«Nafri»: Ein Begriff bringt die Polizei in Erklärungsnot

03. Januar 2017, 09:58 Uhr · Quelle: dpa

Köln (dpa) - «Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen.» Dies twitterte die Kölner Polizei in der Silvesternacht kurz nach 23 Uhr. Im neuen Jahr muss sie sich nun gegen Kritik wehren - auch wegen dieses Tweets. Warum? Und was versteht die Polizei unter einem «Nafri»? Wichtige Fragen und Antworten im Überblick.

Was passierte in der Kölner Silvesternacht?

Massenhafte Übergriffe wie vor einem Jahr gab es nicht. Damals hatten enthemmte Männergruppen am Hauptbahnhof Frauen eingekesselt, sexuell angegriffen und beraubt. Viele Beschuldigte waren Nordafrikaner und Flüchtlinge. Als Reaktion schickte die Kölner Polizei ein Jahr später ein riesiges Polizeiaufgebot in den Einsatz, vor allem der Hauptbahnhof wurde überwacht. Am späten Samstagabend trafen dort nach Angaben der Polizei «mehrere Hundert Nordafrikaner» ein. Sie wurden festgehalten, ihre Papiere kontrolliert. Einige seien danach direkt wieder mit dem Zug weggefahren.

Was bedeutet «Nafri»?

Das Wort stammt aus dem Sprachgebrauch der Polizei. Eine trennscharfe Definition, was damit genau gemeint ist, gibt es aber nicht. Daher rühren auch in gewisser Weise die Verwirrung und Empörung nach dem Polizei-Tweet. «Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Nafri und Neger?» twittert etwa Satiriker Jan Böhmermann an Neujahr.

In der Vergangenheit wurde der Begriff von der Kölner Polizei meist verwendet, um «nordafrikanische Intensivtäter» zu beschreiben. Die «sogenannte Nafri-Szene» gehöre zu den Gruppen, die der Polizei Sorgen machten, sagte Polizeipräsident Jürgen Mathies noch im Dezember der Deutschen Presse-Agentur. Die Deutsche Bundespolizeigewerkschaft beschreibt das Wort ebenfalls als «eine Abkürzung für nordafrikanische Intensivtäter». Rassistisch sei es nicht gemeint.

Davon abweichend ist allerdings auch eine Definition im Umlauf, wonach das Wort allein eine ethnische Zugehörigkeit beschreiben soll - also Nordafrikaner, unabhängig von einer möglichen Straffälligkeit. In diese Richtung wird beispielsweise ein Polizeisprecher bei «Spiegel Online» zitiert.

Der Begriff ist also schon länger im Umlauf?

Ja. Die Kölner Polizei befasst sich schon seit langer Zeit mit Tätergruppen aus Nordafrika und gebraucht das Wort. In einem internen Schreiben, das vor der Silvesternacht 2015 - die letztlich im Chaos endete - verschickt wurde, heißt es etwa, es habe in den vergangenen Jahren bereits vermehrt Taschendiebstähle gegeben. «Dies dürfte maßgeblich auf die Täterklientel NAFRI zurückzuführen sein, die die günstigen Tatgelegenheitsstrukturen nutzen.» In der Stadt gibt es auch ein Hilfsprogramm für straffällig gewordene Jugendliche aus Nordafrika. Die lokalen Medien benutzen den Begriff seit Monaten.

Was sagt die Kölner Polizei zu dem umstrittenen Tweet?

Polizeipräsident Mathies spricht von einem «Arbeitsbegriff» innerhalb der Polizei. Eine Häufung an Straftaten von Personen aus dem nordafrikanischen Raum lasse sich nicht bestreiten - dafür müsse man dann intern auch ein Begriff finden. Die Verwendung in dem nächtlichen Tweet bedauert er. «Den Begriff finde ich sehr unglücklich verwendet hier in der Situation», sagte er dem WDR.

Worauf zielt die Kritik an der Polizei im Kern?

Hier sind zwei Stränge zu trennen: Die Kritik an der Polizeikontrolle an sich und jene am Begriff «Nafri» und dem Tweet. Sofern man «Nafri» mit Straftäter übersetzt, lässt sich der Tweet als Vorverurteilung begreifen. Er halte ihn auch für in hohem Maße «entmenschlichend», sagt SPD-Politiker Christopher Lauer.

Kritik an der Kontrolle nordafrikanisch aussehender Männer kommt von Grünen-Chefin Simone Peter. Es stelle sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, «wenn insgesamt knapp 1000 Personen alleine aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt» würden, sagte sie der «Rheinischen Post». Auch auf Twitter wird von «Racial Profiling» gesprochen. Das meint ein gezieltes Vorgehen der Polizei nach ethnischen Gesichtspunkten.

War es notwendig, die jungen Männer festzuhalten?

Dazu sagt die Kölner Polizei eindeutig: ja. Sie forderte sogar Verstärkung an, bei seinen ersten Statements in der Nacht wirkte Polizeipräsident Mathies erkennbar angespannt. Glaubt man den Schilderungen der Polizei, ähnelte die Ausgangslage der Situation von vor einem Jahr. Auch damals waren viele Männer nach Köln gereist, enthemmt geriet die Gruppe außer Kontrolle. Das Verhalten der Männer am Wochenende habe ebenfalls darauf schließen lassen, dass mit Straftaten zu rechnen gewesen sei, sagt die Polizei. Durch konsequentes Einschreiten sei genau das verhindert worden.

Polizei / Kriminalität / Jahreswechsel / Silvester / Deutschland
03.01.2017 · 09:58 Uhr
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