Karstadt: Auf- und Niedergang eines Traditionshauses

10. Juni 2009, 11:56 Uhr · Quelle: dpa
Düsseldorf/Essen (dpa) - «Bar, aber billig» - das war das Motto, mit dem Karstadt sich Ende des 19. Jahrhunderts Kunden und einen festen Platz in der Kaufhausbranche eroberte. Wenige Jahre zuvor, am 14. Mai 1881, hatte Rudolph Karstadt in Wismar ein Tuch-, Manufaktur- und Confektionsgeschäft eröffnet.

1000 Taler hatte er sich dafür gemeinsam mit seinen Geschwistern von seinem Vater geliehen. Die Geburt der Warenhäuser war zugleich der Beginn eine der größten Erfolgsgeschichten im deutschen Einzelhandel. Doch die Zeiten haben sich geändert: Heute, fast 130 Jahre später steht Karstadt am Abgrund.

Dass sich das Warenhausgeschäft überhaupt etablieren konnte, war allerdings nicht allein das Verdienst von Rudolph Karstadt. Zwei Jahre vor Gründung seiner Firma hatte Leonhard Tietz in Stralsund eine kleines Textilgeschäft eröffnet und damit die Grundlagen für Aufstieg des Warenhauses Kaufhof gelegt. Auch die Gebrüder Wertheim (später: Hertie) hatten, ebenfalls in Stralsund, erste Erfahrungen mit einem neuen Verkaufskonzept gesammelt: Feste Preise, Barzahlung, Umtauschrechte und frei ausgelegte Waren.

Bei den Kunden kam das zunächst nicht gut an. Denn Feilschen und Anschreiben war nicht mehr möglich. Dennoch setzten sich die damals revolutionären Marketing-Ideen der Kaufleute um Karstadt, Tietz und Wertheim durch. Denn jetzt wurden eine genauere Kalkulation und damit günstigere Preise möglich. Die Rechnung ging auf, auch für die Kunden. Mit den kontinuierlich sicheren Einnahmen konnten Karstadt & Co bei ihren Lieferanten günstigere Konditionen herausschlagen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Karstadt bereits 22 Filialen eröffnet. 1912 erfolgte das erste Großkaufhaus in Hamburg - eine moderne Filiale mit komfortablen 10 000 Quadratmetern Verkaufsfläche. 1920 wird Karstadt in eine Aktiengesellschaft umbenannt. Zum 50-jährigen Firmenjubiläum 1931 kommt Karstadt bereits auf knapp 90 Hauser und 30 000 Beschäftigte. Doch die Weltwirtschaftskrise treibt den Konzern in eine erste finanzielle Krise. Am Ende des Zweiten Weltkrieges sind viele Häuser zerstört, in der sowjetischen Besatzungszone werden alle enteignet.

Es folgt der Wiederaufbau, 1956 sind es bereits 49 Häuser. Inzwischen in Karstadt AG umbenannt zieht die Firma 1969 in die Essener Hauptverwaltung. Karstadt steigt zum größten deutschen Warenhauskonzern auf. In den 70er Jahren streckt der Vorstand seine Fühler nach neuen Geschäftsfeldern aus: Karstadt steigt in den Versandhandel (Neckermann, Quelle) und ins Reisegeschäft (NUR GmbH, Thomas Cook) ein. 100 Jahre nach Firmengründung zählt das Unternehmen 155 Warenhäuser und 75 000 Mitarbeiter. Doch schon bald soll der Konzern wieder schrumpfen.

Denn das Klima im Warenhausgeschäft ist längst rauer geworden: die Konkurrenz auf der grünen Wiese, Supermärkte und Billigdiscounter setzen besonders Karstadt zu. Die erste existenzbedrohende Krise kommt 2004. Der Vorstand trennt sich von rund 70 kleinen Warenhäusern und versilbert seine Immobilien, um den Schuldenberg abzutragen. Eine Entscheidung mit Bumerang-Effekt: Karstadt, längst zum KarstadtQuelle-Konzern gehörend, der 2007 in Arcandor umbenannt wurde, muss die verkauften Immobilien für viel Geld zurückmieten und schlittert in eine existenzielle Krise.

Handel / Arcandor
10.06.2009 · 11:56 Uhr
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