Merkel: Mit Tunesien «auf tragische Weise verbunden»

14. Februar 2017, 17:06 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Acht Minuten, zehn Sekunden. Das ist das Zeitfenster, das Kanzlerin Angela Merkel und Tunesiens Ministerpräsident Youssef Chahed am Dienstag für den schweren Gang zum Ort des Anschlags haben.

Im Dezember raste hier an der Berliner Gedächtniskirche ein junger Tunesier mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt und tötete zwölf Menschen. Immer noch stehen hunderte Kerzen auf den Stufen der Kirche, dazwischen liegen Zettel und Bilder, davor Blumensträuße, einige noch ganz frisch. «19.12. um 20.02» Uhr steht auf einem kleinen Plakat. Daneben hat jemand geschrieben: «Wir trauern».

Tunesien tut es auch, versichert Chahed in einer Pressekonferenz mit Merkel im Kanzleramt. Für ihn ist das ein schwieriger Besuch. Er weist die Verantwortung seines Landes für die islamistische Radikalisierung des Täters, Anis Amri, zurück. Dieser habe «seinen schrecklichen Anschlag 2016» begangen, also fünf Jahre nach seiner Ankunft in Europa. «Hier ist die Frage: Wie kam es zu dieser Gehirnwäsche, zu dieser Radikalisierung?», sagt Chahed. Und betont: «Anis Amri repräsentiert ganz sicher nicht Tunesien.»

Warum es aber so viele Monate gedauert hat, bis Tunesien die für Amris beschlossene Abschiebung nötigen Papiere schickte - sie kamen nach dem Terroranschlag an - sagt Chahed nicht.

In seinem Land protestieren viele Menschen gegen die Rücknahme sogenannter Gefährder, wie Amri einer war. Sie haben Angst, dass Tunesien - das nach den Umbrüchen in der Arabischen Welt 2011 als einziges Land der Region den Übergang zu einem demokratischen System nach westlichem Vorbild geschafft hat - destabilisiert wird.

Merkel sagt, durch das Attentat in Berlin seien Deutschland und Tunesien «auf tragische Weise» verbunden. Deutschland wisse auch, dass Tunesien unter schrecklichen Terroranschlägen zu leiden hatte. Hingegen wüssten viele nicht, wie viele Flüchtlinge Tunesien aus dem Nachbarland Libyen aufgenommen habe. Laut Chahed sind es weit mehr als eine Million. Dabei habe auch sein Land begrenzte Möglichkeiten.

Von Tunesien aus brechen nach EU-Angaben nur wenige Menschen in Richtung Europa auf (0,5 Prozent). Und auch in Deutschland beantragten 2016 - bis Ende November - nur wenige Tunesier Asyl (902). Aufgrund der relativ stabilen Lage im Land werden die allermeisten Anträge abgelehnt.

Union und SPD wollen Tunesien zum sicheren Herkunftsland erklären, um die Asylverfahren zu beschleunigen. Das scheitert bislang im Bundesrat an den Grünen, die Tunesien für gar nicht so sicher halten.

Amnesty International hat gerade erst einen neuen Bericht vorgelegt, wonach die Sicherheitsbehörden verstärkt auf frühere Methoden, wie zu Zeiten unter Diktator Ben Ali, zurückgriffen. Dazu zählten Folter, unrechtmäßige Verhaftungen und Hausdurchsuchungen, sowie das Drangsalieren von Familienmitgliedern von Verdächtigten. Auch darüber haben Merkel und Chahed nach deutschen Regierungsangaben gesprochen. Deutschland unterstütze die Finanzierung einer staatlichen Präventionsstelle gegen Folter, heißt es.

Zu Vorwürfen, die Europäische Union und sie persönlich betreibe mit Plänen zu Auffanglagern in nordafrikanischen Staaten und Flüchtlingsabkommen ähnlich wie mit der Türkei eine harte Abschottungspolitik, sagt Merkel erst einmal, das Wort «Auffanglager» gehöre gar nicht zu ihrem Sprachschatz. Ihr Ziel sei aber, dass Schlepper nicht mehr durch Menschenhandel reich werden und Flüchtlinge zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken. Staaten, die miteinander kooperierten, würden das nicht akzeptieren.

Eine umfassende Partnerschaft helfe den Menschen auch, ihre Zukunft im eigenen Land und nicht in Europa zu suchen und dafür den Weg etwa über Libyen wählen, wo die Lebensbedingungen unerträglich für Flüchtlinge seien. Doch Merkel, die einst als Flüchtlingskanzlerin gefeiert wurde, zeigt auch Härte. Wer als nicht schutzbedürftig eingestuft werde und nicht freiwillig zurückkehre, dem müsse auch Deutschland sagen: «Dann müssen wir es eben auch unfreiwillig tun.»

Chahed sagt, sogenannte Auffanglager in Tunesien seien nicht Teil des Gesprächs mit der Kanzlerin gewesen. Er wirbt um deutsche Touristen und würdigt den von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) angestoßenen Marshallplan für Afrika, durch den Länder Perspektiven und Hilfe für Bildung und Arbeit und Wirtschaft bekommen sollen.

Auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche hält die Wagenkolonne von Merkel und Chahed fast genau an der Stelle, wo Amri mit dem Lastwagen zum Stehen kam. Sie legen weiße Rosen nieder. Merkel kennt den Ort inzwischen gut. Mit mehreren ausländischen Gästen war sie hier, um zu erinnern und zu trauern. Nun zeigt sie auch dem tunesischen Regierungschef, aus welcher Richtung sein Landsmann kam und Menschen mit einer tonnenschweren Waffe überrollte. Auf dem Rückweg zu den Limousinen machen mehrere Männer, dem Anschein nach aus der tunesischen Delegation, Selfies mit Merkel. Chahed sitzt da schon in seinem Wagen.

International / Migration / Deutschland / Tunesien
14.02.2017 · 17:06 Uhr
[0 Kommentare]
Organspendeausweis (Archiv)
Frankfurt/Main - Im Jahr 2025 haben in Deutschland insgesamt 985 Menschen nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe gespendet. Das sind 32 mehr als im Jahr 2024 und entspricht 11,8 Organspendern pro Million Einwohner, teilte die Deutsche Stiftung Organtransplantation am Dienstag mit. Mit der Steigerung um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr erreicht die Organspende in Deutschland den höchsten Stand […] (00)
vor 14 Minuten
Sean 'Diddy' Combs
(BANG) - Sean "Diddy" Combs soll Berichten zufolge seinen mattschwarzen Privatjet Monate nach seiner Verurteilung wegen prostitutionbezogener Straftaten verkauft haben. Der 56-jährige Rap-Mogul verbüßt derzeit eine Haftstrafe von 50 Monaten, nachdem er im Juli 2025 in zwei Anklagepunkten wegen Beförderung zum Zweck der Prostitution schuldig gesprochen worden war. Nun heißt es, er habe sein […] (00)
vor 1 Stunde
Logos von KI-Firma xAI
Kuala Lumpur (dpa) - Malaysia will rechtlich gegen Elon Musks Plattform X und das Unternehmen xAI vorgehen wegen der vom KI-Chatbot Grok generierten sexualisierten Bilder. Hintergrund sind den Angaben zufolge Versäumnisse beim Schutz der Nutzerinnen und Nutzer. «Es wurden Anwälte beauftragt, und ein Gerichtsverfahren wird in Kürze eingeleitet», teilte die malaysische Kommunikations- und […] (00)
vor 4 Minuten
Boss-Kämpfe in Crimson Desert: So zwingt euch Pearl Abyss zum Umdenken
Mit dem Release am 19. März rückt der Tag der Wahrheit von Crimson Desert näher, und das Studio hat nun brisante Details enthüllt, wie sehr die Boss-Kämpfe uns aus unserer Komfortzone prügeln werden. Wer dachte, mit Button-Mashing durch Pywel zu kommen, wird eine böse Überraschung erleben. Staglord: Wenn Größe zur tödlichen Waffe wird In einem Interview mit GamesRadar ließ ein Sprecher des […] (00)
vor 1 Stunde
Paul Mescal
(BANG) - Paul Mescal ist "begeistert", an Sir Sam Mendes’ Beatles-Filmen zu arbeiten, weil sie ihm nach "verrückten sechs, sieben Jahren" ein Gefühl von "Stabilität" gegeben haben. Der 'Gladiator II'-Star spielt Sir Paul McCartney in 'The Beatles – A Four-Film Cinematic Event'. In dem Projekt sind außerdem Harris Dickinson als John Lennon, Joseph Quinn als George Harrison und Barry Keoghan als […] (00)
vor 1 Stunde
Josh Cavallo
Adelaide (dpa) - Der schwule australische Fußballer Josh Cavallo hat vier Jahre nach seinem Coming-out schwere Vorwürfe gegen Ex-Club Adelaide United erhoben. «Unter der neuen Führung wurde deutlich, dass ich aus politischen Gründen nicht mehr auf dem Platz stehen durfte. Es war schwer zu akzeptieren, dass mein eigener Verein homophob war», schrieb der 26-Jährige bei Instagram: «Ich war wütend, […] (01)
vor 1 Stunde
Massenproteste im Iran: Merz erwartet baldiges Ende der Staatsführung
Merz: Ein Regime ohne Zukunft Während seines Indien-Besuchs in Bengaluru äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz ungewöhnlich deutlich zur Lage im Iran. „Wenn sich ein Regime nur noch mit Gewalt an der Macht halten kann, dann ist es faktisch am Ende“, sagte der CDU-Politiker. Er gehe davon aus, dass man derzeit „die letzten Tage und Wochen dieses Regimes“ erlebe. Bereits zuvor hatte Merz das […] (00)
vor 29 Minuten
TORWEGGE spendet zu Weihnachten an lokales Kinderhospiz und Tierheim
Bielefeld, 13.01.2026 (PresseBox) -. Bielefelder Unternehmen spendet 3.000 Euro an lokale Einrichtungen Kinder- und Jugendhospiz Bethel begleitet schwerkranke Kinder und ihre Familien Tierheim Bielefeld bietet jährlich rund 2.000 Tieren ein vorübergehendes Zuhause  Die TORWEGGE GmbH & Co. KG führt ihre langjährige Tradition fort: Das Bielefelder Unternehmen verzichtet auch in diesem Jahr auf […] (00)
vor 1 Stunde
 
Wörterbuch (Archiv)
Marburg - Der Begriff "Sondervermögen" ist zum "Unwort des Jahres" 2025 gekürt worden. Der […] (01)
Hotel (Archiv)
Wiesbaden - Die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus dem Inland ist im November 2025 […] (00)
Sparkasse Gelsenkirchen-Buer
Düsseldorf/Gelsenkirchen (dpa) - Nach dem spektakulären Sparkassen-Einbruch mit Millionenbeute in […] (02)
Christoph Heusgen (Archiv)
München - Der frühere Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz Christoph Heusgen hat die […] (02)
Lily Allen schlägt nach der Trennung von David Harbour ein neues Kapitel auf.
(BANG) - Lily Allen schlägt nach der Trennung von David Harbour ein neues Kapitel auf. Die 40- […] (00)
Xabi Alonso
Madrid (dpa) - Die Ära der «Legende» Xabi Alonso ist bei Real Madrid nach nur 232 Tagen wieder […] (04)
Weitere 7.500 Starlink-Satelliten dürfen in die Umlaufbahn
Mehr als 9.000 aktive Starlink-Satelliten umkreisen zum heutigen Zeitpunkt bereits die Erde. […] (02)
Eine Million frei, der Rest teurer: Die explosive Debatte um die neue Erbschaftsteuer
Ein Freibetrag, der die Fronten verhärtet Kern des SPD-Konzepts ist ein lebenslanger […] (00)
 
 
Suchbegriff