Aufklärung

Portal für Missbrauchsopfer - Das Schweigen wird gebrochen

16. Januar 2024, 15:00 Uhr · Quelle: dpa
Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat ein Portal mit den Geschichten Betroffener aufgebaut. Es geht nicht nur um Einzelschicksale. Die Gesellschaft soll hinhören.

Berlin (dpa) - Katharina war sieben Jahre alt, als ihr Lehrer sie nach dem Unterricht dabehielt. Sie sei etwas ganz Besonderes, erzählte ihr der Mann. Dann ging es los. «Der Lehrer fing an, mich im Intimbereich zu berühren und sich daran zu erfreuen.» So erzählte es die Frau Jahrzehnte später der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Katharinas Geschichte ist eine von mehr als 100, die die Kommission inzwischen auf einem eigenen Portal veröffentlicht hat - eines der zentralen Projekte der Jahre 2019 bis 2023, zu denen das Gremium jetzt Bilanz zog. Einer von sieben Erwachsenen hat nach Angaben der Kommission Missbrauch erlebt. Betroffenen Gehör zu schenken und Hilfe zu vermitteln, ist Auftrag des 2016 gegründeten Gremiums. Rund 2600 Menschen vertrauten sich ihm bis Ende 2023 an. Vor allem aber geht es darum, Bedingungen aufzuzeigen, die Missbrauch begünstigen, und gegenzusteuern, Schweigen und Vertuschung aufzubrechen.

Hoffnung auf «gesellschaftlichen Lernprozess»

«Wir hören zu und wir vermitteln Anerkennung für geschehenes Unrecht», sagte Kommissionsmitglied Barbara Kavemann bei der Vorstellung des Tätigkeitsberichts. «Seitens der Betroffenen besteht die explizite Erwartung, dass sie zu einem gesellschaftlichen Lernprozess und zu einem gesellschaftlichen Wandel beitragen, wenn sie denn die Anstrengung auf sich nehmen und ihre Lebensgeschichte öffentlich machen.» Es gehe ihnen auch um besseren Schutz für Kinder und Jugendliche heute und in Zukunft.

Vieles ist aus Sicht der Kommission in den vergangenen Jahren in Bewegung gekommen, etwa beim Thema Missbrauch im Sport. So werde derzeit ein Zentrum «Safe Sport» entwickelt, unter Mitwirkung des Vereins Athleten Deutschland. Auch bei der Aufarbeitung von Missbrauch in pädosexuellen Netzwerken erkennt die Kommission Fortschritte. Die Schulen hinken hingegen aus Sicht des Gremiums hinterher. «Wir bedauern sehr, dass bislang in diesem Bereich noch keine Aktivitäten von Verantwortlichen erkennbar sind, Aufarbeitung zum Thema von Schulen zu machen», sagte Kavemann. «Die Bildungsverwaltung könnte hier eine staatliche Vorbildfunktion übernehmen.»

Schule kann auch Schutzraum sein

Dabei sind Schulen nicht nur Tatort, etwa wenn Lehrer oder Lehrerinnen, Betreuerinnen oder Betreuer Jungen oder Mädchen missbrauchen. Schulen könnten auch Schutzräume sein, erfuhr die Kommission. So berichtete eine Frau namens Johanna den professionellen Zuhörern, dass sie zuhause erst von ihrem Opa und später von ihrem Vater missbraucht wurde.

Als sie ihrer Mutter von der sexuellen Gewalt durch ihren Großvater berichtete, wusste die sofort Bescheid - aus eigener Erfahrung. Vom Missbrauch der Tochter durch den eigenen Mann wollte die Mutter hingegen nichts hören. Erst in der Schule fand Johanna Gehör. «Ich war immer wieder in Gedanken, konnte mich nicht auf den Unterricht konzentrieren und starrte aus dem Fenster», erzählt sie auf dem Portal der Kommission. «Meine Lehrerin sprach mich an und ich erzählte ihr von dem Missbrauch durch meinen Opa. Ich bekam einen Rückzugsort. Ich konnte mich in einem Raum hinlegen und Ruhe tanken.»

Die Erfahrung der Betroffenen trage dazu bei zu verstehen, warum sexualisierte Gewalt passieren könne und warum niemand eingreife, sagte Kommissionsmitglied Stephan Rixen. Die Kommission selbst sei nötig als Motor, damit das Thema Aufarbeitung präsent bleibe - «weil wir, wenn ich so sagen darf, eine Art produktiver Störfaktor sind, so eine Art kritisches Widerlager», sagte Rixen. «Wir merken schon auch, dass in manchen gesellschaftlichen Bereichen es Widerstände immer noch gibt, dass es auch Abwehr gibt bei diesem schwierigen Thema.» Die Kommission sei keine Staatsanwaltschaft und kein Untersuchungsausschuss, habe aber «kommunikative Kraft».

«Die Aufarbeitung ist nicht vorbei»

Die Arbeit zeige Wirkung, sagte die frühere PDS-Abgeordnete Angela Marquardt, die im Betroffenenbeirat sitzt. Nach einer Anhörung zu Missbrauch im Sport sei zum Beispiel ein Netzwerk von Betroffenen entstanden. «Das sind die jüngeren Fälle, das sind die Fälle von heute», sagte Marquardt. Es gebe inzwischen zwei Anlaufstellen. «Und ich darf Ihnen sagen, dass fast täglich Anrufe eingehen.» In Institutionen wie im Sport habe sich das Bewusstsein verändert. Daraus ergäben sich Debatten, daraus erwachse aber auch Mut von Betroffenen, sich an die Stellen zu wenden. Das bedeute aber auch: «Wir kriegen natürlich auch immer mehr Fälle in der Gegenwart.»

Die Aufarbeitung bleibe ein Dauerthema, sagte auch Sabine Bergmann, die 2010 von der Bundesregierung zur Missbrauchsbeauftragten berufen wurde und Ende 2023 als Mitglied der Unabhängigen Kommission ausschied. «Es hat sich eine Menge bewegt in dieser Zeit, aber es ist auch nicht vorbei. Aufarbeitung ist nicht vorbei.» Die Arbeit der Kommission wurde zuletzt bis Ende 2025 verlängert und soll gesetzlich so abgesichert werden, dass sie auf Dauer weitergehen kann.

Die Kommission brauche mehr Rechte zur Aufklärung, zugleich müssten das Thema und Schutzkonzepte noch stärker gesellschaftlich verankert werden, sagte Bergmann. «Mein Alptraum ist ja immer, dass dann in 30 Jahren wieder eine Unabhängige Beauftragte dasitzt und eine Anhörung macht von 50-Jährigen (mit Missbrauchserfahrung).»

Familie / Kriminalität / Kinder / Missbrauch / Gewalt / Deutschland
16.01.2024 · 15:00 Uhr
[0 Kommentare]
Landtagswahl in Baden-Württemberg
Stuttgart (dpa) - Dass Grüne und CDU in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren recht geräuschlos miteinander regierten, kann in diesen Tagen leicht in Vergessenheit geraten. Nach dem ultraknappen Ausgang der Landtagswahl ist die Stimmung zwischen den Parteien frostig wie lange nicht. Die CDU wirft den Grünen nach wie vor eine «Schmutzkampagne» im […] (00)
vor 22 Minuten
Franz Ferdinand
(BANG) - Franz Ferdinand haben die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) scharf kritisiert, nachdem ihr Hit 'Take Me Out' ohne Genehmigung in einem neu veröffentlichten Militärvideo verwendet wurde, das jüngste Angriffe im Iran bewirbt. In dem Clip läuft der Song aus dem Jahr 2004 über Aufnahmen von Kampfjets, Explosionen und einem israelischen […] (02)
vor 11 Stunden
App «Fairscan»
Berlin (dpa/tmn) - Multifunktionsdrucker oder gar Flachbettscanner sind nicht gerade platzsparende Geräte. Ganz zu schweigen davon, dass man sie unterwegs nicht zur Hand hat, wenn man sie gerade braucht. Gut, dass es Apps gibt, die diesen Job übernehmen und die man auf dem Smartphone immer dabeihaben kann. Eine praktische, simple und intuitive Open- […] (00)
vor 4 Stunden
FATAL FRAME 2: Crimson Butterfly REMAKE im Test: Ein Zwilling kommt selten allein
FATAL FRAME 2: Crimson Butterfly REMAKE ist, wie der Name schon sagt, eine Neuauflage des beliebten Spiels Project Zero 2: Crimson Butterfly von 2003. Die Fatal Frame, oder in der EU lange bekannt als Project Zero, erfreute sich bei vielen Horror-Fans großer Beliebtheit. Irgendwann wurde es allerdings recht ruhig um die Reihe, nachdem die Titel […] (00)
vor 2 Stunden
«Only Margo»: Apple TV zeigt Trailer zur neuen Serie von David E. Kelley
Die neue Dramedyserie mit Elle Fanning in der Hauptrolle startet Mitte April beim Streamingdienst Apple TV. Der Streamingdienst Apple TV hat den Trailer zur neuen Dramedyserie Only Margo (Originaltitel: «Margo’s Got Money Troubles») veröffentlicht. Die achtteilige Produktion stammt vom mehrfachen Emmy-Preisträger David E. Kelley und wird am 15. April 2026 mit den ersten drei Episoden starten. […] (00)
vor 4 Stunden
Iran-Krieg - Irans Fußballerinnen
Gold Coast (dpa) - Fünf Mitglieder der iranischen Frauenfußball-Nationalmannschaft haben in Australien Asyl erhalten. Wie der australische Innenminister Tony Burke mitteilte, sei die Bearbeitung ihrer humanitären Visa abgeschlossen worden.  Zuvor hatte sich bereits US-Präsident Donald Trump für die fünf Spielerinnen, die mit dem iranischen Team beim […] (02)
vor 6 Stunden
bitcoin, crypto, stock, chart, trading, investing, analysis, iphone, finance, growth
Der Bitcoin-Kurs hat sich von der Unterstützungszone bei $65.500 erholt und konsolidiert derzeit. Es besteht die Möglichkeit, dass er weitere Gewinne über $69.500 anstrebt. Bitcoin hat eine Erholungswelle über der Marke von $67.500 gestartet. Der Kurs handelt über $68.000 und dem 100-Stunden-Durchschnitt. Eine wichtige Abwärtstrendlinie mit […] (00)
vor 1 Stunde
Erzähl mir was! Rundgang für Menschen mit Demenz und ihre Begleitpersonen
Mainz, 09.03.2026 (lifePR) - Wir laden zu einem kostenlosen Rundgang für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ein. Im Sinne der teilhabe-orientierten Vermittlung stehen die Geschichten und Assoziationen der Besucher*innen im Mittelpunkt. Das sinnliche Erleben und die Freude an Kunst geht nicht verloren, auch wenn es Menschen zunehmend schwerer […] (00)
vor 10 Stunden
 
Suche nach Flug MH370
Kuala Lumpur (dpa) - Zwölf Jahre nach dem Verschwinden des Fluges MH370 der Malaysia […] (02)
Ursula von der Leyen
Brüssel (dpa) - EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fordert angesichts der […] (01)
Stimmzettel zur Bundestagswahl 2025 (Archiv)
Berlin - Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Steffen […] (02)
Iran-Krieg - Libanon
Brüssel (dpa) - Bundeskanzler Friedrich Merz hat wegen des Iran-Kriegs ein düsteres […] (00)
Viaplay bringt ukrainische Krimiserie «Double Stakes» in die USA
Der europäische Streamingdienst Viaplay startet am 19. März die ukrainische Actionserie «Double […] (00)
kostenloses stock foto zu aktienmarkt, bargeldlos, berlin
Die internationale Kryptowährungsbörse Toobit hat eine Kampagne im Wert von 200.000 […] (00)
Pokémon Blattgrün und Feuerrot im Test: Zurück nach Kanto
Mit der Rückkehr von Pokémon Feuerrot und Pokémon Blattgrün auf der Nintendo Switch […] (00)
Angriff auf Mädchenschule im Iran
Teheran/New York (dpa) - Investigativjournalisten haben Zweifel an der Behauptung von […] (02)
 
 
Suchbegriff