KI frisst die Chips – und die Autoindustrie zahlt den Preis
Entspannung mit Verfallsdatum
Noch melden die deutschen Industriebetriebe eine spürbare Erholung. Nach Daten des ifo Instituts klagten im Dezember nur noch 7,5 Prozent der Unternehmen über Materialengpässe, nach 11,2 Prozent im November. In der Automobilindustrie fiel der Anteil sogar von 27,6 auf 5,6 Prozent. Die Lieferketten scheinen sich stabilisiert zu haben, die Produktion läuft wieder runder.
Doch diese Ruhe könnte trügerisch sein. Ifo-Experte Klaus Wohlrabe mahnt, die Lage bleibe fragil. Insbesondere Vorprodukte aus der Halbleiterindustrie müssten weiter genau beobachtet werden. Genau hier setzt die Warnung von Wells Fargo an.
Der geopolitische Schatten: Nexperia und China
Ein Grund für die jüngste Entspannung war die teilweise Lösung des Konflikts um den Chipproduzenten Nexperia. Nachdem die niederländische Regierung wegen sicherheitspolitischer Bedenken in die Unternehmensführung eingegriffen hatte, stoppte China zeitweise den Export bestimmter Chips. Das Embargo wurde zwar gelockert, doch der Fall zeigt, wie stark politische Spannungen die Versorgung mit Schlüsseltechnologien beeinflussen können.
Die Abhängigkeit der europäischen Autoindustrie von globalen Halbleiterlieferketten bleibt damit ein strukturelles Risiko.
KI als neuer Großabnehmer
Weitaus gravierender ist jedoch ein anderer Trend: der explosionsartige Ausbau von Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Nach Einschätzung von Wells Fargo richten sich immer mehr Chipproduzenten auf margenstarke Abnehmer aus dem Cloud- und KI-Sektor aus. Die Folge: klassische Industriekunden, darunter die Autohersteller, geraten ins Hintertreffen.
Im Zentrum steht der dynamische Arbeitsspeicher DRAM, der in modernen Fahrzeugen für Infotainment, Fahrerassistenz und zunehmend für autonome Funktionen unverzichtbar ist. Während KI-Anwendungen enorme Speichermengen verschlingen, macht der Automobilsektor weniger als zehn Prozent der globalen DRAM-Nachfrage aus – und verliert damit an Verhandlungsmacht.
Explodierende Preise, schwindende Priorität
Die Preisentwicklung ist bereits alarmierend. Laut Wells Fargo liegen die Spotpreise für DDR5-Speicher inzwischen mehr als achtmal so hoch wie im Jahresdurchschnitt 2024, bei DDR4 sogar mehr als sechzehnmal. Für Chipproduzenten ist klar, wo die Kapazitäten hinfließen: zu den Kunden mit den höchsten Margen.
Für Autobauer bedeutet das steigende Stückkosten und wachsende Unsicherheit in der Beschaffung. Der DRAM-Anteil pro Fahrzeug wird derzeit auf 50 bis 110 US-Dollar geschätzt – Tendenz steigend, vor allem bei Elektro- und Premiumfahrzeugen mit komplexen Software-Architekturen.
2026: Rückkehr der Knappheit?
Die Prognosen der Analysten sind düster. Für 2026 erwartet Wells Fargo ein Nachfragewachstum bei DRAM von 26 Prozent, während das Angebot nur um 21 Prozent zulegen dürfte. Rechnerisch ergibt sich daraus eine Unterversorgung von rund 14 Prozent. Ein Szenario, das Erinnerungen an die Chipkrise von 2021 weckt, als Produktionslinien stillstanden und ganze Modellreihen verzögert auf den Markt kamen.
Bereits jetzt berichten Marktbeobachter von ersten Hamsterkäufen und langfristigen Abnahmeverträgen, mit denen sich Hersteller gegen neue Engpässe absichern wollen.
Strategische Konsequenzen für die Branche
Sollten die Speicherpreise weiter steigen, stehen die Autobauer vor einer schwierigen Entscheidung: höhere Kosten selbst tragen oder an die Kunden weiterreichen. Beides birgt Risiken – für die Margen wie für die Nachfrage. Noch schwerer wiegt die Gefahr erneuter Produktionsunterbrechungen, falls Lieferungen ausbleiben.
Die Warnung von Wells Fargo macht deutlich: Die nächste Chipkrise könnte nicht durch einen pandemiebedingten Schock ausgelöst werden, sondern durch den Siegeszug der Künstlichen Intelligenz. Für die Autoindustrie wäre das eine bittere Ironie – und ein weiterer Beleg dafür, wie sehr ihre Zukunft von globalen Technologietrends abhängt, die sie selbst kaum beeinflussen kann.


