Russische Invasion

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

06. Januar 2023, 20:39 Uhr · Quelle: dpa
Nach dem Willen Moskaus sollte es eine Feuerpause geben. Doch es werden neue Kämpfe gemeldet. Russlands Ex-Präsident beschimpft die Ukrainer und die Bundesaußenministerin wüst. Die News im Überblick.

Kiew/Moskau/Berlin (dpa) - In der Ukraine ist es trotz der von Kremlchef Wladimir Putin einseitig verkündeten anderthalb Tage langen Waffenruhe zu erneuten Kämpfen gekommen. Die Ukraine, die die Feuerpause anlässlich des orthodoxen Weihnachtsfests als heuchlerisches Ablenkungsmanöver der russischen Angreifer ablehnt, erklärte, ihre Soldaten hätten vor allem im östlichen Donezker Gebiet wieder angegriffen. «Auf diese Weise gratulieren sie den Besatzern zum bevorstehenden Weihnachten!», teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. In der Kleinstadt Bachmut seien Stellungen der Russen mit 120-Millimeter-Mörsergranaten als «Geschenk» beschossen worden.

Trotz Waffenruhe Luftalarm in der ganzen Ukraine

«Der Widerstand geht weiter, bis der letzte russische Eindringling auf ukrainischem Boden getötet ist!», hieß es in der Mitteilung aus Kiew. Angegriffene russische Truppen erwiderten Moskau zufolge auch das Feuer. Die von Putin einseitig angekündigte Feuerpause ab Freitagmittag Moskauer Zeit (10.00 Uhr MEZ) wäre die erste Waffenruhe entlang der gesamten Frontlinie seit Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar vergangenen Jahres gewesen.

Für rund zwei Stunden galt am Freitag für die gesamte Ukraine trotz der Waffenruhe Luftalarm. Der Auslöser dafür sollen Medienberichten zufolge mehrere über dem benachbarten Belarus aufgestiegene russische Flugzeuge gewesen sein, die Angst vor neuen Angriffen schürten.

Russisches Militär: Angriffe ukrainischer Artillerie

Das russische Militär wiederum warf der ukrainischen Seite Angriffe vor. Obwohl sich das russische Heer an die Feuerpause halte, habe die Ukraine weiter mit Artillerie auf Ortschaften und Positionen gefeuert, erklärte Armeesprecher Igor Konaschenkow in Moskau. Es gab demnach an drei Frontabschnitten Gefechte. Im Norden nahe der Kleinstadt Lyman habe ukrainisches Militär mit Granatwerfern geschossen, etwas weiter südlich bei der Ortschaft Bilohoriwka im Gebiet Luhansk mit Artillerie. Im Süden des Gebiets Donezk habe es ebenfalls Artilleriefeuer auf russische Positionen gegeben. Die russischen Truppen schossen demnach zurück. «Bei der Feuererwiderung wurden die Positionen der ukrainischen Streitkräfte, von denen die Schüsse abgegeben wurden, niedergehalten», sagte Konaschenkow.

Ex-Präsident Medwedew beschimpft Ukrainer als «Schweine»

Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew beschimpfte die ukrainischen Politiker angesichts der Ablehnung der Waffenruhe. «Schweine haben keinen Glauben oder ein angeborenes Dankbarkeitsgefühl. Sie verstehen nur rohe Gewalt und fordern von ihren Herren quiekend Fressen», schrieb der Vizechef des russischen Sicherheitsrats in seinem Telegram-Kanal. Auch über Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock zog der 57-Jährige in dem Zusammenhang her.

Laut Medwedew hat die russische Führung den Ukrainern die «Hand christlicher Nächstenliebe» ausgestreckt. Diese sei ausgeschlagen worden, auch weil der Westen den Weihnachtsfrieden nicht zugelassen habe. «Selbst das ungebildete Weib Baerbock und eine Reihe weiterer Aufseher im europäischen Schweinestall haben es geschafft, über die Unzulässigkeit einer Waffenruhe zu meckern», schrieb Medwedew.

Putin begründet Waffenruhe-Plan mit orthodoxem Weihnachtsfest

Die Weihnachtswaffenruhe hatte Putin am Donnerstag auf Bitten des Moskauer Patriarchen Kirill verkündet. Sie sollte wegen des Weihnachtsfests noch bis Mitternacht von Samstag auf Sonntag gelten. Die orthodoxen Kirchen in Russland und in der Ukraine feiern die Geburt Jesu Christi traditionell nach dem julianischen Kalender am 7. Januar. Kiew lehnt die Feuerpause allerdings als «Heuchelei» ab. Sie diene der russischen Armee nur dazu, ihre Kräfte umzugruppieren. Beim orthodoxen Osterfest im April vergangenen Jahres hatte Moskau noch eine Feuerpause mit ähnlicher Begründung zurückgewiesen.

Selenskyj sendet Ukrainern Botschaft zum Weihnachtsfest

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wandte sich angesichts des orthodoxen Weihnachtsfests an seine Bürger. «Das ist ein Feiertag der Harmonie und des Familienzusammenhalts. Und zusammen sind wir alle eine große ukrainische Familie», sagte er in einem am Freitagabend veröffentlichten Video. Mehr als 300 Tage nach dem russischen Einmarsch sei die ukrainische Familie geeint wie nie zuvor - «in ihrem Mut, ihrer Standhaftigkeit, ihrem gegenseitigen Respekt und ihrer gegenseitigen Hilfe», erklärte Selenskyj. «Wir beschützen unser Land, unsere Kultur, unsere Traditionen, unseren Glauben», sagte er.

Deutschland liefert Schützenpanzer und Patriot-System

Nach monatelangem Zögern entschied sich die Bundesregierung am Donnerstag zusammen mit den USA erstmals zur Lieferung von Schützenpanzern an die Ukraine. Zudem stellt Deutschland Kiew für die Luftabwehr ein modernes Flugabwehrsystem vom Typ Patriot zur Verfügung. Aus Deutschland sollen die Ukrainer etwa 40 Schützenpanzer vom Typ Marder erhalten, mit denen ein Bataillon ausgestattet werden könne, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Freitag in Berlin. Die dazu in Deutschland geplante Ausbildung ukrainischer Soldaten werde nach Einschätzung von Fachleuten etwa acht Wochen dauern. Die USA schicken Bradley-Panzer. Frankreich hatte am Mittwoch angekündigt, der Ukraine Spähpanzer zu überlassen.

Telefonat mit Scholz: Selenskyj dankt für Schützenpanzer

Nach der angekündigten Lieferung neuer Waffensysteme für sein Land bedankte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem Telefonat persönlich bei Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). «Ich habe für das mächtige Verteidigungspaket gedankt, einschließlich Dutzender Marder-Schützenpanzer und des Patriot-Systems», wurde der Präsident in einer Mitteilung seines Büros in Kiew zitiert. Es sei auch über weitere Kooperation zur «Stärkung der ukrainischen Armee» gesprochen worden.

USA sagen Ukraine weitere militärische Hilfe zu

Die US-Regierung kündigte an, der Ukraine weitere Militärhilfen im Umfang von etwa drei Milliarden US-Dollar (2,8 Milliarden Euro) zur Verfügung zu stellen. Es sei das bislang größte Einzelpaket dieser Art, hieß es aus dem Weißen Haus. Darin enthalten sei auch die am Donnerstag angekündigte Lieferung der Schützenpanzer vom Typ Bradley. Das Pentagon werde im Laufe des Freitags genauere Details über die Waffensysteme mitteilen, die in dem Paket enthalten seien, hieß es.

Seit dem Beginn von US-Präsident Joe Bidens Amtszeit im Januar 2021 haben die Vereinigten Staaten bereits Militärhilfe für die Ukraine in Höhe von knapp 22 Milliarden US-Dollar bereitgestellt oder zugesagt. Die nun verkündeten drei Milliarden US-Dollar kommen noch dazu.

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06.01.2023 · 20:39 Uhr
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