Putin soll Giftmord an Litwinenko gebilligt haben

21. Januar 2016, 18:02 Uhr · Quelle: dpa

London/Moskau (dpa) - Der Vorwurf schlägt hohe Wellen in London und Moskau: Russlands Präsident Wladimir Putin hat einem Untersuchungsbericht zufolge «wahrscheinlich» den Mord an Kreml-Gegner Alexander Litwinenko gebilligt.

Der im Londoner Exil lebende Russe war 2006 mit radioaktivem Polonium 210 vergiftet worden. Den Mord habe «sehr wahrscheinlich» der russische Geheimdienst FSB in Auftrag gegeben, Putin habe «wahrscheinlich» zugestimmt, heißt es in dem in London vorgelegten Abschlussbericht einer öffentlichen gerichtlichen Untersuchung.

Der britische Premierminister David Cameron sprach von einer «entsetzlichen» Tat und drohte ein härteres Vorgehen gegen Moskau an, nannte aber keine Einzelheiten. Allerdings fügte er hinzu, London müsse auch künftig «eine Art von Beziehung» mit Moskau haben.

Die britische Regierung nannte die Ergebnisse «tief verstörend» und verurteilte die Tat als «inakzeptablen Bruch internationalen Rechts». Innenministerin Theresa May gab bekannt, dass Guthaben der beiden tatverdächtigen Russen Andrej Lugowoi und Dmitri Kowtun eingefroren würden. Russland lehnt ihre Auslieferung strikt ab. Cameron werde mit Putin über den Fall sprechen, kündigte May an. Der russische Botschafter Alexander Jakowenko wurde einbestellt.

Leider könne der Bericht das bilaterale Verhältnis noch stärker belasten, warnte Russlands Präsidentensprecher Dmitri Peskow. Russische Geheimdienste seien nicht verwickelt. «Der Bericht basiert auf Formulierungen wie "möglich" und "wahrscheinlich" und kann die Atmosphäre der Beziehungen vergiften», sagte Peskow der Agentur Interfax in Moskau. Die englischen Ermittlungen seien nicht objektiv.

Das Ergebnis des «Pseudogerichtsverfahrens» sei «widersprüchlich und verbrecherisch», erklärte das Außenministerium in Moskau. «Das Spiel hinter den Kulissen hatte nur ein Ziel: Russland und seine Führung anzuschwärzen», sagte Sprecherin Maria Sacharowa der Agentur Interfax zufolge. «Erwartungsgemäß gab es keine Sensation», sagte der frühere Geheimdienstler und heutige Duma-Abgeordnete Lugowoi, die Vorwürfe seien «absurd». Kowtun warf dem leitenden Richter Robert Owen vor, auf Grundlage «gefälschter Beweise» entschieden zu haben.

Beweise für das Mitwissen oder die Zustimmung Putins legte Richter Owen nicht vor. Für seine Schlussfolgerung spräche aber die Kommandostruktur des Geheimdienstes, über die Zeugen in den Anhörungen gesprochen hatten. Für erwiesen hält er, dass Lugowoi und Kowtun ihren Landsmann Litwinenko absichtlich töteten, indem sie seinen Tee mit dem radioaktiven Gift verseuchten.

Litwinenko gehörte zu den schärfsten Kritikern des Kremls. Unter anderem hatte er den Geheimdienst beschuldigt, für Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland verantwortlich zu sein, die 1999 einen Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Krieg liefern sollten. Seine Frau Marina hatte die gerichtliche Untersuchung gegen den Willen der britischen Regierung durchgesetzt. Auf dem Sterbebett hatte Litwinenko Putin beschuldigt, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. Sie sei froh, dass dies nun bestätigt worden sei, sagte die Witwe.

Der ehemalige Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolai Kowaljow, fürchtet negative Folgen für den internationalen Kampf gegen den Terrorismus. Ein massiver diplomatischer Konflikt zwischen Moskau und London helfe nur «Terroristen wie dem Islamischen Staat», sagte Kowaljow, der den FSB von 1996 bis 1998 leitete.

Spionage / Kriminalität / Großbritannien / Russland
21.01.2016 · 18:02 Uhr
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