Landstrompflicht in Häfen bedroht: LNG-Schiffe auf dem Prüfstand
Eine neue Studie, welche von der Umweltorganisation Nabu in Auftrag gegeben wurde, lenkt die Aufmerksamkeit auf ein unerwartetes Problem: Flüssiggasantriebe (LNG) auf Containerschiffen könnten die bevorstehende Landstrompflicht in europäischen Häfen ins Wanken bringen. Ab dem Jahr 2030 sollen größere Schiffe in allen bedeutenden EU-Häfen an das Landstromnetz angeschlossen werden, um emissionsarm von Landstrom betrieben zu werden und die Maschinen während ihrer Liegezeit abzuschalten. Doch die Untersuchung des Forschungsinstituts CE Delft weist darauf hin, dass LNG-betriebene Schiffe ihre Motoren nicht problemlos stilllegen können, ohne neue Emissions- oder Sicherheitsrisiken einzugehen, was die Effektivität der Landstrompflicht erheblich mindern könnte.
Das Problem liegt insbesondere in dem sogenannten Boil-Off-Gas, das bei der Lagerung von Flüssiggas entsteht. Bei minus 162 Grad Celsius heizt sich das Gas aufgrund des starken Temperaturgefälles auf und muss in Form von überschüssigem Boil-Off-Gas abgeführt werden, um einen gefährlichen Druckanstieg zu vermeiden. In der Regel geschieht dies durch Verbrennung, was jedoch die Umwelteffizienz der Landstromverbindung verpuffen lässt. Selbst bei Anschluss an emissionsfreien Landstrom müssen die Schiffe weiterhin überschüssiges Gas abführen, ohne es zur Energiegewinnung nutzen zu können. Der Nabu-Schifffahrtsexperte Sönke Diesener warnt, dass LNG damit zentrale Maßnahmen zur Emissionsminderung in den Häfen unterlaufen könnte.
Die Debatte um zukunftsfähige Schiffskraftstoffe ist damit wieder neu entfacht. Laut Nabu ist LNG keine nachhaltige Brückentechnologie. Die Umweltorganisation plädiert dafür, politische Bedingungen auf wirklich klimaneutrale Antriebe, wie grünes Ammoniak oder Methanol, zu fokussieren. Zudem müssten technische Standards, Hafeninfrastruktur und regulatorische Vorgaben eng aufeinander abgestimmt werden, um sicherzustellen, dass Emissionsminderungen in Häfen tatsächlich gelingen.
Die Schifffahrt trägt zu rund drei Prozent der globalen Treibhausgasemissionen bei. LNG wurde bisher aufgrund seiner geringeren Luftschadstoffemissionen als Alternative zu konventionellen Schiffstreibstoffen gesehen. Dennoch weist Nabu darauf hin, dass beim Betrieb von LNG-Schiffen Methan entweicht, das kurzfristig eine bis zu 85-mal stärkere Klimawirkung als CO2 entfalten kann.

