Nationalbank-Gouverneur Kocher für vorsichtige EZB-Zinspolitik
Martin Kocher, der neue Gouverneur der österreichischen Nationalbank, spricht sich im Vorfeld der nächsten EZB-Zinssitzung im September für eine besonnene Herangehensweise aus. Angesichts der gegenwärtigen Unsicherheiten, die durch den Handelskonflikt mit den USA und unterschiedliche Inflationsraten in der Eurozone verursacht werden, betont Kocher die Wichtigkeit, vorschnelle Zinsschritte zu vermeiden, die möglicherweise bald wieder rückgängig gemacht werden müssten.
Obwohl Kocher sich nicht dazu äußert, ob er für eine Beibehaltung oder Senkung des Zinssatzes eintritt, unterstreicht er die Vielfalt der Meinungen innerhalb des Rates. Einige Ratsmitglieder plädieren für Vorsicht in den kommenden Wochen, was dem frisch ernannten Notenbankchef zustimmt. Ein ständiges Auf und Ab der Zinsen wird als unzureichend angesehen.
Im Juli hatte die EZB nach einer Serie von Zinssenkungen eine Pause eingelegt und ihren Einlagensatz bei 2,0 Prozent belassen. Ziel der EZB bleibt es, die Inflation nahe bei 2 Prozent zu halten, während gleichzeitig die taumelnde Wirtschaft nicht gebremst werden soll. Österreich verzeichnet eine höhere Inflationsrate als der Eurozonen-Durchschnitt. Kocher erklärt, die zukünftige Geldpolitik werde maßgeblich von den bald erwarteten Wirtschaftsdaten aus der Eurozone abhängen. Allgemein wird eine fortgesetzte Pause der Zinsen im September erwartet.
Sollte die Geldpolitik an Österreich ausgerichtet werden, so wäre eine weniger expansive Politik nützlich, um die Differenz zwischen der Teuerungsrate in Österreich und der Eurozone anzugehen. Kocher betont, dass geldpolitische Entscheidungen allein nicht ausreichen, um das nationale Inflationsproblem zu lösen – es seien weitergehende wirtschaftspolitische Maßnahmen erforderlich.
Kocher legt einen hohen Wert auf Preisstabilität und erläutert, dass sich die bisherigen Richtlinien Österreichs unter seiner Führung nicht dramatisch ändern werden, es sei denn, die Gesamtlage wendet sich gravierend. Vorgänger Robert Holzmann galt als Anhänger einer restriktiven Geldpolitik, Österreich ist traditionell eher für solch eine straffe Linie bekannt. Kocher lehnt jedoch starre Zuordnungen ab, die seiner Meinung nach der Komplexität der Thematik nicht gerecht werden.
Für Kocher ist eine konsistente und langfristige Geldpolitik entscheidend, und er betont die Wichtigkeit datenbasierter Entscheidungen. Sollte es notwendig sein, ist er bereit, im EZB-Rat eine Minderheitsmeinung zu vertreten. Insgesamt betont er jedoch das Bestreben nach Einmütigkeit im Gremium, was auch für die Außenwirkung von Bedeutung ist. Ex-Nationalbankchef Holzmann, der bis Ende August den Chefposten bekleidete, hatte in der Vergangenheit häufig gegen die Mehrheitsmeinung bei Zinsentscheidungen gestimmt.

