Warum die Babyboomer so viel bauten – und was wir heute davon lernen können
„Ok, Boomer": Wohl kein Leser dieser Zeilen dürfte diesen herablassenden Spruch noch nicht gehört haben. Eines muss man allerdings jenseits von aller Kritik feststellen: Was das Eigenheim anbelangt, haben die grob zwischen 1946 und 1964 geborenen Babyboomer stärker vorgelegt als alle Generationen davor und danach – und das obendrein in einem vergleichsweise jungen Lebensalter.
Wie baufreudig diese Generation unserer Eltern und Großeltern war, lässt sich schön an der Statistik erkennen. Insbesondere in den westdeutschen Bundesländern wurden gut und gern die Hälfte aller Wohngebäude in dem Zeitraum errichtet, in dem die Boomer jung waren – also zwischen den späten 1960ern und späten 1980ern.
Das ist nicht nur angesichts der reinen Zahlen mindestens beeindruckend, sondern auch, weil diese Generation damals in einer Zeit baute, die kaum weniger hürdenreich war als heute.
Hohe Zinsen, niedrige Löhne – trotzdem bauen
Es gibt eine Menge Gründe, warum heute so wenig gebaut wird – im Allgemeinen und im Besonderen bezogen auf Eigenheime. Geld spielt dabei eine große Rolle. Tenor: Bauen ist, aus diversen Gründen, ziemlich teuer.
Allerdings ist „teuer" relativ. Dazu lohnt es sich, sowohl die aktuelle Entwicklung der Bauzinsen zu betrachten als auch den Kaufkraftverlauf und die Mediangehälter. Dabei wird's dann paradox – denn die Boomer bauten eigentlich unter ziemlich schlechten Vorzeichen:
- Immobilienzinsen
Gleich mehrmals zwischen 1970 und 1990 lagen die Immobilienzinsen im deutlich zweistelligen Prozentbereich und sanken nie unter sechs Prozent. Heute, Anfang 2026, sprechen wir im Schnitt von Werten um 3,5 Prozent. - Erwerbstätigkeit
Damals ging, je nach Jahr, höchstens die Hälfte aller Frauen arbeiten. In der Ehe war es tendenziell sogar weniger. Viele bauende Boomer-Paare stützten sich daher auf nur ein oder höchstens anderthalb Einkommen. - Kaufkraft & Gehälter
1975 hatte ein heutiger Euro zwar eine Kaufkraft von 1,61 Euro. Der durchschnittliche Bruttoverdienst in Westdeutschland lag damals aber nur bei 909 Euro, während er 2025 recht genau 5.000 Euro betrug. Als viele Boomer bauten, hatten sie also kaufkraftbereinigt nur rund 560 heutige Euro zur Verfügung.
Das heißt nichts anderes, als dass die Babyboomer in einer Zeit bauten, in der die Rahmenbedingungen fürs Bauen eigentlich denkbar schlecht waren – selbst wenn Bauen an sich damals günstiger war.
Trotzdem entstanden damals (wie gesagt, vor allem in Westdeutschland) reihenweise Neubaugebiete, Reihenhäuser, Bungalows. Praktisch immer mit Keller (heute eher die Ausnahme), meist mit aus heutiger Sicht verschwenderisch großen Gärten und Garage – selbst wenn es vielfach nur eine kleine Beton-Fertiggarage war.
Stellt sich die berechtigte Frage: Hatten die Boomer damals ein anderes Risikoverhalten als nachfolgende Generationen? Jein – nicht zwingend mutiger. Aber definitiv anders gestrickt.
Eine Generation von Pragmatikern?
Kommen wir damit zum wahrscheinlich wichtigsten Grund, warum die Boomer so viele Eigenheime bauten – ein Mix aus Sicherheit und dem damaligen gesellschaftlichen Normativ.
Die Boomer wuchsen auf mit Kriegserzählungen, Wohnungsnot und echter Knappheit. Viele von ihnen wurden im Wirtschaftswunder groß und hatten daher live miterlebt, dass es damals praktisch jeder „zu etwas bringen" konnte, wenn er nur ordentlich Leistung erbrachte – und definitiv war ein Eigenheim ein deutliches Signal, dass man etwas geleistet hatte.
Für die meisten Boomer war bauen deshalb eine Entscheidung, in die sowohl Vernunft als auch Wunschvorstellungen einflossen. Tenor:

Dazu muss man aber auch eines deutlich unterstreichen: Eher wenige Boomer bauten so schlüsselfertig, wie es heute der Fall ist. Viele dieser Häuser wurden erst über Jahre fertig. Der Dachausbau kam später, die Terrasse irgendwann, die Garage vielleicht erst, als der Nachwuchs flügge wurde. Außerdem wurden die damaligen Häuser stark geprägt durch
- überschaubarere Wohnflächen,
- einfache Grundrisse,
- wenig Sonderausstattung und
- sehr viel Eigenleistung.
Der Anspruch auf Perfektion und Luxus war also deutlich geringer ausgeprägt. Und, das darf man nicht vergessen:
Konsum spielte eine andere Rolle
Man muss an dieser Stelle nicht extra erwähnen, dass sich bauende Boomer keine Gedanken um Hausautomatisierung machen mussten; um Haushaltsgroßgeräte, die zusammengenommen deutlich fünfstellige Beträge kosten. Was aber definitiv in die Geschichte gehört, ist das andere Konsumverhalten abseits des Hauses.
Damals: Verzicht für das Eigenheim
Für die meisten damaligen Bauherrn war das Haus der größte finanzielle Brocken und sie waren definitiv gewillt, sich deshalb viele andere Vergnügungen zu verkneifen – nicht selten bis das Haus komplett abbezahlt war.
Deshalb lebten viele Boomer zwar im Eigenheim, aber ihr Lebensstil ringsherum war ziemlich knapp zugeschnitten.
Heute: Konsumvielfalt als Standard
- Leasingfahrzeuge,
- Technik-Verlockungen,
- Online-Dauershopping,
- Streaming-Abos,
- mehrmals jährliche Urlaubsreisen,
das alles gehört heute für viele zum Normalzustand, auf den sie auch als Häuslebauer nicht verzichten möchten. Zugegeben, auch damals gab es Boomer, die ähnlich lebten – das waren aber eher selten diejenigen, die bauten.
Die Zeit als stiller Verbündeter
Wer heute bauen will, der tut es in einer Situation relativ großer wirtschaftlicher Ungewissheit. Wohl hatten auch die Boomer in den 1970ern und 1980ern mit wirtschaftlichen Unwägbarkeiten zu kämpfen, etwa:
- 1974/75
Die erste große Nachkriegs-Rezession ausgelöst durch die erste Ölkrise 1973 - Anfang 1980er
Die Rezession nach der zweiten Ölkrise mit sehr hohen Zinsen und vielen Arbeitslosen - Ende 1970er
Stagnation mit schwachem Wachstum und steigender Inflation - Mitte 1980er
Die Strukturkrisen diverser Branchen, vor allem im Ruhrgebiet, im Schiffbau sowie der Bau- und Elektroindustrie
Es ist also keinesfalls so, als hätte diese Generation in wirtschaftlich ringsherum rosigen Zeiten gebaut. Allerdings waren diese „schlechten" Phasen deutlich kürzer als die heutige Lage, die nun schon mehrere Jahre anhält. Außerdem gab es damals längere Phasen, in denen die Einkommen (wenn auch nicht in allen Branchen) vorhersagbar stiegen und gleichzeitig eine übersichtliche Inflation die Schulden allmählich entwertete.
Was heute wirklich anders ist
Es wäre unseriös, die damalige Zeit 1:1 mit der heutigen zu vergleichen und unfair, den heute jungen Menschen zu attestieren, sie seien schlicht weicher und mehr auf Luxus bedacht als die Bau-Boomer damals.
Tatsache ist jedoch: Die Welt hat sich verändert und mit ihr der Immobilienmarkt und die Art und Weise, wie wir heute denken und handeln. Wer heute baut, steht vor gleich mehreren Hürden, die Boomer nicht kannten.

Bauen ist also tatsächlich in jeder Hinsicht teurer und aufwendiger geworden – selbst wenn wir heute, auch real gesehen, deutlich mehr verdienen als unsere Eltern und Großeltern damals.
Der wichtigste Unterschied ist jedoch vielleicht nicht finanzieller, sondern mentaler Natur: Während frühere Generationen oft mit knappen Mitteln lebten, aber auf eine relativ stabile Zukunft blickten, ist es heute umgekehrt: Die Einkommen sind höher, doch die Unsicherheit ebenfalls.
Viele, die heute eigentlich gern bauen würden, zögern – weil sie „den perfekten Zeitpunkt" suchen, weil die Wirtschaftsentwicklung kaum abschätzbar ist und weil Lebensläufe flexibler und brüchiger sind als damals.
Der bauende Boomer gehörte zu einer Generation, in der es völlig normal war, nur ein oder zweimal im Leben den Arbeitgeber zu wechseln – wenn überhaupt. Das erreichen heute viele schon vor dem 30. Geburtstag.
Statt eines Fazits: Was wir von den Boomern lernen können
Niemand muss heute bauen. Mieten ist kein Versagen, Flexibilität kein Makel. Aber wer über Eigentum nachdenkt, kann aus der Vergangenheit etwas mitnehmen: Nicht jede ungünstige Zahl ist ein Ausschlusskriterium. Manchmal ist sie einfach der Preis für Verlässlichkeit.
Auch geht es nicht darum, die Vergangenheit zu verklären oder heutige Probleme kleinzureden. Aber ein paar Haltungen von damals sind erstaunlich zeitlos:
- Realismus statt Perfektion
- Langfristiges Denken statt kurzfristiger Optimierung
- Akzeptanz unbequemer Zahlen statt Warten auf Ideallösungen
Die Babyboomer bauten nicht, weil alles günstig und ihre Welt so viel besser war. Sie bauten, weil sie bereit waren, sich langfristig zu binden – in dem Wissen, dass es anfangs wehtut, aber sich auf die Dauer meistens lohnt.


