Gesundheit

Überfüllte Notaufnahmen: Notfall-Reform von Lauterbach

16. Januar 2024, 16:49 Uhr · Quelle: dpa
Stundenlanges Warten in der Notaufnahme, überlastete Ärzte und Pflegekräfte - Patienten werden im akuten Fall heute oft nicht ideal versorgt. Eine umfassende Reform soll das ändern.

Berlin (dpa) - Patientinnen und Patienten mit akuten Beschwerden sollen künftig weit seltener in der Notaufnahme eines Krankenhauses behandelt werden. Ziel einer großangelegten Notfallreform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) soll es sein, dass Hilfesuchende bereits am Telefon oder vor Ort im Krankenhaus verstärkt in eine nahe Praxis geschickt werden.

Viel stärker als bisher sollen Versicherte auch direkt telemedizinisch betreut werden. Insgesamt sei eine «große Reform» geplant mit «einem unfassbar großen Potenzial, um Geld zu sparen und gleichzeitig die Versorgung zu verbessern», sagte Lauterbach in Berlin. Die Reaktionen auf die Vorschläge fielen gemischt aus.

Heute sind die Notfallambulanzen häufig überfüllt - Ärzteorganisationen beklagen seit Jahren, dass vor allem am Wochenende dort auch viele Menschen mit leichteren Beschwerden vorstellig würden. Lauterbach erläuterte, 25 bis 30 Prozent der Fälle aus Notfallambulanzen könnten auch in Arztpraxen behandelt werden.

Neue Zentren mit angeschlossenen Praxen

Die Notaufnahmen sollen künftig in neue Integrierte Notfallzentren aufgehen. Pro 400.000 Einwohnerinnen und Einwohner solle es ein Zentrum geben, kündigte Lauterbach an. Zu diesen Zentren soll auch je eine ambulante Notdienstpraxis in unmittelbarer Nähe gehören. Die Einschätzung, wo die Patientinnen und Patienten versorgt werden sollen, soll an einem sogenannten gemeinsamen Tresen stattfinden.

In Kern ziele die Reform darauf ab, dass die Patientinnen und Patienten dort behandelt werden, wo es am besten und schnellsten gehe, so Lauterbach. «Das muss nicht immer das Krankenhaus sein», sagte der Politiker. «In vielen Fällen ist die notdienstliche Akutversorgung sehr viel sinnvoller.» Häufig genüge auch der Besuch der Hausarztpraxis am nächsten Tag.

Verbindung von 116 117 und 112

Die unter der Rufnummer 116 117 erreichbaren Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen sollen ausgebaut werden. Sie sollen mit den unter 112 erreichbaren Rettungsleitstellen vernetzt werden. So soll es künftig egal sein, welche der beiden Nummern man wählt.

Wählt ein Notfall-Patient die 116 117, soll er beispielsweise auch auf diese Weise einen Krankenwagen geschickt bekommen können. Andersherum soll auch ein Anruf bei der 112 in den Besuch einer Arztpraxis münden können, wenn es sich um einen leichteren Fall handelt.

Leichte Fälle ohne Arztbesuche

Auch Telemedizin soll ausgebaut werden, wie Lauterbach erläuterte. Wenn die Ärztin oder der Arzt telefonisch oder per Video einen Praxis- oder Klinikbesuch als nicht nötig erachten, dann soll so auch ein elektronisches Rezept oder eine elektronische Krankschreibung ausgestellt werden können. Der Behandlungsfall könne dann abgeschlossen werden, ohne dass Betroffene außer Haus gehen müssten, so Lauterbach.

Reformgesetz soll 2025 gelten

Auch die neuen Notfallzentren sollen sich mit den Terminservicestellen vernetzen. So soll es nach Angaben Lauterbachs möglich werden, dass man dort direkt Termine für eine Weiterbehandlung angeboten bekommt. Die Reform solle in der ersten Jahreshälfte im Bundeskabinett auf den Weg gebracht werden und ab Anfang 2025 gelten.

Ärzte fordern zusätzliches Personal

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) lobte «positive Ansätze» - aber Lauterbach verfolge auch unrealistische Ideen. Besonders stören sich Deutschlands Kassenärzte an dem Vorhaben, dass sie - wie von Lauterbach geplant - rund um die Uhr das Angebot von Hausbesuchen organisieren sollen. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin, in deren Räumen Lauterbach seine Vorschläge vorstellte, bewertete die Pläne positiv. «Für mehr Leistungen sind mehr Ressourcen erforderlich», mahnte der KV-Vorsitzende Burkhard Ruppert allerdings. Zusätzliches Personal und ausreichende Finanzierung seien nötig.

Der während der Corona-Pandemie bekanntgewordene Intensivmediziner Christian Karagiannidis forderte Tempo bei der geplanten Reform. «Schaut man sich an, wer in die Notaufnahmen in Deutschland kommt, dann zeigt sich, dass dort extrem viele 80- bis 90-Jährige hinkommen», sagte Karagiannidis der «Ärzte Zeitung» (Dienstag, online). Häufig stehe bei ihnen mehr ein Versorgungsproblem im Vordergrund als eine schwere Erkrankung.

Kassen: 730 Notfallzentren nötig

Überwiegend positiv reagierten die Krankenkassen auf die Vorschläge. Stefanie Stoff-Ahnis, Vorständin des GKV-Spitzenverbandes, sagte: «Entscheidend ist eine bessere Verteilung in ländlichen Gebieten, damit für alle Menschen ein Integriertes Notfallzentrum in erreichbarer Nähe liegt», so die Kassenverbands-Vorständin.

«Gleichzeitig ist der Überversorgung in Ballungsräumen zu begegnen.» Einer Modellrechnung zufolge seien deutschlandweit künftig rund 730 integrierte Notfallzentren nötig. Laut offizieller Statistik behandelten 2022 mehr als 960 Kliniken fast 11 Millionen Notfälle ambulant auf Kassenkosten.

Lob und Kritik

Die AOK-Chefin Carola Reimann forderte, dass die Notfallzentren von niedergelassenen und Klinikärzten generell gemeinsam betrieben werden müssten, um «Verteilungskämpfe» zu verhindern. Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte, heute gebe es «eine toxische Gleichzeitigkeit von Über-, Unter- und Fehlversorgung».

Durch die Pläne könnten auch Notfälle, «die die Strukturen eines Krankenhauses, nicht aber einen Aufenthalt in einem solchen brauchen, zukünftig besser versorgt werden». Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, kritisierte, Lauterbach setze auf funktionierende Patienten.

«Denn die Erkrankten müssen am Telefon die richtigen Angaben machen können, um eine bedarfsgerechte Behandlung zu erhalten.» Die Vorsitzende des Sozialverband Deutschland, Michaela Engelmeier, lobte hingegen die geplant «bessere Vernetzung» der beteiligten Bereiche der Notfallversorgung.

Politik / Gesundheit / Krankenhäuser / Notfälle / Notaufnahme / Rettungswagen / Karl Lauterbach / Deutschland
16.01.2024 · 16:49 Uhr
[3 Kommentare]
Justizzentrum Halle (Saale) (Archiv)
Berlin - Der Deutsche Richterbund hat davor gewarnt, dass sich das geplante Gesetz zum Schutz von Frauen vor Gewalt als "Papiertiger" entpuppen könnte. "Die Regierungschefs der Länder müssen vom Fordern ins Handeln kommen", sagte Richterbund-Geschäftsführer Sven Rebehn den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Mittwochausgaben). "Das jetzt von der […] (00)
vor 40 Minuten
Ozzy Osbourne
(BANG) - Das ehemalige Haus von Ozzy Osbourne in Malibu ist bei den verheerenden Waldbränden, die im vergangenen Jahr über Kalifornien hinwegfegten, "abgebrannt". Der Black-Sabbath-Star besaß früher ein Strandgrundstück in dem Küstenort, verkaufte es jedoch 2012 für knapp unter 8 Millionen Dollar. Kurz darauf entschied sich der Rocker, mit seiner Frau […] (01)
vor 8 Stunden
Screenshot von «Resident Evil: Requiem»
Hamburg/Berlin (dpa/tmn) - Seit ihren Anfängen im Jahr 1996 ist die «Resident Evil»-Reihe fester Bestandteil des Horror-Game-Genres. Die Serie erlebte mit dem actionlastigen und genreprägenden vierten Teil 2005 ihr Hoch, Tiefpunkt war der unter Fans umstrittene sechste Teil 2012. Nun hat Entwickler Capcom die Reihe durch eine Rückkehr zu ihren Survival- […] (00)
vor 1 Stunde
Capcom kündigt neue Inhalte für Resident Evil Requiem an
Capcom hat eine neue Videobotschaft zum Horror Spiel Resident Evil Requiem veröffentlicht. Darin spricht Director Koshi Nakanishi über kommende Inhalte und die nächsten Updates für den Titel. Neben technischen Verbesserungen kündigte er mehrere neue Features an, darunter einen Fotomodus, ein neues Minispiel und zusätzliche Story Inhalte. Das Spiel […] (00)
vor 6 Stunden
«War Machine» erobert Platz 1 der Top 10 dieser Woche
«The Dinosaurs» debütiert mit einem Paukenschlag, und die sinnliche Serie Vladimir entfacht eine neue Obsession. Die Army Rangers nehmen es in dem neuen Science-Fiction-Militär-Actionfilm War Machine mit einem außerirdischen Feind auf. Der Film debütiert mit 39,3 Millionen Aufrufen auf Platz 1 der Top 10 der englischen Filmliste in 93 Ländern. Alan Ritchson spielt einen Kampfingenieur, der nur […] (00)
vor 1 Stunde
Iran-Krieg - Irans Fußballerinnen
Canberra (dpa) - Eine weitere iranische Fußballerin sowie ein Mitglied des Teams haben nach dem Aus beim Asien Cup Asyl in Australien erhalten. Das teilte Innenminister Tony Burke in der Hauptstadt Canberra mit. Beide seien nun wieder mit fünf Fußballerinnen vereint, die bereits vor der Rückreise der Auswahl in die Heimat humanitäre Visa erhalten […] (01)
vor 1 Stunde
bitcoin, cryptocurrency, blockchain, digital, investment
Bitcoin hat die obere Grenze seiner aktuellen Handelsspanne erreicht, was den Markt an einen kritischen Entscheidungspunkt bringt. Während ein Ausbruch nach oben weiteres Potenzial eröffnen könnte, warnen Analysten davor, dass ein Scheitern an dieser Marke zu einer scharfen Ablehnung führen könnte. Sollte Verkaufsdruck bei diesen Höchstständen […] (00)
vor 54 Minuten
Nächster Schritt zur Wertschöpfung aus Titandioxid-Vorkommen?
Lüdenscheid, 10.03.2026 (PresseBox) - Green Bridge Metals Corp. (ISIN: CA3929211025; WKN: A3EW4S), Green Bridge oder das Unternehmen, gibt bekannt, dass das Unternehmen plant, ausgewählte Diamantbohrkerne aus seinem Projekt “Titac” in Minnesota an ein kanadisches Labor zu schicken, sodass dort metallurgische Untersuchungen mit einem Schwerpunkt auf der […] (00)
vor 6 Stunden
 
Gordon Schnieder (Archiv)
Mainz - Der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz, Gordon […] (00)
Amtsgericht (Archiv)
Halle (Saale) - Die Zahl der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften in […] (01)
Prozess wegen Kindesmissbrauch
Braunschweig (dpa) - Aussage gegen Aussage: Ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter hat […] (03)
Cem Özdemir und Manuel Hagel am 08.03.2026
Berlin - Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner hat Vorstellungen aus der Union […] (01)
Catherine, Prinzessin von Wales
(BANG) - Catherine, Prinzessin von Wales, feierte zum Internationalen Frauenkampftag […] (00)
Wie diese Billig-Waffe die USA jetzt in die Knie zwingt
Die Massenproduktion der Shahed-Drohnen verändert das strategische Gleichgewicht […] (07)
Resident Evil 10 könnte 2029 erscheinen – Das RE1 Remake ist noch weit entfernt
Die Resident-Evil-Community lebt von Gerüchten, Spekulationen und dem gelegentlichen […] (00)
Atalanta Bergamo - Bayern München
Bergamo (dpa) - Die superstarken Bayern um Fußball-Zauberer Michael Olise ließen […] (05)
 
 
Suchbegriff