verbundenheit zu Russland, auch gesellschaftlich, sagt Kampe. «Wir haben alle die russische Sprache in der Schule gelernt, das fördert die Verständigung.»

Zu DDR-Zeiten russische Kultur «inhaliert»

Die in Weimar geborene Historikern Silke Satjukow hat nach der Wende in Moskau studiert. Zu DDR-Zeiten hätten die Ostdeutschen russische Kultur «inhaliert», sagt die Professorin der Uni Halle-Wittenberg der dpa. Anfangs seien die stationierten sowjetischen Soldaten Feinde gewesen. «Aber eine halbe Million Russen über ein halbes Jahrhundert, das schafft auch Nähe.» Man habe zusammen gefeiert, sich angefreundet, geheiratet. Millionen waren in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.

Die Sicht auf die Welt zu DDR-Zeiten nennt Satjukow eine «Imagination der Balance»: zwei Weltteile, das sozialistische Lager und die USA, beide gleich stark. In der Konfrontation zwischen Nato und Russland scheine für viele Ostdeutsche dieses Gleichgewicht gekippt. «Die Balance ist aus den Fugen, und da setzt man auf alte Denkmuster, die eingeübt sind, von Kindheit an», sagt die Historikerin. «Jeder hat einen Filter im Kopf. Das Gedächtnis der Westdeutschen ist ein anderes als das ostdeutsche.»

Gemeinsame Erfahrung von Verlust

Wie Satjukow verweist auch die ostdeutsche Historikerin Katja Hoyer auf einen weiteren Punkt: eine gemeinsame Erfahrung von Verlust nach der Wende. Russland habe auf der globalen Ebene den Kalten Krieg verloren, innerhalb Deutschlands sei das für die DDR ähnlich gewesen, sagt Hoyer, die inzwischen am Londoner King's College forscht. Die Verlierer im Kalten Krieg hatten sich unterzuordnen. «Ob das bewusst war, weiß ich nicht, aber diese Erfahrungen prägen.»

Viele Russen seien der Meinung, der Westen habe sie nicht richtig ernst genommen, sagt der frühere DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière dem Magazin «Cicero». In der Ausdehnung der Nato nach Osten sieht er eine verletzte Zusage des Westens aus der Wendezeit. «Ich weiß, dass der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse mündlich eine solche Zusage machte», sagt de Maizière. Daran erinnern viele immer wieder.

Neue Ausrichtung?

Noch im Sommer 2021 sprachen sich in einer Umfrage für das Redaktionsnetzwerk Deutschland 50 Prozent der befragten Ostdeutschen für ein engeres Verhältnis zu Russland aus - aber nur 25 Prozent der Westdeutschen. 60 Prozent der Ostdeutschen in dieser Umfrage plädierten für mehr Unabhängigkeit von den USA, aber nur 32 Prozent der Westdeutschen.

Wird sich das mit dem russischen Angriff auf die Ukraine ändern? Hoyer sagt, noch vor einer Woche hätte sie das verneint. «Aber ich fand es erstaunlich, wie sehr sich der Ton jetzt geändert hat.» Viele Ostdeutsche hätten eben auch einen gewissen Pazifismus und Anti-Militarismus verinnerlicht. «Das hat in den Köpfen und Herzen der Putin-Versteher den Effekt, dass der Pazifismus mit der pro-russischen Ausrichtung in Konflikt gerät», sagt die Historikerin. Nicht ausgeschlossen, dass sich da gerade etwas verschiebt und sich Ost- und Westdeutsche annähern in dieser Krise.

Konflikte / Wirtschaft / Ostdeutschland / Deutschland / Russland / Ukraine
25.02.2022 · 18:37 Uhr
[7 Kommentare]
Manuela Schwesig (Archiv)
Schwerin - Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), hat sich dagegen ausgesprochen, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, um damit andere Steuersenkungen zu bezahlen. "Ich halte eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für Gift und die lehne ich ganz klar ab", sagte Schwesig den Sendern RTL und ntv. Schon jetzt seien viele Dinge des […] (00)
vor 19 Minuten
Anne Hathaway
(BANG) - Anne Hathaway hat eine "bewusste Veränderung" vorgenommen, um ihr Leben nicht mehr als "gestresste Person" zu führen. Die 'Der Teufel trägt Prada 2'-Darstellerin – die mit ihrem Ehemann Adam Schulman die Söhne Jonathan (10) und Jack (6) hat – hielt es nicht für fair, dass die Menschen in ihrem Umfeld damit zurechtkommen mussten, dass sie sich […] (00)
vor 1 Stunde
Soziale Netzwerke
München (dpa) - Die ältere Generation ab 55 zieht sich in Teilen von Instagram und Co. zurück. In allen anderen Altersgruppen hingegen nimmt der Konsum sozialer Medien nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Deloitte nach wie vor zu. Demnach kann von einer generellen Social-Media-Müdigkeit in der deutschen Bevölkerung keine Rede sein.  Insgesamt […] (00)
vor 1 Stunde
Lords of the Fallen II – neue Einblicke im Entwicklervideo
Der unabhängige Entwickler  CI Games  hat heute eine brandneue Folge seiner fortlaufenden Entwickler-Roundtable-Reihe „Lifting the Veil“ veröffentlicht, in der Details über das neu gestaltete Umbral-Reich enthüllt werden, das die Welt der kommenden Fortsetzung des Soulslikes  Lords of the Fallen II  mitprägt. Ein neuer Gameplay-Teaser-Trailer […] (00)
vor 1 Stunde
Trotz Wiederholung: ZDF dominiert mit «Marie Brand»
Museumsdirektor Markus Krull wird im Depot des Museums tot aufgefunden. Gestartet war die Krimi-Produktion «Marie Brand» im Jahre 2008 und wir seitdem in loser Folge platziert. Gestern, am 25. März, war es es wieder so weit, allerdings nur in Form einer Wiederholung. Konkret wurde am Mittwoch die Wiederholung mit dem Titel Marie Brand und die lange Nase programmiert. Ausgestrahlt wurde der […] (00)
vor 1 Stunde
Oliver Baumann
Basel (dpa) - Oliver Baumann muss sich vor den ersten Test-Länderspielen im WM-Jahr um seine Akzeptanz als deutsche Nummer eins keine Gedanken mehr machen. Nach dem Vertrauen von Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann bekam der Schlussmann der TSG Hoffenheim nun auch ein großes Lob vom früheren Bundestorwarttrainer und Europameister Andreas Köpke. […] (00)
vor 3 Stunden
bitcoin, table, courses, finance, virtual, crypto, currency, money, coin, computer
Der Bitcoin-Kurs ist nach einem weiteren gescheiterten Versuch, die Widerstandsmarke von 72.000 $ nachhaltig zu überwinden, erneut um 2.000 $ gefallen und liegt nun unter 70.000 $. BTC fällt, während kurzfristige Anleger kapitulieren Vor einer Woche erreichte Bitcoin mit 76.000 $ den höchsten Stand seit anderthalb Monaten. […] (00)
vor 42 Minuten
Tropfen für Tropfen: Mit cleveren Gewohnheiten Wasser sparen und Zähne stärken
Mörfelden-Walldorf, 26.03.2026 (lifePR) - Wasser ist ein kostbares Gut – und dennoch fließt es oft ungenutzt den Abfluss hinunter. Besonders beim Zähneputzen verschwenden wir jeden Tag Liter um Liter. Aber wusstest du, dass ein kleiner Dreh des Wasserhahns beim Putzen nicht nur die Umwelt schützt, sondern auch deiner Zahngesundheit zugutekommt? Schon […] (00)
vor 1 Stunde
 
Sicherheit für Bahnbeschäftigte
Berlin (dpa) - Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter im Rahmen einer […] (02)
Container (Archiv)
München - Die Stimmung in der deutschen Exportwirtschaft hat sich verschlechtert. Die […] (00)
Bundeswehr-Soldaten (Archiv)
Berlin - Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, André Wüstner, hat […] (00)
Risse im Schweizer Sicherheitsimage
Genf (dpa) - Es sind verheerende Schlagzeilen, und das ausgerechnet aus der Schweiz, dem […] (00)
Facebook-Gründer Zuckerberg
Los Angeles (dpa) - Der Facebook-Konzern Meta und die Google-Videoplattform YouTube […] (00)
ProSiebenSat.1 schreibt 181 Millionen Verlust
Das Medienunternehmen teilte am Donnerstag die Ergebnisse für das gesamte Jahr mit. Die […] (00)
Stefan Horngacher
Planica (dpa) - Ob auf dem Rad oder in Wanderschuhen: Stefan Horngacher wird man im […] (01)
Salzgitter kämpft sich zurück: Verlust halbiert, Gewinnzone in Sicht – und HKM als Gamechanger
Ein Turnaround, der sich in Zahlen messen lässt Salzgitter hat 2025 nicht gewonnen. […] (01)
 
 
Suchbegriff