Vincent Mortier: Thesen bewahrheiten sich
Von Vincent Mortier, Group CIO von Amundi, und Alessia Berardi, Head of Global Macroeconomics, Amundi Investment Institute

26. Februar 2026, 10:22 Uhr · Quelle: Pressebox
Vincent Mortiers Thesen zu Wirtschaftsentwicklungen erweisen sich als zutreffend, was Anleger zu diversifizierten Strategien in einem dynamischen Umfeld drängt.

München, 26.02.2026 (PresseBox) - Wir bewegen uns weltweit eindeutig auf ein komplexeres Marktgleichgewicht zu, in dem Politik – einschließlich Handelspolitik –, Geopolitik und Kapitalallokation ebenso entscheidend sind wie der Konjunkturzyklus selbst. Da sich das Wachstum als widerstandsfähiger als ursprünglich erwartet erweist und die Unternehmensgewinne robust bleiben, haben sich die Märkte gut behauptet. Allerdings finden derzeit erhebliche Umschichtungen zwischen Ländern, Sektoren und einzelnen Aktien statt. Ein diversifizierter und flexibler Ansatz dürfte für Anleger der Schlüssel sein, um mit all diesen Verschiebungen und Rotationen umzugehen.

In einer sich so schnell drehenden Welt ist es an der Zeit, unsere wichtigsten Thesen für 2026 neu zu bewerten:

These 1: Der Zyklus geht weiter – höhere Dynamik in den USA und Europa, kein Abschwung

2025 hat sich die US-Wirtschaft als sehr widerstandsfähig erwiesen. Aufgrund des robusten Binnenkonsums haben wir unsere Wachstumsprognose 2026 auf fast 2,5 % gegenüber dem Vorjahr angehoben, wobei wir von positiven Auswirkungen der US-Fiskalmaßnahmen, wie Steuersenkungen, auf Verbraucher und Unternehmen sowie von einer Fortsetzung der Konsumdynamik ausgehen. Allerdings könnte sich der Arbeitsmarkt als schwierig erweisen. Der Verbraucherpreisindex für Januar, der unter den Markterwartungen lag, bestätigt unsere Einschätzung einer Disinflation. Wir gehen weiterhin davon aus, dass die Inflation 2026 zwischen 2,5 % und 3 % bleiben wird. In der Eurozone gab es zum Jahresende positive Überraschungen aus Italien und Spanien, die auf 2026 ausstrahlen. Wir sehen auch eine bessere Dynamik der Binnennachfrage in diesen Ländern.

Wir sind nach wie vor fest von einem KI-Investitionszyklus überzeugt, wobei die Märkte zunehmend zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheiden werden. Die jüngste Schwäche einiger Technologiewerte spiegelt die Risikoeinschätzung des Marktes und seine Skepsis gegenüber Unternehmen wider, die aufgrund der Disruption durch KI-Verluste erleiden könnten, wie z. B. bestimmte Softwaresegmente und das Transportwesen. KI wird aber insgesamt wohl zu Produktivitätssteigerungen in der Wirtschaft führen. Wir sehen weiterhin ein risikofreundliches Umfeld.

Annahme 2: In der Phase kontrollierter Unordnung kann Diversifizierung zu langfristigen Renditen beitragen

Wir befinden uns noch in der Anfangsphase eines Regimewechsels, in dem der Aufstieg mittelgroßer Staaten den Wandel hin zu einer multipolaren Welt beschleunigt. Das Abkommen zwischen Indien und der EU ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie Europa den Handel und damit seine Abhängigkeit von den USA diversifiziert. Diese Herausforderung für den Supermachtstatus der USA wird parallel zum Aufstieg Chinas erfolgen und sich auf die Geopolitik, die Lieferketten und Pekings Bestreben, eine Führungsrolle im Technologiebereich zu übernehmen, erstrecken.

Metalle wie Gold könnten das Risiko aus der Geopolitik und der steigenden Staatsverschuldung ausgleichen. Gold wird auch von der strukturellen Nachfrage profitieren. Gleichzeitig dürften Basismetalle wie Kupfer für saubere Technologien und die grüne Wende unverzichtbar bleiben. Unter globalen Anlegern wächst das Unbehagen gegenüber einem konzentrierten Engagement in US-Dollar. Es gibt erste Anzeichen für eine Umschichtung von Portfolios hin zu europäischen und Schwellenländer-Anlagen. Das Dollar-System wird nicht aufgegeben, aber deutlich in Frage gestellt, auch wegen der hohen Unsicherheit, die durch das aktuelle Zollurteil des Obersten Gerichtshofs in den USA entstanden ist. Wir glauben, dass diese Verschiebung hin zu einer kontrollierten Unordnung struktureller und nicht zyklischer Natur ist und dass die Diskussionen über Diversifizierung an Dynamik gewinnen.

These 3: Bei Aktien global denken, über das Wettrennen im Technologiesektor hinaus

Global zu denken, bedeutet zu verstehen, dass wir uns von einer Phase, die von Liquidität und synchronisierter Politik geprägt ist, hin zu einer Phase bewegen, in der Bilanzen, Industriepolitik und Entscheidungen zur Kapitalallokation die Preise bestimmen. Wir beobachten auch einen Übergang zu einem zunehmend fragmentierten und selektiveren Marktumfeld. Ein Beispiel: Wir fokussieren uns nicht allgemein auf KI, sondern bevorzugen Unternehmen, die sich mit KI in physischer Infrastruktur und im Industriesektor befassen.

Regional gesehen werden in Japan Industrie-, Finanz- und Unternehmen, die Reformen vorweisen können, interessant. Auch in den USA sehen wir Chancen in den Bereichen Industrie, innovationsorientierte Technologie und Finanzen. In Europa könnten Sektoren wie Industrie, Verteidigung, Finanzen und Infrastruktur an Bedeutung gewinnen. Europas Streben nach strategischer Autonomie mit dem Ziel, die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu verbessern und die Sicherheitsausgaben zu erhöhen, schafft Chancen. Jüngst hat die KI-Panik der Rotation neuen Schwung verliehen. Die Wachstumsindizes S&P 500 Software, Mag 7, Nasdaq 100 und Russell 1000 sind seit Jahresbeginn (Stand: 20. Februar) allesamt zurückgegangen, während die Indizes S&P 500 Equal Weighted und Russell 1000 Value gestiegen sind. Interessanterweise entwickelten sich auch chinesische Technologiewerte leicht positiv. Regional betrachtet übertrafen die japanischen, europäischen und breiter gefassten Schwellenländerindizes die führenden US- und Technologieindizes. Es lohnt sich also, über den US-Technologiesektor hinaus nach globalen Aktien zu suchen.

These 4: Fiskal- und Geldpolitik werden Treiber für Investitionen

Wir haben wiederholt auf die Risiken einer Abwertung des US-Dollars aufgrund der hohen Verschuldung und den Haushaltsdefiziten der USA sowie der Diversifizierung der Reserven der globalen Zentralbanken weg vom Greenback aus geopolitischen Gründen hingewiesen. Dies untergräbt die Attraktivität des Dollars als sicherer Hafen, auch wenn der private Sektor seine Präferenz für diese Währung bislang nur langsam aufgibt. Sollte dies jedoch geschehen, wäre dies ein weiterer langfristiger Gegenwind. Wir behalten unsere strukturell schwache Einschätzung des US-Dollars bei.

Was die Finanzpolitik betrifft, so scheint sich in Japan eine Ära der finanzpolitischen Expansion abzuzeichnen. Politische Stabilität, Reformen der Unternehmensführung und Reflation beeinflussen das Verhalten ausländischer Investoren gegenüber Japan. Die Premierministerin Takaichi verfolgt wahrscheinlich Maßnahmen – einschließlich Steuersenkungen – zur Förderung des Reallohnwachstums durch Senkung des Verbraucherpreisindexes und räumt gleichzeitig dem Wirtschaftswachstum Vorrang ein. Dies wird sich natürlich kurzfristig auf japanische Staatsanleihen und den Yen auswirken.

Auf der geldpolitischen Seite haben wir einige Korrekturen vorgenommen und unseren Ausblick auf die Zinssenkungen der Fed verschoben. Wir erwarten eine Zinssenkung Mitte des Jahres und eine weitere im September; von der EZB dagegen nur eine Zinssenkung im 3. Quartal. Die Stärke des Euro, strengere Kreditkonditionen oder eine Verschlechterung der Lage auf den Arbeitsmärkten könnten dies jedoch ändern.

Daher ist es wichtig, bei der Laufzeit taktisch zu bleiben, da das Risiko einer Finanzrepression hoch ist und Zentralbanken wie die der USA und Japans angesichts der bereits hohen Haushaltsdefizite möglicherweise unter politischen Druck geraten könnten.

These 5: Langfristige Chancen in Europa und den Schwellenländern

Europa weiß, dass es sich nicht mehr wie bisher auf die USA als Wirtschaftspartner und Sicherheitsgarant verlassen kann und wird seine strategische Autonomie ausbauen. Die Region muss mehr in Verteidigung, Technologie und Lieferketten investieren. Darüber hinaus meinen wir, dass Schwellenländer eine wichtige Säule für globale Anleger sein sollten – nicht nur zur Diversifizierung, sondern auch, um Zugang zu starken Unternehmen und Wachstumschancen zu erhalten. In Indien, das wir als strukturelle Allokation in den Schwellenländern ansehen, haben wir die Wachstumsprognose für dieses Jahr leicht von 6,6 % auf 6,8 % angehoben. Die Kontinuität der Politik wird den Investitionszyklus stützen, und die Senkung der US-Zölle verstärkt die „China plus”-Narrative, also die Fertigung außerhalb Chinas. Das jüngste Abkommen zwischen der EU und Indien sowie der Haushaltsetat sind Maßnahmen, die das Wachstum langfristig ankurbeln werden, weshalb wir weiterhin konstruktiv gestimmt sind.

Wir glauben, dass Diversifizierung und Flexibilität entscheidend für die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit der Portfolios und für langfristige Renditen sein werden. Das makroökonomische Umfeld erscheint widerstandsfähig, aber die Dynamik der Politik und starke Marktrotationen werden das Verhalten der Anleger beeinflussen. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir uns weiter in der Spätphase des Konjunkturzyklus bewegen werden und behalten eine moderate Risikohaltung bei. Hohe Bewertungen von risikoreicheren Anlagen schränken unsere Möglichkeiten ein, unsere Risikoposition zu erhöhen. Bewertungen allein dürften jedoch keine größere Korrektur auslösen. Dies wäre vielmehr bei einer Verknappung der Liquidität oder einer Verschlechterung der Kreditkonditionen der Fall.

Alessia Berardi: Zollurteil mittelfristig ohne Einfluss auf Trumps Protektionismus-Agenda

Donald Trump hat nach dem Zollurteil des Obersten Gerichtshofs Section 122 des Handelsgesetzes von 1974 in Kraft gesetzt. Damit kann er für bis zu 150 Tage umfassende Zölle in Höhe von 10 % erheben und diese auf 15 % erhöhen. Wichtig ist, dass dieser Zeitraum verlängert werden kann. Im Vergleich zum IEEPA mangelt es Section 122 jedoch an Langfristigkeit und Flexibilität: Verlängerungen über 150 Tage hinaus bedürfen der Zustimmung des Kongresses. Und die Zölle können nicht auf bestimmte Länder oder Sektoren ausgerichtet werden, was sie zu einem weniger nützlichen Verhandlungsinstrument macht. Ein Schritt in diese Richtung könnte einigen Ländern wie Brasilien, China und Indien zugutekommen, die unter Section 122 einen Rückgang ihrer durchschnittlichen Zollsätze – im Vergleich zu den unter IEEPA gezahlten Sätzen – verzeichnen könnten, während Länder wie Großbritannien wahrscheinlich einen Anstieg erleben werden.

Als zweiten Schritt könnte Donald Trump eine Reihe von Untersuchungen gemäß Section 301 einleiten, die für die Verhängung länderspezifischer Zölle erforderlich sind. Unabhängig davon, ob dies über Section 301 (für unlauteren Handel), 232 (nationale Sicherheit) oder 338 (Vergeltungsmaßnahmen gegen Diskriminierung) geschieht, erfordern Zölle im Rahmen dieser Bestimmungen einen langwierigen – und manchmal strengen – Begründungsprozess, wodurch sie weniger „flexibel” sind als im Rahmen des IEEPA. Insgesamt gehen wir davon aus, dass das Urteil kurzfristig zu Unsicherheit hinsichtlich der US-Handelspolitik führen wird, jedoch keinen Einfluss auf die mittelfristige Ausrichtung von Trumps protektionistischer Agenda haben dürfte.

Die Wiederherstellung desselben effektiven Zollsatzes unter anderen Gesetzen ist zwar möglich, wird jedoch Zeit in Anspruch nehmen und könnte weitere rechtliche Anfechtungen nach sich ziehen, wodurch der Übergang zu den neuen Zöllen zu einem Risiko für Wirtschaft und Märkte wird. Gleichzeitig dürfte die Unsicherheit darüber, welche Produkte mit welchen Zöllen und für wie lange belegt werden, zu Volatilität in den Handelsströmen führen und Unternehmensinvestitionen weiter verzögern. Die Reaktion anderer Länder, die auf der Grundlage der IEEPA-Zölle Handelsabkommen unterzeichnet haben, ist eine zusätzliche Quelle der Unsicherheit.

Militärische Machtdemonstration Trumps als Kompensation wäre gefährlicher

Wenn die Zölle abgeschafft (unwahrscheinlich) oder gesenkt würden (wahrscheinlicher, aber nicht unser Basisszenario), wäre die Umkehrung eines negativen Angebotsschocks positiv für die Wirtschaft und die Märkte und würde damit die Aufgabe der Fed erleichtern. Die Abschaffung der IEEPA-Zölle würde auch das BIP-Wachstum der USA ankurbeln. Dies erklärt die anfänglich positive Reaktion bei risikoreichen Anlagen. Der Verlust der Zolleinnahmen ist jedoch eine schlechte Nachricht für die US-Regierung, für die Anleihen und den US-Dollar. Wenn der geringere Einsatz von Zöllen zu einer stärkeren militärischen Machtdemonstration der USA führen würde, könnte die globale Geopolitik weitaus gefährlicher werden.

Quelleninformationen und weitere Angaben finden Sie in den Investment Talks oder im Amundi Research Center.

Rechtliche Hinweise: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von dem Amundi Asset Management und sind Stand 24. Februar 2026 (Veröffentlichung des Researchs). Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung des Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte des Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.

Finanzen / Bilanzen / Wirtschaftswachstum / Geopolitik / Kapitalallokation / KI / Diversifizierung
[pressebox.de] · 26.02.2026 · 10:22 Uhr
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