Neue Indizien im Wirecard-Prozess: EY-Ermittlungen weisen auf Versäumnisse hin
Im fortschreitenden Wirecard-Prozess kommen immer mehr Details ans Licht, die aufdecken, dass die dubiosen Geschäfte des einstigen Zahlungsdienstleisters schon Jahre vor dessen Zusammenbruch hätten entdeckt werden können. Sonderermittler der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY stießen bereits 2016 auf verdächtige Vorgänge, unter anderem Millionenkredite, die die Wirecard-Bank ohne Sicherheiten vergab.
Ein EY-Mitarbeiter erklärte heute im Zeugenstand, dass ein Krankenwagenfahrer in Dubai sechs Millionen Dollar unbesichert erhalten habe. Darüber hinaus stellten die Ermittler 2016 und 2017 im Rahmen einer Sonderuntersuchung Hinweise auf Manipulationen bei der Übernahme des indischen Zahlungsdienstleisters Hermes durch Wirecard fest.
Der Zeuge, ein Forensiker bei EY, spezialisierte sich auf Unregelmäßigkeiten in Unternehmen. Laut seiner Aussage starteten er und sein Team auf Veranlassung des Wirecard-Vorstands eine Sonderuntersuchung namens „Projekt Ring". Dies geschah, nachdem ein Whistleblower schriftlich informierte, dass das Wirecard-Management bei der Hermes-Übernahme Scheinumsätze ausgewiesen habe.
Obwohl die Forensiker Indizien fanden, die die Vorwürfe unterstützten, wurde das „Projekt Ring“ auf Anweisung des damaligen Vertriebsvorstands Jan Marsalek eingestellt, bevor Abschlussberichte erstellt wurden. Der Zeuge betonte, dass aus ihrer Sicht die Untersuchung nicht abgeschlossen war.
Dennoch erteilte der separate Bereich der EY-Bilanzprüfer Wirecard ein uneingeschränktes Testat für das Geschäftsjahr. Warum die Prüfer dies taten, konnte der Zeuge nicht erläutern: „Am Ende ist das die Entscheidung der Abschlussprüfer.“ Heutzutage sieht sich EY mit zahlreichen Klagen von Wirecard-Aktionären konfrontiert, die Schadenersatz wegen der bis 2018 geprüften Bilanzen verlangen.
Auch ein ehemaliger Vorstand der Commerzbank berichtete im Prozess, dass die Bank 2019 aufgrund von Manipulationsverdacht die Geschäftsbeziehungen zu Wirecard beenden wollte. Die Anklage wirft dem früheren Wirecard-Chef Markus Braun, dem Manager Oliver Bellenhaus und dem Ex-Chefbuchhalter vor, über Jahre Scheinumsätze erfunden zu haben, um das Unternehmen solvent erscheinen zu lassen.
Während Braun alle Vorwürfe bestreitet, hat sich Bellenhaus weitgehend geständig gezeigt. Der bisher schweigende frühere Chefbuchhalter des Konzerns plant, sich nächste Woche erstmals zu äußern.

