Netzentgelt-Rabatte unter Druck – warum die Industrie nun nach Frankreich blickt
Streit um Stromnetzentgelte spitzt sich zu
Der geplante Kurs der Bundesnetzagentur sorgt seit Monaten für heftige Debatten. Präsident Klaus Müller hält die bisherigen Entlastungen für große Stromverbraucher für nicht mehr haltbar. Das europäische Beihilferecht lasse den aktuellen Zustand nicht dauerhaft zu, argumentiert die Behörde.
Die bestehenden Regelungen laufen zwar noch bis Ende 2028, doch bereits ab 2026 könnten Übergangsmodelle greifen. Für viele Industrieunternehmen geht es dabei um ihre Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich.
Frankreich als mögliches Gegenmodell
Neue Dynamik erhält die Debatte durch den Blick nach Frankreich. Dort hält der Staat bewusst an Netzentgelt-Rabatten für stromintensive Unternehmen fest. Die französische Regulierungsbehörde CRE verlängerte das Modell im Februar um weitere vier Jahre.
Besonders bemerkenswert: In einem Leitlinienpapier der EU-Kommission wurde das französische System ausdrücklich als vorbildlich bezeichnet. Damit zeigt sich, dass industrielle Entlastungen offenbar auch beihilferechtlich zulässig ausgestaltet werden können.
Rabatte von bis zu 81 Prozent möglich
In Frankreich profitieren nicht nur einzelne Großverbraucher, sondern auch Industrieverbünde wie Chemieparks. Voraussetzung ist ein vorhersehbares, stabiles Verbrauchsprofil. Unter bestimmten Bedingungen sind Netzentgelt-Rabatte von bis zu 81 Prozent möglich.
Im Gegenzug müssen Unternehmen einen Energieeffizienzplan vorlegen und ein Energiemanagementsystem betreiben. Jährlich ist nachzuweisen, ob die Vorgaben eingehalten werden. Das Modell ähnelt stark dem deutschen Bandlastprivileg, dessen Abschaffung derzeit diskutiert wird.
Bandlastprivileg im Zentrum der deutschen Debatte
Konkret geht es in Deutschland um Paragraf 19 der Stromnetzentgeltverordnung. Das sogenannte Bandlastprivileg gewährt hohen Nachlass bei Netzentgelten für Unternehmen, die mindestens 7000 Stunden im Jahr konstant Strom abnehmen.
Rund 400 Großabnehmer profitieren davon, vor allem aus Branchen wie Chemie, Aluminium, Kupfer oder auch Rechenzentren. Das jährliche Entlastungsvolumen liegt bei über einer Milliarde Euro.
Netzagentur fordert mehr Flexibilität
Aus Sicht der Bundesnetzagentur passt dieses Modell nicht mehr zu einem Stromsystem, das zunehmend von Wind- und Solarenergie geprägt ist. Statt gleichmäßiger Abnahme müsse künftig Flexibilität belohnt werden.
Klaus Müller argumentiert, das europäische Beihilferecht verlange eine Reform. Die Behörde prüft nun auch das französische Modell und steht dazu im Austausch mit der EU-Kommission.
Industrie und Juristen zweifeln an der Rechtslage
In der Industrie wächst der Widerstand. Holger Klaassen vom Kupferkonzern Aurubis hält die Argumentation der Netzagentur für nicht überzeugend. Der Blick nach Frankreich zeige, dass sich das Bandlastprivileg sehr wohl europarechtskonform weiterentwickeln lasse.
Auch Juristen äußern Zweifel. Der Energierechtler Franz Jürgen Säcker sieht die Behörde auf einem Irrweg. Das EU-Recht verlange eine gleichwertige Berücksichtigung von Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit. Eine Reform dürfe nicht dazu führen, dass Industrieunternehmen wirtschaftlich in die Knie gezwungen würden.
Drei Alternativen, wenig Zustimmung
Die Bundesnetzagentur skizzierte zuletzt drei mögliche Modelle: individuelle Netzentgelte bei marktnahem Verbrauchsverhalten, stärkere Anreize für Flexibilität über Speicher oder Rabatte gegen direkte Steuerungsmöglichkeiten für Netzbetreiber.
In der Praxis stoßen diese Vorschläge auf Skepsis. Viele Produktionsprozesse lassen sich nicht beliebig an schwankende Stromerzeugung anpassen, ohne Effizienz, Qualität oder Arbeitsschutz zu gefährden.
Niederlande als warnendes Beispiel
Welche Folgen ein harter Schnitt haben kann, zeigt ein Blick in die Niederlande. Dort wurde das Bandlastprivileg 2024 abgeschafft. In der Folge kam es zu mehreren Schließungen energieintensiver Betriebe, die Industrievertreter direkt auf die gestiegenen Netzentgelte zurückführen.
Für die deutsche Industrie steht daher viel auf dem Spiel. Der französische Ansatz nährt die Hoffnung, dass Entlastungen auch künftig möglich bleiben – wenn der politische Wille vorhanden ist.


