Peking denkt um: Nahostkrise bringt Pipelineprojekt mit Russland zurück auf die Agenda
Die jüngsten Spannungen im Nahen Osten haben Pekings Interesse an der lange blockierten Pipeline „Power of Siberia 2“ neu entfacht. Das Projekt, das russisches Erdgas über eine Landverbindung nach China bringen soll, stockte bislang wegen Preisstreitigkeiten und chinesischer Vorbehalte gegenüber einer zu großen Abhängigkeit von Moskau. Doch die militärische Unsicherheit rund um die Straße von Hormus zwingt China zum Umdenken – trotz eines fragilen Waffenstillstands zwischen Israel und Iran.
Nach Angaben der Beratungsfirma Rystad Energy laufen aktuell rund 30 % der chinesischen Gasimporte über den Seeweg durch die Straße von Hormus – ein geopolitischer Flaschenhals, dessen potenzielle Blockade nicht nur LNG-Lieferungen aus Katar, sondern auch große Teile der chinesischen Ölimporte treffen würde. Ein erheblicher Teil davon stammt aus Iran, dessen Exportvolumen trotz US-Sanktionen auf über 90 % Richtung China geht.
Die Regierung in Peking sieht sich angesichts dieser Abhängigkeit zunehmend nach stabileren Versorgungsrouten um. „Die militärische Volatilität in der Region hat Chinas Führung die geopolitischen Vorteile einer Pipeline ins Bewusstsein gerufen“, sagt Alexander Gabuev vom Carnegie Russia Eurasia Center. Der russische Präsident Wladimir Putin will das Thema beim nächsten Treffen mit Xi Jinping im Herbst in Peking aktiv aufs Tableau bringen.
Für Moskau ist das Projekt strategisch überlebenswichtig: Seit dem Verlust des europäischen Gasmarkts nach der Invasion in die Ukraine hängt Russland in steigendem Maße von China als Abnehmer ab. Der Bau der 1.800 Meilen langen Leitung könnte den Export deutlich ausweiten – Voraussetzung ist ein politischer Durchbruch bei zentralen Streitpunkten. Dazu zählen vor allem Chinas Forderung nach Beteiligungen an der Infrastruktur sowie Preisfragen, bei denen Moskau bislang wenig kompromissbereit war.
Dass sich an dieser Konstellation nun etwas ändern könnte, liegt nicht zuletzt am brüchigen Zustand des Energiemarktes in der Golfregion. Zwar gilt ein vollständiger Stopp der Tankerschifffahrt in der Straße von Hormus als unwahrscheinlich – zu stark ist auch Irans Eigeninteresse an der Route. Doch selbst die Aussicht auf eine kurzzeitige Unterbrechung hat Peking offenbar gereicht, um neue Prioritäten zu setzen.
Hinzu kommt das geopolitische Umfeld: Der Handelskonflikt mit den USA hat den LNG-Handel mit Washington weitgehend zum Erliegen gebracht. Gleichzeitig sucht China nach Wegen, die vielbeschworene „grenzenlose Freundschaft“ mit Russland durch konkrete Projekte zu untermauern – auch als Gegengewicht zu Versuchen der USA, einen Keil zwischen die beiden Regime zu treiben.
Selbst wenn sich beide Seiten auf eine Umsetzung einigen, wäre eine Inbetriebnahme der „Power of Siberia 2“ frühestens in fünf Jahren realistisch. Dennoch sendet das chinesische Interesse ein klares Signal: Die Sicherheitslage in der Golfregion verschiebt die strategischen Energieachsen – zugunsten Moskaus, zumindest mittelfristig.

