Protestwelle im Iran: Wirtschaftskrise entfesselt landesweite Demonstrationen

Im Iran dauern die massiven Proteste gegen die desolate Wirtschaftslage und die autoritäre Staatsführung nun schon den fünften Tag an. Während die Metropolen durch ein beträchtliches Aufgebot an Sicherheitskräften unter Druck stehen, setzt der Staat in ländlichen Gebieten auf rigoroses Durchgreifen. Bisher kosteten die Unruhen mindestens drei Menschen das Leben. Präsident Massud Peseschkian versuchte bei einem Besuch in der Provinz, das Gespräch mit den Bürgern zu suchen. Besonders in den ländlichen Regionen haben seit Mittwochabend intensive Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften stattgefunden. Laut Menschenrechtsorganisation Hengaw starben zwei Demonstranten in Lordegan im zentralen Süden. Auch die staatsnahe Agentur Fars berichtete von zwei Toten bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Stadt. Unstimmigkeiten zwischen Menschenrechtlern und Staatsmedien über die Geschehnisse prägen die Lage. In Kuhdascht, Provinz Lorestan, kam ein 21-Jähriger ums Leben, was von staatlicher Seite als Verlust eines Basidsch-Mitglieds bewertet wurde. Hengaw hingegen widerspricht dieser Darstellung und erklärt, der Getötete sei ein gewöhnlicher Bürger gewesen, der von Sicherheitskräften erschossen wurde. Unabhängige Verifizierung dieser Ereignisse steht noch aus.
Darüber hinaus meldeten Aktivisten weitere schwere Unruhen in den Provinzen Fars, Tschahar Mahal und Bachtiari sowie Kermanschah. In Marwdascht beispielsweise demonstrierten Menschen mit Hupkonzerten, während paramilitärische Kräfte schwer bewaffnet gegen sie vorgingen. Die genaue Zahl der Teilnehmer ist in dem rund 90 Millionen Einwohner zählenden Land schwer zu bestimmen. Die Proteste begannen mit einem plötzlichen Kurseinbruch des Rial am vergangenen Sonntag und fanden vor allem bei Händlern in Teheran Widerhall. Mittlerweile erfassen sie jedoch auch andere gesellschaftliche Schichten und Landesteile. Studierendenverbände, die traditionell eine aktive Rolle in früheren Protesten spielten, mobilisieren ebenfalls.
Präsident Peseschkian, der während seines Besuchs in Tschahar Mahal und Bachtiari selbstkritische Töne anschlug, warnte vor politischer Spaltung und stellte Wirtschaftsreformen in Aussicht. Er kündigte an, Subventionen, die Importeure begünstigen, abzuschaffen und die Einsparungen direkt den Endverbrauchern zukommen zu lassen. Der moderate Konservative räumte offen eine Mitverantwortung von Staat und Banken an der hohen Inflation ein und beschrieb diese als Ursache für die schwindende Kaufkraft der Bevölkerung. "Unser Platz in der Hölle ist, wenn wir die Probleme der Lebensgrundlage der Menschen nicht lösen", so Peseschkian in Anspielung auf die kritische Lage im Land.

